Das Experiment (19/19)

Posted on September 2, 2013

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Dann würde Lisande eine Magierin werden. Sie wäre der lebende Beweis, dass praktisch jeder Nichtmagier ein Magier werden konnte. Und dann war doch die Frage, warum man es den Menschen der neuen Welt vorenthalten sollte, ein Magier zu werden.
‚Ro hat Dir gesagt, warum Nichtmagier keine Magier werden sollten‘, sagte Fleck. Das Kaninchen hatte den Kopf aus der Transporttasche geschoben und sah zu, wie Efraim zu Timar ging und ihm die Aura-Kugel in die Hand drückte.
‚Ja‘, gab Teese zu. ‚Das hat er gesagt. Weil Magier ihre Magie sammeln, um sie am Ende ihres Lebens für die alte Welt zu verwenden. Menschen aus der neuen Welt würden dies nicht tun und die Magie würde nicht zurückfließen.‘
‚Eben‘, sagte Fleck.
‚Aber‘, wagte Teese einen Einwand, ‚wenn es in der neuen Welt genug Magie gibt, die ohnehin nicht in Magier in der alten Welt fließen kann, dann ist doch auch gar nichts verloren, oder?‘
Einen Moment schwieg das Seelentier. Teese sah zu, wie Timar die Aura-Kugel behutsam in seiner Hand drehte als suche er eine schwache Stelle.
‚Nun ja‘, sagte Fleck dann. ‚Die einzige ungenutzte Magie, die ich bisher gesehen habe, ist die von Ro.‘
Timar umschloss die Aura-Kugel fest mit der Hand. Er hob den Arm und mit aller Kraft schleuderte er die Aura-Kugel auf den Boden.
Was dann geschah, hatte Teese bereits im letzten Jahr gesehen. Yophus hatte die Aura-Kugel aus dem Erinnerungsschiff, welche sie Teese gestohlen hatte, zu Timar gebracht. Und als Nanu Timar attackiert hatte, war die Aura-Kugel zu Boden gefallen und zersprungen. Die Magie war freigesetzt worden, so wie es nun der Fall war.
Goldene Blitze waren in den Raum geschlagen. Man hatte das Zischen und Knistern der Magie gehört, als große Blitzbündel davon geschossen waren. Ein Magieblitz war durch das Dach geschossen, ein anderes direkt durch ein Fenster. Zischend wie Wasser auf einer heißen Herdplatte, hatte sich Magie durch den Boden gefressen. Die Magie war davon geschossen.
Doch dieses Mal war etwas anders. Kaum dass die Kugel auf dem Boden aufgeschlagen war und in unzählige Stücke zerbrach, sausten die goldenen Blitze nicht in alle Himmelsrichtungen davon, sondern direkt auf Teese zu.
Das Mädchen fand keine Zeit, in irgendeine Weise zu reagieren, außer die Hände abwehrend nach vorne zu strecken. Doch das hielt die wie elektrisch knisternden Magiebündel nicht auf. Die Magie ergoss sich in Teese und verlosch auf der Stelle.
Kurz prickelten ihre Hände, als sie mit der Magie in Berührung kamen. Doch es war nicht mehr wie die feinen Funken einer Wunderkerze, welche nur ganz leicht piekten. So bedrohlich wie die goldenen Magieblitze zischten und knisterten, kaum dass sie Teese berührten, verloschen sie und wurden von ihr absorbiert.
Nach nur wenigen Augenblicken war der Spuk vorbei. Teese stand wie versteinert da, ihre Hände noch immer in einer abwehrenden Haltung nach vorne gestreckt.
Sie fühlte sich unvermittelt als wäre sie nach einem heißen Tag durstig nach Hause gekommen und hätte gerade eine eiskalte Cola getrunken. Es fühlte sich so gut an. Die Erschöpfung, die sie bis eben erfüllt hatte, war wie weggeblasen.
‚Die Magie ist in Dich eingeschlagen‘, sagte Fleck überrascht. ‚Nicht in Lisande.‘ Das Kaninchen lachte amüsiert. ‚Natürlich. Sie ist ein leeres Gefäß, aber Du warst das leerere.‘
Teese hatte ihren Magiespeicher komplett geleert, als sie die Aura-Kugel hierher zurückverfolgt hatte. Und die Magie war dem größten Gefälle gefolgt. Sie war nicht zu Lisande geflossen, sondern zu Teese.
Timars schöner Plan war von einem Moment zum anderen vereitelt. Das Experiment war gescheitert noch bevor es begonnen hatte.

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