Das Experiment (4/19)

Posted on Juni 24, 2013

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Teese wusste, dass sich der Kristallspiegel auf Weltenei im Magieturm befand, genauer gesagt im siebten Stock des Magieturms. Dieser Bereich war dem Träger der violetten Schärpe vorbehalten. Niemand sonst hatte dort Zutritt. Entsprechend war Teese neugierig, was sie sehen würde.
Natürlich waren aber auch dort in erster Linie nur eine Turmwand und ein Fenster zu sehen. Das Fenster zeigte das Meer, auf dessen Wellen das frühe Sonnenlicht tanzte, und in der Ferne Thorhafen. Und das war für Teese nichts Neues, denn der Blick auf die Stadt am anderen Ufer gehörte für sie zum Alltag.
Die Turmwand allerdings war tatsächlich etwas Besonderes, denn sie war sauber verputzt und bemalt. Teese hätte alleine wegen dieser Wandmalereien sofort gewusst, dass der Blick durch den Kristall Weltenei zeigte. Die Bilder waren in demselben Stil gemalt, wie jene im Büro des Dekans. Schöne Bilder, die allerdings aus Dekan Roaths Zeiten stammten.
Diese hier zeigten in dem Ausschnitt, den Teese sehen konnte, zwei Personen – oder ein und dieselbe Person auf zwei unterschiedlichen Arten. Wenn Teese sich nicht sehr täuschte, sollte das Gemälde Dekan Roath darstellen.
Rechts des Fensters war der Dekan in seiner normalen schwarzen Robe und violetten Schärpe abgebildet. Das Bild war ein Ganzkörperportrait in der Seitenansicht. Der Dekan blickte nach rechts, vom Fenster weg.
Links des Fensters war ein Engel abgebildet, der unverkennbar dieselben Gesichtszüge aufwies. Auch er war im Profil gezeichnet und blickte ebenfalls vom Fenster weg, in diesem Fall also nach links. In der Hand hielt er gesenkt ein goldenes Schwert. Eine kunstvoll gemalte Engelsschwinge auf seinem Rücken machte dieses Bild fast doppelt so breit wie das rechts des Fensters.
„Weißt Du bereits, wen dieses Bild darstellt?“, wollte Magister Gaban von Teese wissen.
„Ja“, sagte sie heiser. „Das ist“ – sie zögerte kaum merklich – „der namenlose Dekan.“ Sie überlegte kurz, wie Magister Nivien ihn genannt hatte. „Der Verdammte.“
„Und der Engel?“
Teese zuckte mit den Schultern. „Das ist er ebenfalls“, sagte sie dann. „Als Engel. So wie bei der goldenen Figur auf dem Dach des Magieturms.“
Magister Gaban nickte bedächtig. „Dann hast Du bereits gehört, dass er versucht hat, zu einem Engel zu werden“, stellte er fest.
Doch da musste Teese mit dem Kopf schütteln. Das war ihr neu. Ro hatte über die Figur gesagt, dass er sie nach seinem Vorbild geschaffen hatte. In seinem Hochmut, hatte er hinzugefügt. Teese hatte gedacht, es wäre eine Darstellung im übertragenen Sinne. Kein Mensch konnte ein Engel werden – oder?
„Es gibt einige literarische Quellen, die Andeutungen darauf enthalten, dass Engel aus Menschen hervorgehen und man unter bestimmten Umständen zu einem Engel werden kann“, erklärte Magister Gaban in einem belehrenden Tonfall. „Wie dies genau geschehen kann, ist heute nicht mehr bekannt. Aber“ – er hob die Stimme um seinen Worten Gewicht zu verleihen – „es heißt, dass der Verdammte im siebten Stock des Magieturms, dort wo der Kristallspiegel von Weltenei steht, in einem Bild festgehalten hat, wie die Transformation von statten gehen kann.“
Teese warf automatisch einen Blick über ihre Schulter. Der Teil des Bildes, von dem Magister Gaban sprach, musste sich ich in Weltenei dort hinter ihr befinden. An der Wand hinter dem Kristall, dem Fenster gegenüber, so dass man es nicht durch einen der anderen Kristalle sehen konnte.
„Das heißt“, zögerte Teese. „Der Verdammte…“ Es erschien ihr so absurd, dass sie es nicht einmal auszusprechen wagte.
„Zu einem Engel ist er nicht geworden, nein“, bestätigte Magister Gaban denn auch. „Irgendetwas scheint fehlgeschlagen zu sein. Es ist müßig zu spekulieren, was dies war, denn immerhin wissen wir nicht, wie diese Transformation ablaufen soll.“
„Aber Dekan Ezzo“, setzte Teese an.
„Ja, er hat Zugang zu diesem Raum und er weiß, was das Gemälde auf der anderen Seite zeigt“, unterbrach der Magister sie. „Aber niemand, der klaren Verstandes ist, würde sich anmaßen, zu versuchen sich in eines dieser göttlichen Wesen zu verwandeln. Den Magiern steht zu, was den Magiern ist und nur Gott steht zu, was Gottes ist.“
Teese schauderte bei den Worten. Sie klangen wie ein Spruch aus der Bibel. Sehr alt und feierlich.
„Dieses Bild“, fuhr Magister Gaban fort, „soll jeden, der in einen der Kristallspiegel nach Weltenei blickt, daran erinnern, wohin menschlicher Hochmut einen Magier führen kann und dass die ewige Verdammnis die Folge sein wird.“
„Die ewige Verdammnis“, wiederholte Teese langsam. Ob das hieß, dass Ro unsterblich war? Ein unsterblicher Magier mit nur einem Hauch magischer Fähigkeiten? Ob dies seine Strafe war?
‚Es wäre eine größere Strafe als der Tod‘, ergriff Fleck das Wort. ‚Der mächtigste Magier auf ewig der schwächste der Magier. Der Träger der violetten Schärpe für immer nur der Träger der weißen – wie ein Kandidat.‘
‚Ich weiß nicht, ob Dekanin Winna das gewollt hätte‘, wandte Teese ein. ‚Sie hat ihm das Leben geschenkt, weil sie Mitleid mit ihm hatte.‘
Mit dem Mann, der versucht hatte sie zu töten. Der so viel Leid über die Nichtmagier gebracht hatte, und vermutlich auch über die Magier. Trotzdem hatte sie Mitleid mit ihm gehabt und ihm damit auch vergeben. So wie es ein Dekan eigentlich tun sollte.
Teese beeindruckte dies, wenn sie so darüber nachdachte, mehr als alle magischen Fähigkeiten, die ein Träger der violetten Schärpe erwerben konnte. Dazu musste man nur sehr fleißig sein und klug. Aber seine eigene Angst und den eigenen Hass zu überwinden und zu vergeben… das war schwer. Das war eine viel größere Leistung als irgendwelche Zaubersprüche zu beherrschen.

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