Das Experiment (12/19)

Posted on August 5, 2013

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Ro sagte weiter nichts, sondern wandte sich um und ging zu zwei Jungen, welche die Bahn austauschten, die Fürst Edomars glühendes Schwert beschädigt hatte. Teese ging mit einem unguten Gefühl im Bauch an ihnen vorbei.
Sie würde etwas anderes für ihre Schwerter finden. Feuerschwerter waren sicher effektiv, aber Teese wollte niemanden verletzen. Sie würde sich einen Sympathiezauber überlegen, welcher weniger schmerzhafte Auswirkungen auf einen Angreifer hatte und sie gleichzeitig dennoch vollkommen schützen würde. Und für die Wurfsterne würde ihr sicher auch etwas einfallen.
Teese schulterte die Seelentiertasche und machte sich auf den Weg. Wohin es gehen würde, wusste sie zwar noch nicht, aber die Elster hockte bereits in Lauerstellung auf einem Dachgiebel als Teese aus der Trainingshalle kam.
Ros Seelentier warf ihr nur mit schräggehaltenem Kopf einen kurzen Blick zu und schwang sich dann vom Dach. Die Elster segelte zu der Gasse, welche in den nächsten Innenhof der Burg führt und Teese lief ihr mit schnellen Schritten hinterher.
Agleister flog von Innenhof zu Innenhof und dann hinaus aus der Burg. Sie war natürlich viel schneller als Teese und landete immer wieder auf einem Dach, um auf Teese zu warten.
Die ersten Dächer gehörten zu hübschen hohen Fachwerkhäusern, die schmal waren aber mehrere Stockwerke besaßen. Sie waren sauber und ordentlich. Das hatte Teese schon bei ihrem ersten Gang zur Burg von Awrosch festgestellt.
Dann flog die Elster in eine breite Gasse nach links und Teese betrat einen neuen Bereich der Stadt. Bisher war sie nur auf direktem Weg vom Colligat zur Burg gelaufen. Wie ihr nun klar wurde, war dies auch die Hauptstraße der Stadt, was die gute Straße und die hübschen Häuser erklärte.
Abseits dieser Straße sah Schastel Awrosch nicht ganz so hübsch aus. Die erste Gasse, welche von der Hauptstraße wegführte, war bereits recht schmal, so dass vermutlich zwei Handkarren gerade so aneinander vorbei passten. Die Häuser waren hier zwei Stockwerke hoch und ebenfalls Fachwerk, aber nicht mehr solch prunkvolles wie in der Hauptstraße.
Mit jeder Gasse, welche die Elster Teese weiter in die Stadt lotste, wurde der Weg schmaler und die Häuser niedriger und kleiner. Sie waren jetzt auch nur noch aus Holz gebaut, einige davon besaßen an ihrer Basis eine steinerne Mauer, die Teese bis an die Knie reichte.
Die Gassen waren nun auch deutlich schmutziger und leicht schräg nach innen zulaufend. Ein wenig Wasser plätscherte in der Mitte der Straße dem Gefälle folgend in dieselbe Richtung, in welche auch Teese lief.
Kaum jemand war hier unterwegs. Wenn Passanten Teese begegneten, sahen sie sie voll Unglauben an, um dann eilig wegzusehen oder sogar vor ihr in eine Seitengasse abzubiegen. Teese hatte das Gefühl, dass sie bewusst von ihrem Weg abwichen, damit sie ihr nicht begegnen mussten.
‚Sie fürchten Dich‘, kommentierte Fleck, der aufrecht in der Transporttasche stand und aus ihr hinausschaute.
‚Weil ich eine Magierin bin?‘
‚Ja.‘
Teeses presste die Lippen aufeinander. ‚Das ist einfach nicht richtig‘, stellte sie fest. ‚Ich bin doch kein Ungeheuer.‘
‚Nein, aber Du bist mächtiger als sie‘, hielt Fleck dagegen. ‚Das wäre so als würdest Du in der alten Welt durch eine Straße laufen und Dir käme jemand mit einem Messer in der Hand entgegen. Natürlich heißt das nicht, dass er Dich jetzt gleich überfallen will, aber er könnte es. Und Du würdest…‘
‚…in eine Seitenstraße abbiegen‘, vervollständigte Teese den Satz deprimiert. ‚Ich verstehe das ja, aber trotzdem ist es nicht richtig. Das sollte mehr so sein wie‘ – sie dachte kurz nach – ‚wie wenn ich einem Polizisten auf der Straße begegne. Der hat auch eine Pistole dabei. Trotzdem habe ich keine Angst, weil es ein Polizist ist, der mich beschützt und für Ordnung sorgt.‘
‚Das Problem ist, dass Magier bereits ganz andere Dinge getan haben als Nichtmagier zu beschützen‘, sagte Fleck.
‚Ich weiß.‘
‚Nein, weißt Du nicht‘, erwiderte Fleck. ‚Vielleicht solltest Du Ro einmal eingehender danach befragen.‘
Teese schluckte. Sie wusste, dass Ro viel Unheil angerichtet hatte, aber eigentlich hatte sie das bisher vor allem auf die Vernichtung magischer Lebewesen bezogen. Nichtmagier hatten ihn nicht wirklich interessiert, oder?
‚Genau das war das Problem‘, erklärte Fleck. ‚Ich weiß auch nichts Genaues, aber Agleister weiß es.‘
Teese sah kurz nach oben, wo die Elster an einer Wegkreuzung auf einem Dach saß und leicht wippte als wäre sie eine Nachtigall. Als der Vogel Teeses Blick bemerkte, flog er nach rechts in eine etwas breitere Gasse.
Teese folgte Ros Seelentier bis zum Ende der Gasse und blieb überrascht stehen. Der Weg endete an einer großen freien Fläche. Vor Teese erstreckte sich ein Platz, von der Größe des Marktplatzes bei ihr zu Hause. Aber nur der äußere Rand war gepflastert. Die Mitte bestand aus mehreren Wasserbecken, die mit Netzen abgetrennt waren.
Reges Treiben herrschte hier, das durchaus an einen Markt denken ließ. Allerdings gab es hier kein Obst und Gemüse zu kaufen, sondern Fisch.

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