Keine große Sache (3/19)

Posted on Oktober 7, 2013

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Die Mädchen rannten die Treppe hinunter. Oben war Tumult zu hören. Rufe, die Teese nicht verstand. Ein ohrenbetörender Knall, gefolgt von einem orkanartigen Zischen. Eine glühend heiße Druckwelle verpasste Teese und Lisande einen heftigen Stoß und warf die Mädchen die Treppe hinunter. Lisande stürzte und Teese fiel über sie. Beide schrien überrascht und erschrocken zugleich.
‚Rein da. Rein da. Rein da‘, übertönten Flecks panische Schreie all das.
Teese dachte nicht nach. Sie rappelte sich auf und zerrte Lisande hoch. Zwei Schritte und sie hatten eine Tür erreicht, die links vom Turm abzweigte. Teese drückte die Klinke nieder und öffnete die Tür so schwungvoll, dass sie gegen die Turmwand donnerte. Teese hechtete in den Raum hinter der Tür und zog Lisande mit sich.
Das letzte, was sie sah, als sie die Tür hinter ihnen zuschlug, war eine Flammenwalze, die wie eine rotglühende Lawine die Treppe hinunter walzte. Die Tür schloss sich, bevor der Feuerball sie erreicht hatte. Zischend und knisternd schoss die Flammenwand den Turm hinunter und vermutlich unten aus ihm hinaus in den Gang. Man hörte Glas zerspringen und ein seltsames Geräusch, das mehr wie kochendes Wasser klang denn wie Feuer.
‚Es ist völlig außer Kontrolle geraten‘, sagte Fleck erstaunlich ruhig und trocken im Vergleich zu der Aufruhr in seiner Stimme noch vor wenigen Momenten.
„Das war knapp.“ Lisande ließ Teeses Hand los. „Was für Idioten.“
Teese schluckte und drehte sich um. Sie standen in der Bibliothek von Schastel Awrosch. Ein riesiger Raum voller Bücher. Papier, soweit das Auge reichte. Und nur durch eine Tür getrennt davon ein loderndes Feuer.
Sie konnte in Lisandes Gesichtsausdruck lesen, dass das Mädchen etwas Ähnliches dachte wie sie. Hier waren sie vielleicht in Sicherheit – aber nicht für sehr lange.
„Eine Bibliothek“, sagte Lisande. „Gibt es einen anderen Ausgang?“
Teese zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich war nur einmal hier.“
„Fragen wir ihn“, schlug Lisande vor und ging hinüber zu den Tischen in der Raummitte. Dort saß ein junger Mann, der über seine Arbeit vertieft war und ihr Hereinkommen nicht bemerkt zu haben schien. Teese wusste auch, wieso.
„Das wird nichts bringen“, sagte sie und schloss zu Lisande auf. „Das ist kein echter Mensch. Es ist Magister Pitros Double. Eine Art magischer Doppelgänger.“
„Oh.“ Lisande klang nicht wirklich enttäuscht. Eher interessiert. „Davon habe ich gelesen. Er ist wirklich gut gelungen.“
„Hm. Ja.“ Teese sah über ihren Rücken zurück zur Tür. Wie lange eine Holztür wohl gegen ein Feuer Stand halten konnte? „Lass uns sehen, ob es hier noch einen Ausgang gibt.“
Lisande wandte sich von dem Double ab und nickte. „Gut. Ich sehe auf dieser Seite nach, Du dort drüben.“
Teese ging ein Stück zurück und schritt die Reihen mit Büchern entlang. Sie erwartete nicht wirklich, hier einen Ausgang zu finden. Und tatsächlich war hier auch nichts als Regalreihen hinter Regalreihen, die an einer weiß getünchten Wand endeten.
Teese ließ sich davon nicht entmutigen und schaute im hinteren Teil des Raumes nach. Vielleicht bog hier irgendwo ein Gang zu einem Seitengebäude ab.
‚Unwahrscheinlich‘, meldete sich Fleck zu Wort. ‚Du kennst das Gebäude von außen.‘
Teese versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wo genau sie eigentlich war. War sie hier über der Küche? Sie ging zu den Fenstern auf der anderen Seite des Raumes. Hohe Fenster mit durchsichtigem Glas, das in kleinen Rauten zusammengesetzt war. Keine modernen Fenster mit Griffen zum Öffnen, sondern große, hohe Fenster wie in einer Kirche.
Teese sah hinaus und entdeckte unter sich den Innenhof mit der Ritterstatue. Dort hatte sie Nanu getroffen als diese ihr von Timars Begegnung mit seinem Bruder und dem Meister berichtet hatte. Von hier nach dort unten waren es… vielleicht zehn Meter? So ähnlich sah es aus, wenn Teese aus ihrem Dachfenster schaute. Zu hoch auf alle Fälle, um einfach hinunter zu springen.
Teese durchquerte den Raum der Länge nach. Hier gab es drei große Fenster, die in einen der großen Höfe zeigte. Den zweiten Hof? Teese war sich nicht sicher. Ging es dort links in den Hof mit der Trainingshalle? Von oben sah alles irgendwie anders aus.
„Hast Du etwas gefunden?“
Teese machte ein paar Schritte zurück und legte den Kopf in den Nacken. Lisande war eine der Leitern nach oben geklettert und hatte sich auf der Empore umgesehen.
„Nein. Du?“
„Nein.“ Die Tochter des Grafen von Argentanien sah nachdenklich zur Tür, durch welche die beiden Mädchen herein gekommen waren. „Lass uns nachsehen, ob wir vielleicht doch durch den Turm nach unten gehen können.“ Sie ging zur nächsten Leiter und kletterte behände nach unten.
„Aber da brennt es“, wagte Teese einen Einwand zu machen.
„Vielleicht nicht mehr.“ Lisande erreichte das Ende der Leiter. „Das war ein magisches Feuer. Vielleicht ist es direkt durch den Turm geschossen und dann ausgebrannt.“
Ein wenig Hoffnung keimte in Teese auf. „Ja, das wäre eine Möglichkeit.“
Die Mädchen gingen zur Tür zurück und Lisande legte ihre Hand auf die Türklinge. „Hm“, sagte sie zögernd. „Heiß.“

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