Das Experiment (5/19)

Posted on Juli 13, 2013

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„Die Kristallspiegel sind nach dem Sturz des Verdammten geschaffen worden“, fuhr Magister Gaban fort, „um es den Magiern aus allen Teilen des Landes zu ermöglichen, miteinander in Kontakt zu treten, ohne dass jemand davon erfahren kann.“
Teese kniff verständnislos die Augenbrauen zusammen.
„Alles, was durch einen dieser Kristalle gesprochen wird, bleiben Worte zwischen den beiden Magiern auf der jeweiligen Seite des Spiegels.“
„Abhörsicher“, entfuhr es Teese.
Aber Gedankenrede war dies doch auch, oder? Teese kam urplötzlich etwas in den Sinn. Flaumschnabel hatte ihr gesagt, dass Ro ihre Gedanken hören konnte. Das hatte sie mit Entsetzen erfüllt. Magier konnten dies normalerweise nicht. Aber Ro konnte es. Dekan Roath hatte es gekonnt. Das hatte es den anderen Magiern praktisch unmöglich gemacht, etwas gegen ihn zu planen, ohne alle an einem Ort versammelt zu sein.
„Aber“, kam Teese in den Sinn, „auch dazu muss man sich verabreden, oder?“
Niemand war hier in diesem Raum gewesen als sie hereingekommen war und niemand war in einem der Räume, in welche sie durch den Spiegel geblickt hatte.
„Am ersten Tag eines jeden Monats wird ein Magier aus jedem Colligat abgestellt, um zu jedem anderen Colligat Kontakt aufzunehmen“, sagte Magister Gaban. „Wenn es etwas zu besprechen gibt, kann es dann Erwähnung finden.“
Teese nickte. Alles war also sorgfältig durchdacht. Es würde sie nicht wundern, wenn sogar der Magier, welcher für sein Colligat sprach, jeweils ausgelost wurde oder jedenfalls immer ein anderer an die Reihe kam. Dekan Roaths Versuch, sich über alle anderen Magier der neuen Welt zu erheben, musste eine tiefe Furcht vor einem weiteren solchen Streben eines Dekans geweckt haben – eine Furcht, die bis heute anhielt.
Dabei wusste Teese noch immer nicht genau, was damals vorgefallen war. Dekan Ezzo hatte ihr gesagt, dass sie mehr darüber in Magister Elgins Unterricht erfahren würde. Doch bis jetzt hatten sie nichts über Roath gelernt. Ein Teil von Teese fürchtete sich insgeheim vor dem, was sie erfahren würde. Zum einen weil sie bereits wirklich Furchtbares über Ro in Erfahrung gebracht hatte, zum anderen weil sie täglich mit eben diesem Mann zusammen war und sich irgendwie langsam an ihn gewöhnt hatte.
Sie fand den Gedanken, dass er einst Dekan Roath gewesen war nicht mehr im geringsten angsteinflößend. Ro mochte wortkarg sein und seine Bemerkungen schneidend oder bissig. Aber Teese hatte nicht den Eindruck, dass er ein wirklich schlechter Mensch war. Ein verbitterter vielleicht, aber niemand, der darauf aus war, andere zu verletzen.
Das hieß nun aber freilich nicht, dass sie darauf aus war, mehr Zeit mit ihm zu verbringen als unbedingt nötig. Teese wäre ungemein froh, ihn in Zukunft nicht mehr jeden Tag bei ihren zusätzlichen Übungsstunden mit dem Schwert sehen zu müssen.
Doch selbst wenn Ro einsehen würde, dass seine Bemühungen Teese den Schwertkampf beizubringen, erfolglos bleiben würden – Dekan Ezzo würde dies nicht gelten lassen. Selbst auf ihrer Reise durch die Welt der Nichtmagier hatte Teese ihre Trainingseinheiten mit Ro absolvieren müssen und nun in Schastel Awrosch war es nicht anders. Und das, obwohl sie hier das einzige Mädchen war, das den Schwertkampf lernen sollte.
Vermutlich fragten sich die Jungen in der Trainingshalle der Burg, warum ein Mädchen überhaupt so etwas lernen sollte, wie ein Schwert zu führen. Und das war der Grund, warum Teese am frühen Nachmittag mit noch mehr Widerwillen zu ihrer Trainingsstunde mit Ro ging als auf Weltenei.
Sie hätte den Jungen gerne gezeigt, dass auch ein Mädchen gut kämpfen konnte, dass es nicht darauf ankam, ob ein Junge oder ein Mädchen die Waffe führte, sondern nur auf das Talent, den Fleiß und die körperliche Kondition. Sum wäre sicherlich mit den meisten Jungen hier spielend fertig geworden. Aber Sum war nicht hier.

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