Keine große Sache(1/19)

Posted on September 30, 2013

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Wie lange hatte er es nicht gewusst? Gabriel starrte auf das Heft mit den Mathe-Aufgaben, welchen er sich bis eben noch mit höchster Konzentration gewidmet hatte. So lange, bis er gemerkt hatte, was passiert war. So lange, bis die Erinnerung wieder da gewesen war und ihm bewusst wurde, dass er sich noch eben nicht daran hatte erinnern können.
Es war unglaublich, wie sicher er sich eben noch gewesen war. Sicher über alles. Dass er Gabriel Cunningham war, der im letzten Schuljahr auf ein französisches Elite-Internat gegangen war und mit ziemlich miesen Noten und einem Hass auf diese Schule nach Hause zurück gekehrt war. Dass er nie im Leben wieder dorthin gehen wollte. Dass sein Bruder ihm aber nicht geglaubt hatte, wie furchtbar es dort gewesen war. Dass er ihm vorgeschlagen hatte, sich doch selbst zu überzeugen. Dass er mit seinem Bruder den Platz getauscht hatte. Dass Daniel an seiner Stelle auf diese Eliteschule gegangen war und er auf das englische Internat, auf dem sein Bruder bisher gewesen war.
Französische Eliteschule? Von wegen. Alle diese Erinnerungen, die er bis eben gehabt hatte, waren falsch gewesen. Magisch veränderte Erinnerungen. Denn es gab kein französisches Internat. Nein, er war auf Weltenei gewesen, der Schule der Magier in einer anderen Welt, einer abgespaltenen Welt voller Magie. Die Erinnerung daran hatte er die ganzen letzten Wochen noch gehabt, weil sein Seelentier dort zurückgeblieben war.
Gabriel hob seinen Blick von der halbfertigen Mathe-Aufgabe vor ihm, deren Lösung ihn auf einmal nicht mehr im Geringsten interessierte. Er sah durch die großen Fenster des Lesesaals auf die Gartenanlage mit ihren sauber gestutzten Bäumen und dem englischen Rasen, der im Licht des Nachmittags ruhig und beschaulich wirkte. Eine Illusion wie die falsche Erinnerung an ein französisches Internat für begabte Jungen und Mädchen.
Die Erinnerung daran bedeutete, dass sein Seelentier zerstört worden war. Und die Erinnerung an Weltenei, die nun wieder wie selbstverständlich da war und die vorherige Erinnerungen als magisches Gespinst aus Lügen enttarnte, bedeutete, dass das Seelentier wieder existierte.
Gabriel wusste, was das hieß. Daniel hatte aus Gabriels Seelentier ihr gemeinsames gemacht. So wie Gabriel es vorgehabt hatte. Er und Daniel waren eine Einheit. Sie gehörten zusammen. Sie teilten ein Leben. Da durfte es keine Geheimnisse geben. Doch Gabriel hatte ihm nicht die Wahrheit sagen können. Es ging nicht. Magie hinderte ihn daran. Sein Bruder musste Weltenei selbst gesehen haben und er musste ein Seelentier formen, denn sonst wäre die Erinnerung an die neue Welt in dem Moment wieder verloren, in welchem Daniel zurückkommen würde. Und das galt es zu vermeiden. Gabriel wollte, dass er mit seinem Bruder alles teilen konnte, auch die Erinnerung an die neue Welt und ihre verlogenen Magier.
Er hatte gewusst, was geschehen musste, um dieses Ziel zu erreichen. Daniel musste nach Weltenei, auch wenn das hieß, dass Gabriel seinen Bruder demselben hinterhältigen Zauber aussetzen musste, der ihm dort die Erinnerung an sein bisheriges Leben gestohlen hatte.
Jeder, der in die neue Welt kam, vergaß. Aber jeder erinnerte sich sofort, wenn er nur genug aus seinem alten Leben um sich fand. Deswegen mussten neue Schüler alle privaten Dinge am Anfang abgeben. Doch das hatte Gabriel gewusst. Er hatte Daniel etwas mitgegeben. Einen Brief. Und er hatte ihm eingebläut ihn auf keinen Fall abzugeben, egal was man ihm sagen würde.
Der Brief enthielt alles, was Daniel wissen musste, um Gabriels Platz perfekt einzunehmen – wenn er ihn rechtzeitig las. Und gleichzeitig würde es Daniel schlagartig an sein altes Leben erinnern. Er würde sofort wissen, wer er war, dass es Gabriel gab und was sie geplant hatten.
Das hatte auch funktioniert. Aber es war auch etwas schief gelaufen. Eine Kleinigkeit zwar nur, aber die bereitete Gabriel Bauchschmerzen. Wenn ein Schüler seine Erinnerung zurückerhielt, ohne ein magisches Talent gefunden zu haben, würde er es niemals finden können. Er würde ein Universalminimalist sein, ein Alleskönner-Magier, ein Magier ohne Talent, der keine eigene Magie besaß – so wie Gabriel.
Doch Daniel hatte sein Talent praktisch sofort gefunden. Bevor er den Brief gelesen hatte, der ihm seine Erinnerung zurückgegeben hatte. Daniel war ein Musikmagier. Gabriel war ein Talentloser. In den Augen der Magier war Daniel der bessere Magier. Der Bessere. Wie in der alten Welt auch.
Das war falsch gelaufen. So hatte sich das Gabriel nicht vorgestellt. Aber würde es im Endeffekt einen Unterschied machen? Gabriel war sich sicher, sein Bruder würde Weltenei nicht mögen. Gabriel hatte ihm alles geschrieben. Hatte ihm alles offenbart. Es bestand kein Zweifel. Außer, Daniel würde seine magischen Fähigkeiten mehr lieben als ihn. Das würde nicht der Fall sein.
Gabriel kaute auf seiner Unterlippe und versuchte den trotz Allem nagenden Zweifel zu verdrängen. Sein Bruder würde niemals nach Weltenei gehen wollen. Niemals. Keinesfalls. Und wenn doch, würde er dafür sorgen, dass das unmöglich wäre. Lieber wäre ihm, sie würden beide die neue Welt vergessen als dass er Daniel verlieren würde. Eher würde er ihr gemeinsames Seelentier vernichten als das zulassen.
Gabriel atmete tief durch. Plan B. Wenn alles schief laufen würde. Etwas beruhigter senkte er den Blick zurück auf die Mathe-Aufgabe. Er hatte alles unter Kontrolle. Er hatte immer alles unter Kontrolle.
Er zwang sich, sich wieder auf die reale Welt zu konzentrieren. Einen Moment später kratzte sein Füller über die Karokästchen des Rechenhefts, während er die Hausaufgaben bearbeitete, welche er in Daniels Namen abgeben würde. So wie die Tage zuvor.

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