Das Experiment (6/19)

Posted on Juli 15, 2013

0


Die einzigen bekannten Gesichter, die Teese in der Trainingshalle erwarteten, waren Fürst Edomar und Ro sowie Timar, den Teese bei ein paar älteren Jungen in roten Kampfanzügen stehen sah, als sie recht spät die Trainingshalle betrat.
Außerdem war Nysrael bereits in der Halle und damit beschäftigt, eine Trainingsbahn auszulegen. Auf einer solchen langen Matte hatte Teese gegen Nysrael gekämpft, ohne ihr größere Aufmerksamkeit zu schenken.
Jetzt sah sie, dass diese Bahnen außerhalb der Trainingszeiten aufgerollt waren und jedes Mal wieder neu ausgelegt werden mussten. Das Material war anscheinend sehr schwer, vielleicht mit Metallplättchen verstärkt, denn Nysrael hatte Hilfe von einem älteren Jungen und tat sich dennoch schwer, die Bahn auszurollen.
Für Teese hatte er auf alle Fälle keinen Blick übrig, als sie zu einem der freien Plätze auf der langen Bank ging, die an der linken Wand der Halle stand. Hier stellte Teese Fleck mit seiner Transporttasche ab und legte ihre beiden Schwerter daneben.
Dann wartete sie, bis das Training anfing. Noch waren Ro und Fürst Edomar allerdings über ein Klemmbrett gebeugt und diskutierten anscheinend die Trainingseinteilung.
Teese hätte Ro am liebsten sofort von dem erzählt, was sie gestern Abend durch Nanus Augen gesehen und mit ihren Ohren gehört hatte, doch sie würde auf keinen Fall das Thema ansprechen, wenn ein anderer in der Nähe war.
Sie betrachtete Edomar konzentriert, wie er mit Ro diskutierte. Nanu war nicht dabei gewesen, als Ro und sie an der Brücke vor Schastel Awrosch von Efraim und den Schärgen gestellt worden waren. Wäre sie es gewesen, dann hätte sie aus der Luft den Meister sehen können, der Teeses Blick entzogen gewesen war.
Das Mädchen hatte nur seine Stimme gehört. Und eine Stimme wiederzuerkennen, die noch nicht einmal besonders auffällig war, das war so viel schwerer als jemanden wiederzuerkennen, den man gesehen hatte – vor allem, wenn es jemand mit einer solch auffälligen Leibesfülle war wie Nysraels Onkel.
So war sie selbst jetzt, nachdem Edomar so oft mit ihr gesprochen hatte, sich noch unsicher. Sie hatte gestern den Meister erneut sprechen gehört. Erst da war ihr der Verdacht überhaupt gekommen, es könne sich um dieselbe Person handeln. Aber auch da war sie sich nicht sicher gewesen.
Ro musste Edomar gut kennen. Anscheinend trainierte er die Jungen hier nicht zum ersten Mal. Er musste die Stimme des Fürsten so oft gehört haben, wie Teese die ihrer Lehrer oder Mitschüler. Und jede dieser Stimmen würde sie doch erkennen, oder? Wenn Ro in dem unsichtbaren Meister also nicht den Fürsten erkannt hatte, bildete sich Teese dann nicht nur alles ein?
Seufzend schob sie diesen Gedanken beiseite, als das Training begann und sie sich in der Gruppe der Jungen aufwärmte. Danach wurden die Kämpfer eingeteilt und man übte verschiedene Standardschläge gegeneinander.
Teese war ganz froh, dass ihr kein Trainingspartner zugeteilt worden war. Sie wollte nicht wieder gegen Nysrael kämpfen müssen und ganz bestimmt wollte sie nicht mit Timar kämpfen – nicht einmal trainieren wollte sie mit ihm. Sie hatte mit ihm, seit sie in Schastel Awrosch war, praktisch kein Wort gewechselt und das war ihr auch lieber so.
Stattdessen übte sie mit Ro, was fast schon eine Routine für Teese war. Sie übten einige Standardabwehrbewegungen mit Teeses linkem Schwert und einige Standardangriffe mit Teeses rechtem Schwert. Beides ging Teese ihrer Meinung nach ganz gut von der Hand.
Vermutlich war das aber auch nur eine Frage der Zeit. Es war nichts anderes als schreiben zu lernen, indem man lernte, die einzelnen Buchstaben nachzuzeichnen, die man dann zu Worten kombinieren konnte.
Das war dann schon ein wenig schwieriger, denn man musste wissen, wie sich die Worte schrieben. So war es in etwa, wenn Ro sie in Übungen Angriffe und Abwehr kombinieren ließ. Das Üben verschiedener Kombinationsmöglichkeiten war wie das Lernen von Vokabeln. Es bereitete Teese mehr Mühe und forderte eine höhere Konzentration, aber auch das bekam sie inzwischen einiger Maßen auf die Reihe, ohne zu viele Fehler zu machen.
Das Problem ergab sich in dem Moment, in welchem sie selbst entscheiden musste, was zu tun war. Das war so als würde man aufgefordert werden aus dem Stehgreif ein Gedicht zu schreiben.
Natürlich kombinierte man dabei Buchstaben zu Worte und Worte zu Zeilen. Aber für Letzteres gab es keine Vorgaben mehr. Man musste selbst richtig zusammensetzen und dabei schneller sein als der Angreifer. In diesem Falle Ro. Und das war hoffnungslos.
„Ich glaube, ich verstehe, worin das Problem liegt.“
Von Teese unbemerkt hatte sich Fürst Edomar zu ihnen gesellt und Ros Training verfolgt. Er stand schräg hinter Teese und sah wohl schon eine ganze Weile den Übungen zu.
„Darf ich das Training übernehmen?“, wollte er von Ro wissen.
Der zuckte mit den Schultern, nickte dann aber. „Gut.“
Er klang ein wenig ungehalten. Vielleicht ärgerte es ihn, dass Edomar glaubte, dass er nach nur einer Trainingsstunde verstand, warum Teese so schlecht kämpfte, während Ro nun schon bereits wochenlang versuchte, Teeses Fähigkeiten zu verbessern und bislang gescheitert war.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements