Das Experiment (8/19)

Posted on Juli 22, 2013

0


„Als Du mit meinem Neffen gekämpft hast“, sagte Fürst Edomar, „da wolltest Du ihn nicht verletzen. Deswegen waren Deine Angriffe schlecht. Aber alle Abwehrschläge waren hervorragend. Nicht alle waren Standard aber alle haben eine scharfe Waffe abgefangen. Ich weiß nicht, ob Dir das bewusst ist, aber das war eine gute Leistung.“
Teese klappte der Mund offen. „Aber…“, versuchte sie einen Einwand.
„Nein, ich meine das genauso wie ich es sage.“ Er gestikulierte mit der freien Hand energisch. „Du bist eine angehende Dekanin. Du willst schützen, nicht zerstören. Und das gilt in Deinem Fall in jeder Lebenslage. Das ehrt Dich. Aber es macht Dich zu einer miserablen Kämpferin. Außer Du kämpfst alleine, um Dich zu verteidigen.“
„Aber das ist dann kein Kampf, oder?“, wagte Teese einen Einwand.
„Nun, Du könntest Deinen Gegner durch beständige Abwehr ermüden.“ Fürst Edomar blickte kurz nach hinten, um zu sehen, wie Ro gerade mit Timar sprach, der sich anscheinend nicht an den Trainingsplan gehalten hatte. „In einem Duell könntest Du damit sogar vielleicht gewinnen. Wenn Du aber in einer Schlacht kämpfen würdest, müsstest Du schnell die einzelnen Angreifer in Schach halten.“
„Das kann man nicht durch Blocken“, sagte Teese.
„Nein“, stimmte der Fürst zu. „Aber Du bist eine Magierin. Du kannst Deine Waffen mit Magie aufladen. Du könntest Deine Abwehr zu Deinem Angriff machen.“ Er hielt kurz inne. „Du kannst doch bereits Magie in Waffen nutzen, oder?“
Teese nickte. „Ja, aber alles was sie macht ist, die Angriffe verstärken.“
„Ich habe einen Magier gesehen, aus dessen Schwert bei jedem Schlag Feuer gesprüht ist“, hielt der Fürst dagegen.
„Das muss dann ein Elementmagier gewesen sein“, stellte Teese fest.
Sum hatte bei ihren ersten Versuchen mit Waffenmagie ihre Schwerter in Eisklingen verwandelt. Sicher konnte sie ihre Waffen auch Feuer sprühen lassen, wenn sie das wollte. Aber im Training hatte Magister Pim darauf bestanden, dass sie nur neutrale Magie nutzten. Keine Talente.
„Und Du? Was für ein Magier bist Du?“, wollte Fürst Edomar wissen.
„Ich bin Sympathiemagierin“, sagte Teese. „Wenn ich Magie zu etwas nutzen will, muss ich dasselbe vorher in einer magischen Handlung auf ein anderes Objekt übertragen.“
„Aber möglich wäre es schon, diese Magie mit Waffen zu kombinieren?“, wollte der Fürst wissen.
„Ich weiß nicht“, sagte Teese langsam. „Doch vielleicht… schon.“
„Wenn Deine Schwerter Feuer sprühen sollten…“, begann der Fürst und ließ die Worte als Frage ins Leere laufen.
„…dann bräuchte ich etwas, das ich anzünden kann, dem mein Schwert dann ähneln soll“, versuchte Teese zu erklären. „Also zum Beispiel ein Streichholz.“
„Schwefelhölzer?“, hakte Edomar nach. „Zum Anzünden einer Laterne?“
Gab es hier keine Streichhölzer? Schwefelhölzer… Das klang komisch in Teeses Ohren. Aber dann fiel ihr ein, woher sie das Wort kannte. Von dem Märchen über das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Ein sehr trauriges Märchen, das Teese überhaupt nicht mochte.
„Ja. Genau“, sagte sie.
Fürst Edomar rieb sich nachdenklich die Nase. „Gut. Ich hole Dir welche. Warte einen Moment.“
Er ging hinüber zu Ro, der noch immer mit Timar sprach. Edomar wandte sich an Timars Übungspartner, der gleich darauf aus der Halle flitzte. Timar schlenderte langsam zur Bank und packte seine Sachen. Anscheinend war sein Training beendet. Ro kam zu Teese herüber.
„Bist Du überhaupt schon in der Lage, Magie in Waffen zu geben?“, wollte er von ihr wissen. Offenkundig hatte Fürst Edomar Ro gegenüber gesagt, was sie vor hatten.
„Ja“, antwortete Teese steif.
Das war wirklich nicht schwierig. Allerdings machte er das Waffentraining nicht besser. Im Gegenteil. Denn mit scharfen Waffen zu üben war gefährlich und alleine dieser Gedanke ließ Teese jeden Schlag nur mit halber Kraft ausführen. Außer sie musste sich verteidigen.
Ihr dämmerte, dass der Fürst mit seinen Worten vermutlich Recht gehabt hatte. Verteidigen, das konnte sie. Nicht, dass es ihr Spaß machen würde, aber Abwehrschläge funktionierten, wenn auch nicht wie im Lehrbuch. Aber kam es darauf in einer Schlacht wirklich an?
„Und Du glaubst, mit Feuer würde es auch funktionieren?“, wollte Ro mit unbewegter Miene wissen. Anscheinend teilte er ihre Zuversicht nicht.
Teese machte eine vage Geste. „Ich weiß nicht.“
Sie hatte wenig Lust, diese Unterhaltung fortzuführen und entschied sich zu einem verbalen Ablenkungsmanöver. „Was ist mit Timar? Darf er schon gehen?“
„Ja.“ Jetzt wirkte Ro nicht sonderlich begeistert von ihrem Gesprächsthema. „Fürst Edomar hat ihn nach Hause geschickt. Er hat noch etwas zu erledigen.“
Teese lag bereits ein ‚Warum‘ auf der Zunge. Aber die Worte ließen in ihrem Kopf eine Alarmglocke schellen. Timar hatte noch etwas zu erledigen? Das bedeutete doch wohl nicht etwa…
Man sah ihr ihre Bestürzung vermutlich an, denn Ro hakte nach. „Hast Du damit ein Problem?“
Teese sah sich um. Sie waren außer Hörweite von allen anderen. „Also eigentlich…“, setzte sie an.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements