Das Experiment (3/19)

Posted on Juni 21, 2013

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Der Kristall war glasklar. Wenn man vor ihm stand, konnte man durch ihn hindurch sehen. Alles auf der anderen Seite wirkte dabei ein wenig wie wenn durch eine Brille sah. Man war sich dabei bewusst, dass sich zwischen dem Auge und der Welt ein Glas befand. Der Blick war leicht getrübt durch die Dicke des Kristalls, aber ansonsten konnte man alles klar und deutlich erkennen.
Teese konnte die einzelnen Steine der gegenüberliegenden Turmwand sehen und die Fugen zwischen ihnen. Sie konnte durch das Fenster ihr gegenüber sehen und auf die dunkelgrünen Äste einer hohen Tanne…
Einer… Tanne? Moment.
Teese blinzelte und war versucht, sich die Augen zu reiben. Sie wusste, dass um die drei Wächter keine Tannen standen. Schon gar keine so hohen. So hohe Bäume gab es nicht einmal. Es war vollkommen ausgeschlossen, dass sie durch das Fenster dieses Turms eine Tanne sehen konnte.
Irritiert machte Teese einen Schritt zur Seite und sah am Kristallspiegel vorbei durch das Fenster. Tatsächlich. Keine Tannen. Durch das Fenster konnte man einen Teil des kleineren Wächters sehen und die Häuser bis zur Stadtmauer. Dahinter erstreckte sich das Grün bis zum Fluss und alles dahinter verschwamm in der Entfernung zu einem Streifen aus Grün und Braun.
Teese ging zurück und sah erneut durch den Kristall. Alles war wie gehabt. Da waren Tannen auf der anderen Seite des Fensters. Sie bewegten ihre Äste sogar ganz leicht im Wind.
„Sieh zu Deinen Füßen“, befahl Magister Gaban, der Teese zugesehen hatte.
Teese senkte ihren Blick. Der Kristallspiegel ruhte in einer kreisrunden Fassung aus einem rötlichen Metall, vielleicht Kupfer. Direkt vor Teeses Füßen war in diese Fassung ein Pfeil eingraviert worden, der auf den Kristall zeigte. Daneben stand ein einziges Wort: ‚Albrechtsweiher‘.
Teese sah einen Moment ratlos auf die Bezeichnung. Das klang nach einem Ort. Ein Weiher, das war ein kleiner See oder so etwas in der Art. Und Albrecht war ein Name. Albrechtsweiher musste also der See von Albrecht sein.
‚Vielleicht ist es tatsächlich ein Ort, im Sinne einer Stadt‘, merkte Fleck an.
Das Kaninchen hatte Teese mit auf Erkundungstour genommen. Hier im Colligat war das immerhin kein Problem. Hier hatte jeder Magier sein Seelentier dabei oder jedenfalls in seiner Nähe. Fleck sah interessiert aus der Umhängetasche, die Teese geschultert hatte, und ließ sein Näschen neugierig zucken.
‚Vielleicht ein anderes Colligat‘, spekulierte das Seelentier.
‚Stimmt‘, kam es Teese in den Sinn. ‚Noan hat doch gesagt, der Kristallspiegel diene dazu, dass die Colligate untereinander in Kontakt treten können.‘
‚Eben‘, sagte Fleck. ‚Was Du siehst, ist nicht die Wand auf der anderen Seite dieses Turms. Es ist die gegenüberliegende Wand des Turms von Albrechtsweiler.‘
Teese sah zu Magister Gaban. „Das ist Albrechtsweiler?“, wollte sie wissen. „Ist es ein Colligat?“
„Ja. Ein sehr kleines zwar, aber mit genug Magiern, um ein Anrecht auf einen Kristallspiegel zu haben“, erwiderte er. „Möchtest Du mehr sehen?“
Teese nickte. „Ja.“
Sie hatte keine Ahnung, wie viele Colligate es gab und wo sie lagen.
„Dann nur zu.“ Magister Gaban machte eine einladende Handbewegung.
Teese ging ein Stück weiter und blickte auf die Einfassung des Kristalls. „Bodeu“, las sie halblaut und ein wenig unschlüssig, ob sie das Wort richtig aussprach. Nach einem Ort klang das in ihren Ohren nicht.
Der Blick in den Kristallspiegel zeigte wie zu erwarten eine Wand auf der anderen Seite und ein Fenster. Hätte sie gleich hier durch den Kristall gesehen, wäre ihr sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Die Wand auf der anderen Seite war aus weißen Steinen erreichtet, neben welcher man rechts ein Fenster und links ein steinernes Wappen erkennen konnte. Es sah aus wie drei Bumerange, die ineinander verschränkt ein dickes Dreieck bildeten.
Dem Blick aus dem Fenster nach zu urteilen befand sich der Kristall in Bodeu in einem Gebäude im zweiten oder dritten Stock und zwar in einem Hafenviertel. Teese konnte nämlich einen Schiffsmast fast direkt vor dem Fenster sehen und rechts davon die Hafenmauer mit zwei kleinen Fischerbooten, die vor Anker lagen. Außerdem waren Menschen unterwegs. Viele Menschen und alles waren Nichtmagier. Bodeu musste eine Stadt am Meer sein.
Neugierig ging Teese etwas weiter, den Blick auf den Boden gerichtet. Löwenstein, stand dort als nächstes. Der Blick durch den Kristall zeigte eine massige Turmwand, in die nur ein kleines Fenster eingelassen war, kaum mehr als eine Schießscharte. Dennoch ließ sich problemlos ein Blick auf die dahinterliegende Landschaft werfen. Hohe Berge waren zu sehen, deren Spitzen im Sonnenlicht schneebedeckt glänzten.
Teese ging weiter. Ein Ort namens ‚Heras Turm‘ gab über seinen Standort aufgrund eines fehlenden Fensters nichts Preis. Ein kunstvoll gewebter Teppich mit orientalischen Ornamenten hing hinter dem Kristall an der Wand.
Weiter in der Runde folgte Tholosen mit einer Sandsteinmauer und einem Fluss mit drei hübschen Brücken hinter dem Fenster. Dann war da noch Mittenwald, anscheinend eine kleine Siedlung, die aussah wie aus einem Asterix-Band und das Colligat der Bruderschaft, dessen Fenster den Blick auf einen sonnenbeschienen Weinberg erlaubte.
Als nächstes kam schließlich ein Ort, der Teese bekannt war und der sie doch sofort neugierig von dem Schriftzug auf dem Boden nach oben durch den Kristallspiegel sehen ließ.
„Weltenei.“

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