Das Experiment (16/19)

Posted on August 19, 2013

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Im Gastraum traf Teese auf einen weiteren magischen Kondensstreifen. Er war rot und begann reichlich unvermittelt vor dem Tresen. Jemand musste hier Magie gewirkt und dann den Raum durch die Tür verlassen haben, denn dorthin führte dieser rote Streifen, parallel zu jenem violettem, welcher von der Aura-Kugel stammte.
‚Rot wie das Schwert auf der Brücke‘, sagte Fleck.
Teese schauderte, als sie daran zurück dachte, wie die Schärgen sie und Ro kurz vor Schastel Awrosch gestellt hatten. Einer der Schärgen hatte ein magisches Schwert besessen. Vermutlich war es jedoch nicht die einzig magische Waffe, die in der neuen Welt in Umlauf war.
Ein Magier benötigte keine magische Waffe. Er konnte jede Waffe mit seiner eigenen Magie nutzen. Magische Waffen waren etwas für Magiefühlende, für die Kinder von Magiern. Es waren objektmagische Gegenstände für die erste Generation in der neuen Welt.
Teese folgte der roten Linie zur Tür. Kein Nichtmagier konnte einer magischen Waffe etwas entgegen setzen. Das zu versuchen war in ungefähr so als wolle man eine Pistolenkugel mit der Hand stoppen.
‚Wenn der Gastwirt klug gewesen ist, ist er rechtzeitig davon gelaufen‘, sagte Fleck.
Teeses Magen krampfte sich zusammen. ‚Hoffentlich.‘
‚Blut ist hier jedenfalls keins‘, fügte Fleck hinzu.
Teese drückte energisch die Türklinke herunter und trat ins Freie. Der Geruch von Fisch und Moder schlug ihr entgegen. Sie war wieder an den Forellenteichen. Die beiden Linien in Rot und Violett führten an ihnen vorbei und verschwanden in einer schmalen Gasse.
Teese folgte ihnen in eine Straße mit kleinen Läden. Hier wurde Obst verkauft, Kleidung und hübsche Anhänger. Teese fielen sie ins Auge, weil einige von ihnen magisch grün leuchteten, andere hingegen in einem glänzenden Hellblau. Anscheinend waren es magische Anhänger, vielleicht irgendwelche Schutzzauber.
Teese passierte eine Bäckerei und eine Art Bistro, vor welchem vier ältere Herren saßen und miteinander Tee tranken. Gegen einen Tee hätte Teese auch nichts einzuwänden gehabt und eine kurze Pause hätte sie auch zu gerne gemacht. Sie war den ganzen Tag auf den Beinen und fühlte sich müde.
‚Das liegt an Deinem Magiespeicher‘, erklärte Fleck. ‚Er ist schon zu einem Drittel leer.‘
Dieses Mal konnte Teese es sogar selbst sehen. Ihre Hände waren nicht mehr violett und ihre Unterarme ebenso. Ein leichtes Leuchten umspielte noch ihre Ellenbogen. Auch ihre Schuhe waren bereits wieder braun und nicht mehr strahlend violett.
Teese hatte bei Selm natürlich bereits mit ihrem eigenen Speicher Magie gewirkt. Immerhin lernte sie dort die Magie der Alleskönner, der Universal-Minimalisten. Aber sie hatte nie viel davon nutzen müssen. Selm hatte es nie darauf ausgelegt, ihre Schüler zu erschöpfen. Vielleicht kam das in späteren Lektionen, wenn es darum ging, den eigenen Magiespeicher zu erweitern. Jetzt allerdings lernte Teese erst einmal nur verschiedene Formen von Magie.
Sie begann aber zu verstehen, warum die Magier mit Talent sich lieber auf eben jenes stützten anstatt auf fremde Magie, welche sie Kraft kostete. Jeder Schritt, den Teese tat, fiel ihr schwerer. Sie war bereits erschöpft als sie die beiden magischen Kondensstreifen zurück zur Burg geführt hatten. Und da war ihr Magiespeicher noch zu einem letzten Drittel gefüllt.
Es war als wäre man einen Marathon gelaufen und würde am Ziel erfahren, dass man erst die Hälfte der Strecke geschafft hatte. Nicht nur, dass man erschöpft war, man hatte auch einfach keine Lust mehr, weiter zu machen. Man würde es ohnehin nicht schaffen.
Teese bewunderte Ro insgeheim dafür, wie er es so spielend geschafft hatte, seinen Magiespeicher immer wieder komplett zu leeren, um neue Magie in sich aufzunehmen und dadurch seinen Magiespeicher jedes Mal zu erweitern. Sie hatte den Vorgang in seinem Erinnerungsschiff selbst erlebt. Er war nicht halb so erschöpft gewesen wie sie nun, als sie durch das Portal wieder in den Burghof trat.
‚Er hat es schnell gemacht‘, sagte Fleck, welcher Teeses Gedanken gefolgt war. ‚Er hat seinen Speicher schnell geleert und schnell wieder gefüllt.‘
Teese nickte. ‚Ja, das stimmt.‘
Ro hatte seine gesamte Magie in seine Schwerter gegeben und damit den Riesen getötet. Die bei seinem Tod freigewordene Magie hatte ihn schlagartig wieder ausgefüllt. Da war tatsächlich nicht viel Zeit geblieben, um erschöpft zu sein.
Teese allerdings fiel es schwer, jetzt noch weiter zu gehen. Sie hätte sich am liebsten einfach irgendwo hingesetzt und wäre vermutlich sofort eingeschlafen. Oder – und der Gedanke war sehr verlockend – sie hätte einfach die Augen geschlossen, sich daran erinnert, dass sie Teese war und nicht ein Drache. Wenn sie dann ihre Augen wieder öffnen würde, dann wäre der Zauber beendet und keine weitere Magie würde aus ihr abgezogen werden.
‚Es kann nicht mehr weit sein‘, versuchte Fleck das Mädchen zu motivieren. ‚Die Kugel muss hier irgendwo sein. Efraim hat sie gestohlen, um sie zu Timar zu bringen und dem Meister.‘
‚Ja.‘
Teese war inzwischen selbst für viele Worte zu müde, selbst wenn sie nur in Gedanken gesprochen wurden.
Wie in Trance folgte sie der violetten und der sie begleitenden roten Spur in den zweiten Burghof und von dort in eine kleine Gasse, die an einer Tür endete. Teese hielt inne, als ihr klar wurde, wo sie war. Hier hatten sich Timar und Efraim das letzte Mal getroffen und hinter dieser Tür hatte der Meister gestanden.
Die beiden Kondensstreifen führten direkt durch die Tür hindurch. Teese drückte die Klinke herunter in der Erwartung, dass die Tür sicher verschlossen sein würde. Doch sie ließ sich problemlos öffnen. Teese betrat die Küche der Burg und sah sich zwei Mädchen gegenüber, welche Gemüse putzten.

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