Das Experiment (17/19)

Posted on August 26, 2013

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Die Mädchen quietschten überrascht und ließen eine Schale fallen. Gemüseabschnitte ergossen sich über den Boden. Die Schale rollte laut scheppernd unter einen Tisch, während die Mädchen an die hintere Wand zurückwichen und Teese furchtsam ansahen.
„Äh. Tut mir leid“, setzte Teese an. „Ich wollte niemanden erschrecken. Ich bin nur… auf dem Weg nach…“ Sie deutete vage in Richtung Tür.
Die beiden Mädchen starrten sie gegen die Wand gepresst an und brachten kein Wort hervor. Wie zwei Kaninchen vor einer Schlange.
‚Geh weiter‘, drängte Fleck. ‚Du hast nicht mehr viel Zeit.‘
„Dann… gehe ich mal lieber.“ Teese machte eine entschuldigende Geste zu den Mädchen und eilte zur Tür. Sie verließ die Küche und trat in den Korridor, in welchem sie am Abend zuvor mit Nysrael gewesen war. Der rote und der violette Magiestreifen in der Luft wandten sich nach links in Richtung des Treppenhauses.
Teese kämpfte sich Stufe um Stufe nach oben. Sie hatte das Gefühl, Blei in ihren Beinen zu haben. Mit jedem Schritt wurde sie schwächer. Wenn sie gewusst hätte, dass es sich so anfühlen würde, ihren Magiespeicher zu leeren, dann hätte sie gerne darauf verzichtet. Hätte Ro doch die Kugel selbst suchen sollen oder sie hätte Nanu gerufen und… nun, jetzt waren solche Überlegungen müßig.
Teese war fast vollkommen wieder normal gefärbt. Um ihre Hüfte hing noch ein violetter Ring wie ein dicker Hula-Hoop-Reifen. Ihr Magiespeicher hatte sich von oben und unten zugleich entleert, über die Füße, die Arme und den Kopf.
Jetzt verblieb nur noch wenig Magie in ihrem Körper. Und es wurde so schwer weiter zu gehen. Die Treppe schien nie enden zu wollen. Der Turm schien in die Unendlichkeit des Himmels zu führen. Dabei wusste Teese, wie hoch der Turm war und wo diese Treppe enden würde. An einer Tür, vor welcher ein rotgekleideter Soldat stand. Oder jedenfalls hätte stehen sollen.
Die Tür zum Verließ, dem luftigen Gefängnis der jungen Gräfin von Argentanien war unbewacht. Der rote und der violette Kondensstreifen führten direkt durch die Tür und in den Raum dahinter. Teese hatte keine Kraft mehr, darüber nachzudenken. Sie öffnete die Tür und trat ein.
Vor ihr erstrahlte der ganze Raum in Rot und Violett. Ein ganzes Knäuel aus magischen Linien durchzog das Zimmer. Derjenige, welcher die Aura-Kugel an sich genommen hatte und der Träger der rotleuchtenden Magie war, musste hier auf und ab gelaufen sein, hin und her.
Und stehen geblieben war er schließlich am Fenster. Teese war nicht überrascht, ihn zu sehen. Efraim, Timars Halbbruder. Die violette Kugel hielt er lässig in der linken Hand. Ein rot pulsierendes Schwert steckte in der umgebundenen Scheide. Waffe und Kugel strahlten beide so überaus Hell und dann plötzlich mit einem Schlag, verloschen die Lichter und die Farben. Die Welt sah wieder vollkommen normal aus und unmagisch. Teeses Magiespeicher war bis auf das letzte Bisschen geleert.
„Du auch?“
Teese wandte erschrocken ihren Blick. Aber natürlich war Efraim nicht alleine hier. Auf dem Bett saß Lisande und hatte die Augenbrauen missbilligend hochgezogen. Sie hatte diese Worte gesprochen.
Timar, welcher rechts von ihr stand, sah Teese feindselig an, schwieg aber. In ihrem Rücken wurde die Tür zugeschlagen und Teese fuhr herum. Fürst Edomar lehnte sich demonstrativ mit dem Rücken gegen die Tür. In seinem Blick sah Teese Bedauern. Ihr dämmerte, dass es keine gute Idee gewesen war, diesen Raum zu betreten.
Sie hatte keinen Moment darüber nachgedacht, was sie jetzt tun sollte, nachdem sie die Kugel wiedergefunden hatte. Natürlich war ihr klar gewesen, dass Efraim und Timar sie in ihren Besitz gebracht hatten und dass dort, wo sie waren auch der Meister sein würde, Fürst Edomar.
‚In die Falle getappt‘, sagte Fleck. ‚Tut mir leid, Teese. Das war mein Fehler.‘
‚Nein‘, widersprach Teese. ‚Ich hätte… Ach, jetzt ist es auch egal.‘
Teese versuchte, die Müdigkeit abzuschütteln, die sie fühlte. Wie lange würde es wohl dauern, bis ihr Magiespeicher sich wieder füllen würde? Sie wusste, dass Magie langsam aus der neuen Welt in sie zurücksickern würde. Aber wie lange würde das dauern? Minuten? Stunden? Tage? Oder gar noch länger?
Egal wie lange es dauern würde, es würde zu lange sein. Ohne ihren Magiespeicher fühlte sich Teese wie benebelt vor Erschöpfung. Ihre Gedanken krochen langsam durch ihren Kopf. Sie war in der Falle. Trotzdem musste es doch irgendetwas geben, was sie tun konnte. Irgendetwas, um zu verhindern, dass…
„Nein, Dekananwärterin Teese gehört nicht zu uns“, antwortete Fürst Edomar auf Lisandes fassungslose Frage, die Teese fast schon vergessen hatte.
„Sie muss Dir gefolgt sein“, sagte Timar zu Efraim und Verärgerung schwang in seiner Stimme mit.
„Na und?“, wollte Efraim wissen. „Dann beseitigen wir sie einfach.“
„Das wird nicht gehen“, erwiderte Timar gereizt. „Das habe ich Dir bereits gesagt.“
„Ich könnte es trotzdem versuchen.“ Efraim grinste und griff nach seinem Schwert.
„Nein.“ Fürst Edomars Stimme war schneidend. „Solange die Dekananwärterin in meiner Burg ist, wird ihr nichts geschehen.“
Efraim zögerte, senkte dann aber die Hand. Er zuckte mit den Schultern.

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