Das Experiment (14/19)

Posted on August 12, 2013

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Die Treppe führte über einen kleinen Absatz hinauf in den zweiten Stock und in einen Korridor wie jenen im Erdgeschoss. Auch hier gab es zwei Durchgänge. Die Elster entschied sich für jenen, der in den Bereich über dem Gastraum führte. Wieder war es ein Gang, in den Teese kam. Jeweils drei Türen waren in den Wänden zu beiden Seiten eingelassen. Hiinter ihnen mussten die Zimmer liegen.
Agleister hüpfte inzwischen auf dem Boden Teese voran und blieb vor der mittleren Tür in der rechten Wand sitzen. Allerdings hätte der Vogel problemlos den Raum betreten können, denn die Tür war nicht verschlossen. Sie stand vielmehr einen Spalt weit offen. Teese hielt inne.
Ihr war bereits bei der Stille in diesem anscheinend verlassenen Gasthaus unheimlich zu Mute gewesen, aber die offene Tür ließ ihr Herz besorgt bis zum Hals schlagen. Waren die Schärgen bereits hier gewesen? Waren sie vielleicht immer noch da.
‚Lass mich runter‘, befahl Fleck. ‚Ich sehe nach.‘
Mit einem Knoten im Hals hob Teese ihr Seelentier aus seiner Tasche und setzte es auf den Boden. Fleck zwängte sich durch die angelehnte Tür und hoppelte kaum hörbar über den Holzboden. Die Elster zögerte kurz und hüpfte ihr dann hinterher.
Teese blieb alleine auf dem Flur zurück und sah unruhig den Gang hinauf und hinunter. Alle anderen Türen waren geschlossen. Niemand war hier. Kein Grund zur Besorgnis.
‚Teese.‘
Teese zuckte erschrocken zurück, doch es war nur Flecks Stimme in ihrem Kopf. Sie atmete einmal tief durch, während ihr Seelentier weiter sprach.
‚Du kannst herein kommen. Es ist niemand hier. Aber es war jemand hier.‘
Teese folgte den beiden Seelentieren in den Raum. Unvermittelt musste sie an ihr eigenes Zimmer denken, seit Flaumschnabel mit ihr zusammen wohnte. Das Formori-Mädchen ließ alles stehen und liegen, wo sie es zuletzt benutzt hatte. Ordnung war ihr vollkommen fremd. Wenn Teese nicht jeden Tag aufgeräumt hätte, hätte es bei ihnen im Zimmer wohl so ausgesehen wie hier.
Mehrere Kleidungsstücke lagen über den Boden verteilt. Ros Schlafmatte war halb unter das Bett gerollt. Drei Bücher lagen rechts des umgekippten Rucksacks. Halb über ihnen lagen die beiden Schwerter.
Die hölzerne Schachtel, in welcher Dekan Ezzo Ro die Aura-Kugeln übergeben hatte, stand direkt vor dem Rucksack auf dem Boden. Geöffnet.
In ihr lagen zehn Kugeln. Zwei der zwölf Vertiefungen waren leer. Eine Kugel hatte Dekan Ezzo bereits auf Weltenei heraus genommen. Für Rinnir, wie Teese vermutete. Nun fehlte eine weitere. Seltsamer Weise war allerdings genau jene Kugel noch in der Schachtel, nach welcher Timar verlangt hatte: eine Kugel mit Magie.
Teese bückte sich und nahm die Kugel in die Hand. In ihr schwappte bei der schnellen Bewegung schwarzglänzende Magie umher. Jacopos Magie, welche Ro aus dem Jungen gezogen und in die Kugel gefüllt hatte.
‚Efraim hat eine leere Kugel mitgenommen?‘, wollte Teese ungläubig wissen.
Dass es Timars Bruder gewesen war, der hier eingedrungen war und die Kugel an sich genommen hatte, daran zweifelte Teese keinen Moment.
‚Eine leere Kugel? Das glaube ich nicht‘, sagte Fleck. ‚Ro war mehrere Tage hier in Schastel Awrosch. Vermutlich hat er eine weitere Kugel gefüllt.‘
‚Er hat nichts gesagt‘, machte Teese einen Einwand und blickte unschlüssig auf die Kugel in ihrer Hand.
Leider konnte sie Ro nicht über Gedankenrede dazu fragen. Aber wenn er noch ein weiteres magiekrankes Kind gefunden hatte, wusste davon außer ihm vermutlich nur noch das Kind.
‚Und Agleister‘, sagte Fleck.
Kaninchen und Mädchen sahen zu der Elster, welche auf die Fensterbank flatterte und mit dem Schnabel gegen die Scheibe pickte. Anscheinend wollte sie raus gelassen werden. Teese zögerte und griff mit der freien Hand nach dem Fensterknauf.
‚Frag sie‘, schlug Fleck zu.
Teese hielt inne und sah die Elster an. „Fehlt eine gefüllte Kugel?“, wollte sie wissen, ihre Hand auf dem Knauf, ohne das Fenster zu öffnen.
Die Elster krächzte.
„Heißt das ja?“, hakte Teese nach.
Die Elster krächzte erneut.
Teese sah zu ihrem Kaninchen. ‚Kannst Du sie nicht fragen?‘, wollte sie wissen.
‚Ich…‘, setzte Fleck an und verstummte dann.
Die Elster hatte sich umgewandt und sah zu dem Kaninchen, das auf dem Boden hockte. Teese konnte nicht hören, dass zwischen den beiden etwas gesprochen wurde, doch beide Seelentiere sahen sich wie erstarrt an. Teese schwieg und wartete ab.
Nach wenigen Augenblicken wandte sich Agleister ab und pickte energischer als zuvor gegen die Fensterscheibe.
‚Lass sie raus‘, sagte Fleck. ‚Ich weiß Bescheid.‘
Teese drehte den Fensterknauf um und öffnete das Fenster. Die Elster schwang sich von der Fensterbank und flog mit schnellen Flügelschlägen davon.
‚Und?‘, wollte Teese wissen.
‚Ro hat eine weitere Kugel gefüllt‘, sagte Fleck. Das Kaninchen schüttelte den Kopf, dass die Ohren schlackerten.
Teese sah auf die Kugel in ihrer Hand, die somit vielleicht gar nicht Jacopos Magie enthielt, sondern die eines anderen Kindes.
‚Und jetzt?‘, wollte sie wissen.
‚Agleister fliegt zu Ro‘, sagte Fleck.
‚Und wir?‘
‚Meinst Du, Du könntest herausfinden, wohin die Kugel verschwunden ist?‘, wollte Fleck wissen.
Teese sah auf die Kugel in ihrer Hand als könne sie in der schwarzglänzenden Magie die Zukunft lesen. Leider war das aber nicht der Fall.
‚Vielleicht‘, sagte sie langsam. ‚Ich habe schon einmal gesehen, wie jemand eine Aura-Kugel aufgespürt hat.‘

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