Das Experiment (13/19)

Posted on August 10, 2013

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‚Das sind… Forellenteiche‘, entfuhr es Teese irritiert. ‚Mitten in der Stadt.‘
‚Nur hier ist es sicher‘, sagte Fleck. ‚Du hast doch gesehen, dass sie innerhalb der Stadtmauer auch ihr Gemüse anbauen, Hühner züchten und Obstbäume gepflanzt haben.‘
‚Ja.‘ Das hatte Teese vom höchsten Turm des Colligats gesehen. ‚Aber es ist mitten in der Stadt‘, beharrte sie auf ihrem Punkt.
‚Den Forellen scheint es nicht zu schaden.‘
‚Das natürlich nicht, aber…‘
Man roch es. In erster Linie roch es nicht einmal nach Fisch. Aber es roch irgendwie modrig und gammelig. Wie eine Mischung aus feuchtem Keller und öffentlicher Toilette. Dazu der Geruch von totem Fisch. Das war interessant, denn tote Fische waren keine zu sehen.
Es gab drei Verkaufsstände, die nicht mehr waren als Holztische an welchen Schilder hingen mit Bildern von Fischen und jeder Menge Zahlen. Vermutlich verrieten sie, was der jeweilige Kilopreis war. Teese sagten sie nichts.
Ein junger Mann, der ganz in Hellgrün gekleidet war, gestikulierte mit einer alten Frau, die wohl Fisch kaufen wollte, und ging dann mit einem Schubkarren los am Teich entlang. Teese blieb im Schatten der Häuser stehen und sah kurz zu, wie er die Karre abstellte, ein Netz an einem langen Holzstiel aus ihr herausholte und dann mit gekonntem Schwung das Netz ins Wasser schob. Der ganze Teich war voller Luftblasen als würde das Wasser unvermittelt kochen als die Fische versuchten zu fliehen. Doch es waren zu viele auf zu engem Raum.
Der Mann zog seinen Köcher voller Fische heraus, griff beherzt hinein und warf einen Fisch in den Schubkarren. Er sah zurück zu der alten Frau, welche sich auf die Zehenspitzen gestellt hatte, um besser sehen zu können. Sie nickte energisch.
Der Mann griff nach einem Schlegel, der Teese an einen Baseballschläger erinnerte, und schlug zu. Mehrmals knallte der Schläger auf den Fisch in der Karre. Er zuckte hin und her und lag dann still.
Die Schubkarre wurde zu einem langen Holztisch am Rande der Teiche gefahren und der Fisch dort abgelegt. Vor dem Tisch war eine lange Rinne, durch welche beständig Wasser lief. Der Mann nahm ein Messer und nahm den Fisch aus. Die Innereien warf er in die Rinne und hielt danach den Fisch in das fließende Wasser.
Er wurde sorgfältig ausgewaschen und dann in etwas eingewickelt, das entweder dünnes Leder war oder ein welkes Blatt Rhabarber. Für ein paar Münzen wurde er an die alte Frau verkauft.
Inzwischen waren bereits zwei weitere Kunden gekommen und das Gestikulieren begann von Neuem. Offenkundig ging es um die Länge des gewünschten Fisches.
Ein heiseres Krächzen ließ Teese aufschrecken. Die Elster war vor ihren Füßen gelandet und blickte sie vorwurfsvoll an.
„Ja. Ja, ich komme schon.“
Teese riss sich von den Fischteichen los und eilte der Elster hinterher, die sich wieder in die Lüfte erhob und zu einem Haus am Rande der Teiche flog. Es war nicht schwer, in dem Gebäude ein Gasthaus zu erkennen. Auf einem Schild mit zwei Fischen, die leicht gebogen einen Kreis formten, stand ‚Zum munteren Fischlein‘. Zur Sicherheit hing ein weiteres Schild drunter, welches ein gekreuztes Besteck zeigte.
Einen Moment sah Teese irritiert auf dieses Symbol mit dem Gefühl, dass irgendetwas daran anders war als das Zeichen für ‚Essen und Trinken‘ in der alten Welt. Dann erkannte sie es. Normaler Weise waren Messer und Gabel abgebildet. Hier waren es Gabel und Löffel.
Teese zuckte zusammen, als die Elster auf ihrer Schulter landete.
„Da hinein?“, wollte sie sicherheitshalber noch einmal wissen.
Die Elster krächzte ungeduldig.
„Gut. Dann…“
Teese öffnete die Tür und betrat das Gasthaus zum munteren Fischlein. Im Inneren war es schummrig. Die Fenster ließen nur wenig Licht herein, was an der Art der Fensterscheiben lag. Teese kannte solche von zu Hause aus dem alten Gasthaus zum Grünen Baum. Die Scheiben sahen aus als bestünden sie aus lauter grünen Flaschenböden. Diese hier waren aber nur in der Mitte Grün. Nach außen wurde das Glas von jeder kleinen Kreisscheibe immer durchsichtiger. Dennoch fiel das Tageslicht nur abgeschwächt durch diese Scheiben.
Im Halbdunkel des Raumes konnte Teese vier lange Tische mit Bänken sehen. Einzeltische schien es hier nicht zu geben und Gäste gab es anscheinend im Moment auch keine. Niemand war hier. Nicht einmal ein Gastwirt.
„Hallo?“ Teese blieb unschlüssig stehen. „Ist jemand hier?“
Die Tür war nicht abgeschlossen gewesen. Aber dennoch fehlte es an Personal. Wenigstens eine Bedienung hätte doch hier sein müssen, um Bestellungen entgegen zu nehmen.
„Und nun?“, wollte Teese von der Elster auf ihrer Schulter wissen.
Diese zog sie als Antwort am Ohrläppchen, so dass Teese den Blick nach links wandte. Ein Durchgang führte aus dem Gastraum weiter.
„Dort entlang?“
Die Elster krächzte und Teese setzte sich in Bewegung. Der Durchgang führte in einen schmalen Korridor, von welchem ein weiterer Durchgang in einen helleren Raum führte. Doch die Elster flog von Teeses Schulter und landete auf einem Geländer, das zu einem Treppenaufgang gehörte, der am Ende des Korridors hinauf führte.
‚Die Gästezimmer liegen sicher im oberen Stock‘, sagte Fleck. ‚Wie bei Eilanne.‘
Teese nickte und folgte der Elster. Die Treppe knarzte laut und vernehmlich. Das Geräusch ließ Teese zusammenzucken, weil es das einzige Geräusch war, das man hören konnte. Nicht nur, dass niemand hier war, es war auch unglaublich still.

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