Das Experiment (11/19)

Posted on August 3, 2013

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‚Das hat ihn beeindruckt‘, stellte Fleck fest. ‚Und nicht nur ihn.‘
Fürst Edomar war umringt von mehreren Jungen wieder auf die Beine gekommen und sah mit deutlicher Ehrfurcht zu Teese hinüber.
‚Er hat Dich für eine schwache Magierin gehalten‘, fuhr Fleck fort. ‚Weil Timar Dich so einschätzt.‘
‚Ich bin eine schwache Magierin‘, sagte Teese.
‚Das habe ich gesehen‘, erwiderte Fleck amüsiert.
‚Aber…‘
‚Du hast Ro doch gehört‘, unterbrach ihr Seelentier sie.
‚Ja, aber Du hast selbst gesehen, wie oft ich von irgendwelchen dummen Steinblöcken abgestürzt bin, während Ro mir zeigen wollte, wie man mit der Feder schwebt‘, erinnerte Teese ihr Seelentier.
‚Wie gut man in etwas ist und wie schnell man etwas lernt, das sind verschiedene Dinge‘, sagte Fleck.
Teese zuckte innerlich mit den Schultern. Für sie machte das keinen Unterschied. Was brachte es, wenn man bei einem Autorennen erst nach der Hälfte der Strecke verstand, wie man Gasgeben und wie man schalten musste? Da konnte man es danach noch so gut können, gewinnen würden andere.
Sie selbst war jedenfalls wenig beeindruckt von ihrer eigenen Leistung. Wobei, gut, sie war beeindruckt von den Flammen, die aus ihren Schwertern geschossen waren, aber das war etwas anderes.
Teese sah nachdenklich zu Fürst Edomar, zu welchem Ro getreten war. Sicherlich hatte er nicht diesen Ausgang seiner Übung mit ihr im Kopf gehabt als er damit begonnen hatte. Erst jetzt dämmerte Teese, dass er sich bei der Aktion verletzt haben musste.
Ro begutachtete die Hände des Fürsten, während die Männer miteinander sprachen. Teeses Blick glitt zu dem Schwert, das noch eingebrannt in die Trainingsmatte lag, die immer noch kokelnd schwelte. Ein Junge kam mit einem Eimer Wasser angelaufen und löschte die Waffe ab. Sie erregte unter ihren Trainingskameraden inzwischen großes Aufsehen.
‚Weißt Du eigentlich wie heiß ein Feuer sein muss, um Metall schmelzen zu können?‘, fragte Fleck rhetorisch.
Teese verstand, dass es ihrem Seelentier jetzt nicht um Schmelztemperaturen ging, sondern es lediglich eine weitere Feststellung war, wie stark ihre Feuerschwerter gewesen waren.
„Zurück auf die Trainingsbahnen“, durchbrach Fürst Edomars Stimme schließlich das aufgeregte Gemurmel der Jungen und Teeses Gedankenrede mit ihrem Seelentier gleichermaßen. „Rosares übernimmt das Training für den Rest der Stunde. Kasimir und Fennison tauschen die beschädigte Bahn aus.“
Sofort eilten die Jungen höchst diszipliniert auf ihre Bahnen zurück. Dass Fürst Edomars Wort in dieser Trainingshalle ehernes Gesetz war, war Teese schon vorher klar gewesen, aber ein anderer Gedanke kam ihr nun in den Sinn.
Diese Jungen bewunderten den Fürsten und das hatten wohl auch diejenigen getan, die er bereits ausgebildet hatte. Sie waren sicherlich zu einem Großteil Soldaten von Awrosch, Mitglieder der Burgbesatzung, der gräflichen Wachen und in anderen wichtigen Positionen. Wenn der Fürst gleichzeitig der Meister der Schärgen war, dann…
„Dein Training ist für heute beendet.“ Ro war zurück gekommen und hatte sie mit gesenkter Stimme angesprochen. „Fürst Edomar hat sich einige Verbrennungen zugezogen und wir das Training vorzeitig beenden.“
Teese lag bereits eine Entschuldigung auf den Lippen, doch Ro war noch nicht fertig.
„Wenn Du mit Deiner Vermutung Recht hast“, fuhr er fort, „wird er die Gelegenheit nutzen, um sich mit Timar zu treffen.“
Das hatte Teese bereits vollkommen vergessen. Es war einfach in den Hintergrund getreten vor den Ereignissen der letzten Minuten.
„Ich möchte, dass Du in meine Herberge gehst und Dich überzeugst, dass die Aura-Kugeln noch vollständig sind“, sprach Ro weiter. „Agleister wird Dir den Weg weisen und Dich begleiten. Ohne sie kann niemand den Wirt passieren.“
„Gut.“ Teese war alles Recht, was sie von ihrem Training entbinden würde, vor allem nach dem Ausgang dieser Trainingsstunde.
Teese zögerte kurz. „Wer ist Agleister?“
Auch Ro zögerte. „Die Elster“, sagte er aber schließlich.
„Oh.“ Teese hatte keine Ahnung gehabt, wie Ros Seelentier hieß. Sein altes, das von Dekan Roath, hatte er die Strahlende genannt. Dass die Elster so nicht heißen konnte, war Teese klar gewesen, allerdings sagte ihr der Name Agleister nichts. Es klang ein wenig wie Kleister. Damit hatte es aber mit Sicherheit nichts zu tun.
„Wenn die Kugeln vollständig sind“, fuhr Ro fort, „wirst Du die Kiste mit Magie verschließen und sie mit Dir ins Dekan-Appartement nehmen. Ich werde in zwei Stunden dort zu Dir stoßen.“
Teese nickte. Das machte in ihren Augen Sinn. „Alles klar.“

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