Das Experiment (15/19)

Posted on August 16, 2013

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Teese dachte daran zurück, wie Yophus im letzten Jahr eines der Erinnerungsschiffe aus ihrem Zimmer gestohlen hatte. Sie hatte sie für ihre Aura-Kugel gehalten und hatte sie Timar zeigen wollen, weil sie sich sicher war, dass es Teese gewesen war, welche ihn und sie in der Schwitzhütte eingeschlossen hatte. Sie hatte zu Recht angenommen, dass die Erinnerung daran zusammen mit der Magie in Teeses Aura-Kugel geflossen war. Nur hatte sie eben nicht die Aura-Kugel genommen, sondern ein Erinnerungsschiff, das Dekan Ezzo Teese zu Studienzwecken mitgegeben hatte.
‚Seth hat für mich ein gestohlenes Erinnerungsschiff gesucht‘, erklärte Teese Fleck.
Erinnerungsschiffe und Aura-Kugeln waren doch im Prinzip dasselbe. Leere Kugeln, in welche Magie gegeben wurde, einmal um Erinnerungen zu speichern und das andere Mal, um ein Seelentier daraus zu formen.
‚Die Kugel lag in einer Kiste wie dieser‘, fuhr Teese fort, ‚Seth hat daran gerochen und ist dann der Spur gefolgt. Eine Duftspur wie die Fährte eines Tieres. Er hat gesagt, dass er einfach wie ein Drache die Magie wahrnehmen würde und…‘
Teese stockte. ‚Das ist keine Magie, die ich nutzen kann.‘
‚Nun, nicht als Teil Deines Talents‘, sagte Fleck.
Teese nickte. Es war nicht so, dass sie nur Sympathiemagie wirken konnte. Jeder Magier konnte alle Formen der Magie nutzen, wenn er wusste, wie es ging und bereit war, den Preis dafür zu zahlen. Fremde Magie kostet Kraft. Daher nutzten fast alle Magier mit Talent nur ihre eigene Art der Magie. Alleine Magier ohne Talent zauberten mit Magie, welche sie Kraft kostete.
‚Oder Magier wie Du‘, erinnerte Fleck sie. ‚Du nimmst freiwillig an Selms Unterricht für die Universal-Minimal teil.‘
‚Ja‘, sagte Teese langsam. Sie sah auf die Kiste zu ihren Füßen und die inzwischen drei leeren Vertiefungen. Sie bückte sich und legte die volle Aura-Kugel, welche sie noch immer in der Hand gehalten hatte, zurück an ihren Platz.
Sie hob die Kiste vor ihren Kopf und beugte sich darüber. Teese schloss die Augen und dachte an Nanu. Sie war doch schon oft in den Gedanken ihres Drachen gewesen und in seinen Erinnerungen. Sie hatte gesehen, wie Nanu versuchte hatte, den Geruch des Meisters hinter der Tür wahrzunehmen.
Sie hatte gesehen, wie seine Magie für Nanu ausgesehen hatte, die Magie eines Menschen, dessen Eltern Magier waren. Sie hatte keinen Geruch besessen und keinen Klang. Nanu hatte sie auch nicht spüren können. All dies hätte Nanu bei normaler Magie wahrnehmen können. Doch alles, was bei einem Magiefühlenden zu erkennen war, war die Farbe der Magie. Dunkelblau im Fall des Meisters. Teese öffnete die Augen und die Welt erstrahlte in Farben.
„Oh“, hauchte sie.
Das, was sie sah, war wunderschön. Fleck strahlte in einem leuchtenden Violett. So als wäre das Kaninchen aus buntem Papier in dessen Inneren jemand eine Glühlampe angeschaltet hatte.
Teese hob ihren linken Arm. Sie selbst war ebenso violett. Ihre Haut, ihre Fingernägel, die feinen Härchen auf ihrem Arm. Sie sah an sich herunter. Alles war leuchtend Violett. Ihre Kleidung und die Schuhe.
Die Schatulle in ihrer rechten Hand hingegen strahlte Orange. Ein hübsches, sattes Orange wie ein Sonnenuntergang am Meer. Sogar die Kugeln in dem Holzkistchen waren Orange, bis auf die eine, welche mit Magie gefüllt war. Sie war violett.
Teese fröstelte. Das war Ros Magie. Sie war ebenso violett wie ihre eigene. Während das Orange zu Dekan Ezzo gehören musste. Woher kam es, dass Ro und sie Magie derselben Farbe hatten? Weil sie dasselbe Talent besaßen?
‚Wollen wir los?‘, erkundigte sich Fleck. ‚Du verbrauchst bereits Magie, Teese.‘
Teese war irritiert. ‚Woran siehst Du das?‘
‚Du verblasst.‘
Teese sah hektisch an sich herunter. War das Violett weniger stark? Sie konnte keinen Unterschied erkennen.
‚Deine Haarspitzen haben bereits wieder ihre natürliche Farbe.‘
Teese wandte den Kopf und musste lachen. Das war dumm. Natürlich konnte sie ihren Pferdeschwanz nicht selbst sehen, ohne in einen Spiegel zu blicken.
‚Okay, dann gehen wir besser. Ich muss jetzt nur die Spur finden…‘
Teese sah sich um. Ein violetter Schimmer lag in der Luft. Ungefähr auf Hüfthöhe. Er sah aus wie der Kondensstreifen eines Flugzeugs. Ein Kondensstreifen jener Art, wenn das Flugzeug schon lange vom Himmel verschwunden war und sich die Linie aufzulösen begann – nur eben in Violett statt in Weiß.
Teese war sich sicher, dass diese Spur am Anfang klar und kompakt gewesen sein musste. Wie eine violette Wäscheleine. Doch inzwischen war die Magie verschwommen, so als würde sie sich in der Luft auflösen.
Teese wurde klar, dass solche Spuren verloren gingen im Laufe der Zeit. Seth hatte Probleme gehabt, die Magie des Erinnerungsschiffes zu riechen. Sie war verdünnt worden und hatte sich verteilt. Besser, wenn sie sich beeilen würde.
‚Dann komm.‘
Teese stellte die Kiste ab und verschloss sie wieder. Dann hob sie Fleck in die Transporttasche und lief dem violetten Kondensstreifen hinterher, zurück in den Gang und die Treppe hinunter.

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