Das Experiment (9/19)

Posted on Juli 26, 2013

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Und dann berichtete sie Ro von dem, was sie durch Nanus Augen gesehen hatte. Dass Timar derjenige war, der den Schärgen in Aussicht gestellt hatte, dass sie Magie lernen könnten. Dass er sie damit beauftragt hatte, einen schwachen Kandidaten zu besorgen, um ihnen zu zeigen, wie sie Magie anwenden konnten.
Und dass er, nachdem dies nicht funktioniert hatte, dem Meister es nun mit Hilfe einer Aura-Kugel zeigen wollte. Einer vollen Aura-Kugel. Einer der Kugeln, die Ro mitgebracht hatte. Der Kugel mit der Magie des kleinen Jacopo.
„Und diese Kugel soll Efraim ihnen besorgen“, beendete Teese den Satz. „Sobald er sie hat – das hat Timar dem Meister versprochen – zeigt er ihnen wie man Nichtmagiern zu Magiern macht.“
Ro hatte Teese zugehört ohne das Gesicht zu verziehen. Sie war sich unschlüssig, ob er ihr nicht glaubte oder ob er nur nicht wollte, dass ihm jemand eine mögliche Reaktion ansah. Vielleicht war es ein wenig von beidem.
„Die Kugeln befinden sich alle in meiner Obhut“, sagte Ro schließlich. „Sie sind nicht durch Magie geschützt, aber das Zimmer in meiner Herberge hat immer jemand im Blick. Niemand kann ungesehen kommen und gehen.“
Teese schürzte die Lippen.
„Aber natürlich ist es möglich, dass Timar früher das Training verlassen wollte“, fuhr Ro fort, „um die Aktion in Angriff zu nehmen. Aber ohne den Meister werden sie kaum anfangen können, nicht wahr?“
Ro sah über die Trainingshalle und Teese folgte seinem Blick. Er sah zu Fürst Edomar, der die Arme vor der massigen Brust verschränkt hatte. Teese lief ein Schauder über den Rücken. Es war also nicht ihre Einbildung gewesen. Fürst Edomar war der Meister der Schärgen und Ro wusste, mit wem sie es zu tun hatten. Vermutlich hatte er es schon an der Brücke vor Schastel Awrosch gewusst. Und vorher?
Teeses Gedanken rasten auf einmal schnell genauso wie der Junge, der in diesem Moment in die Halle zurückgesaust kam und dem Fürsten ein kleine Dose brachte.
Hatte Ro schon länger gewusst, dass sich hinter dem Meister der Fürst von Awrosch verbarg? Hatte er es schon gewusst, als die Schärgen versucht hatten Rinnir zu entführen? Wenigstens zu diesem Zeitpunkt hatte keiner der Magister und der Dekan selbst nicht die geringste Ahnung von der wahren Identität des Anführers der Schärgen gehabt. Hatte Ro ihnen diese Information bewusst vorenthalten oder hatte ihn einfach nur niemand gefragt?
Teese sah mit leichter Beklemmung wie Fürst Edomar mit der Dose in der Hand zu ihnen herüber kam.
Was, wenn Ro es selbst vorher nicht gewusst hatte und erst auf der Brücke in dem Meister den Fürsten erkannt hatte? Hatte er dann Dekan Ezzo davon unterrichtet? Wusste man auf Weltenei Bescheid? Aber wieso kam dann niemand, um den Fürsten in Gewahrsam zu nehmen? Warteten die Magier auf irgendetwas? Verhielten sie sich absichtlich ruhig? Oder waren es nicht die Magier, welche hier eigene Pläne hatten, sondern Ro?
„Hier wären die Schwefelhölzer.“
Fürst Edomar hatte Ro passiert und reichte Teese die kleine Dose, die ihm der Junge eben gebracht hatte. Teese verspürte auf einmal nicht den geringsten Wunsch, etwas aus seiner Hand zu nehmen. Aber Ro hatte anscheinend keine Einwände. Alles, was er zur Sache gesagt hatte, war seine fast schon ironische Frage, ob sie sich dies hier überhaupt zutraute.
Teese gab sich einen Ruck und griff nach der Dose. „Danke.“
Es war keine Streichholzschachtel wie sie sie kannte, sondern eine Metalldose mit eingravierten Flammen auf der Front. Die linke Seite hatte keine Wand, sondern war offen. Durch sie konnte man die Reibefläche einer Streichholzschachtel sehen.
Die rechte Seite besaß ein Scharnier. Teese brauchte nur einen Moment um zu verstehen, dass man dadurch die obere Seite der Dose öffnen konnte, um an die Schachtel im Inneren zu kommen. Sie klappte den Deckel auf und schnickte die Schachtel ein Stück heraus, damit sie das Schubfach der Streichholzschachtel herausschieben konnte, um an die Hölzer zu gelangen.
Dabei konnte sie einen Teil der Streichholzschachtel erkennen und was sie sah, irritierte sie. Die Schachtel sah aus wie eine normale Streichholzschachtel aus der alten Welt. Mehr noch, es stand sogar eine Adresse auf ihr, die ohne Zweifel zu einem Ort in der alten Welt verwies, auch wenn Teese vermutlich die oberste Zeile nicht sehen konnte, da sie noch von der Dose verborgen wurden. Zu lesen waren die Zeilen: Tabakwaren | Berlin 42 | Kaiserstr. 142.
Die Streichhölzer stammten also tatsächlich aus der alten Welt. Und das hätte Teese nicht gedacht. Es war der erste Gegenstand, den sie in der neuen Welt fand, der eindeutig aus der alten Welt stammte. Sie überlegte kurz, wann Streichhölzer wohl erfunden worden waren. Sicher nicht schon im Mittelalter, oder?
Das würde heißen, dass Streichhölzer eine Erfindung der alten Welt waren und es sie hier vielleicht gar nicht gab, wie ein Walkman oder eine digitale Stoppuhr. Und Dinge, die es nicht in der neuen Welt gab, kamen eigentlich auch nicht hierher. Das war Teese schon sehr früh klar geworden.
Sie hatte sich überlegt, dass es vielleicht verboten war, moderne Erfindungen ihrer Welt mit hierher zu bringen oder aber dass sie hier nicht funktionieren würden. Aber dies hier waren Streichhölzer. Warum sollten sie hier nicht funktionieren?
Immerhin hatte Fürst Edomar genau verstanden, was Teese hatte haben wollen. Schwefelhölzer waren zum Anzünden von Lampen. Sie wurden hier verwendet, aber anscheinend nicht hier hergestellt. Durften sie überhaupt hier sein? Und wer hatte sie in die neue Welt gebracht?
„Willst Du sie nur ansehen oder willst Du mit ihnen auch Magie ausüben?“, erkundigte sich Ro sarkastisch.

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