Das Experiment (2/19)

Posted on Juni 18, 2013

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„Hier siehst Du Schastel Awrosch in seiner Gesamtheit.“
Teese stand im obersten Raum des größten der drei Türme des Colligats und sah durch eine der fensterlosen Nischen über die Stadt. In ihrem Rücken surrte der Kristallspiegel leise und klang ein wenig wie eine schnurrende Katze.
Magister Gaban hatte ihr beim Frühstück in seinem Haus angeboten, ihr das Colligat zu zeigen und nach dem, was Teese bereits bei ihrer Ankunft in Schastel Awrosch gehört hatte, hatte sie sofort zugesagt.
Der Vorsteher des Colligats hatte ihr den großen Platz gezeigt, die – nach seinen Worten – berühmte Dressurhalle für Fliegende Pferde und die Loge, die sich nicht als Theater sondern als Versammlungsgebäude der Magier entpuppte. Danach war er mit ihr auf den Turm gestiegen.
Von außen war Teese das Gebäude inzwischen vertraut, sah man den großen Wächter doch von überall im Colligat. Theoretisch sah man ihn sogar von überall in Schastel Awrosch, sofern man sich nicht in den engen Gassen befand, die Teese nun von hier oben sehen konnte und die einen Großteil von Schastel Awrosch durchzogen.
Der Blick über die Stadt verriet Teese, dass sie sich sehr verändert haben musste, seit Dekanin Ivas Zeiten. Selbst seit Ro damals vor ihren Toren Krieg gegen Argentanien und die mit ihnen verbündeten Riesen geführt hatte, hatte es große Veränderungen gegeben.
In Ros Erinnerung waren die Gebäude fast alle niedrig gewesen, baufällig und armselig. Jetzt konnte Teese hohe Gebäude ausmachen, vor allem rund um die Burg. Schastel Awrosch war in den letzten hundert oder zweihundert Jahren deutlich in die Höhe gewachsen, was vor allem daran liegen musste, dass sie nicht in die Breite wachsen konnte.
Die Stadtmauer, welche einst Dekanin Iva um die Stadt gezogen hatte, bildete bis heute ihre äußere Grenze. Selbst als man eine zweite, höhere Mauer um sie gebaut hatte, hatte man die Stadt nicht erweitert. Früher oder später musste man in die Höhe bauen, wenn die Stadt Platz für ihre wachsende Bevölkerung bieten wollte.
Teese blickte über die Stadt und zu den Grünflächen kurz vor der Stadtmauer. Hier wäre durchaus noch Platz für Häuser gewesen, aber das Bild, das sich dort Teese bot, kannte sie von zu Hause. Die großen Bereiche, die in Dreiecksform von der Stadtmauer nebeneinander in die Stadt hineinragten waren keine Parkanlagen wie im Colligat. Es waren Äcker und Weiden.
Teese hatte sich bei ihrer Ankunft in Schastel Awrosch gefragt, wie durch den engen Zugang in der Stadtmauer Lebensmittel und Waren in die Stadt gebracht werden konnten. Die Antwort sah sie nun vor sich. Schastel Awrosch war keine Handelsstadt. Sie baute alles selbst an, was für die Versorgung ihrer Bevölkerung nötig war und vermutlich stellte sie auch alle benötigten Waren selbst her.
Dekanin Iva hatte die Stadt als Festung gegen alles Unheil angelegt. Sie schützte vor magischen Kreaturen und nichtmagischen Feindseligkeiten – dies aber nur, wenn sich alle Aktivitäten der Bevölkerung innerhalb der schützenden Mauern abspielten.
Natürlich gab es die Straße, die von ihr wegführte, aber es war keine breite Straße für viel Verkehr. Teese war auf ihr entlang gelaufen. Es war eine einfache Dorfstraße mit magischer Beleuchtung. In der Nacht war dort niemand unterwegs gewesen und am Tag, als sie mit Direktor Hoffmann aus der neuen Welt hierher zurückgekehrt war, ebenfalls nicht.
Vor der Stadt erstreckte sich eine Wiese, keine hohe verwilderte, so dass Teese doch annahm, dass man sie kurz hielt, aber eben doch nur eine Wiese und keine Äcker und Obstbäume. Ob es Bewohner von Schastel Awrosch gab, welche die Stadt in ihrem ganzen Leben nie verließen?
„Das eigentlich Wichtige am großen Wächter ist jedoch nicht der Ausblick“, fuhr Magister Gaban fort, nachdem er eine Weile ebenfalls über die Stadt geblickt hatte. „Es ist der Kristallspiegel.“
Schwungvoll wandte er sich um und Teese riss sich von den großen Fensternischen los, um neben den Magister zu treten und ihre Aufmerksamkeit dem Spiegel zuzuwenden.
Von unten hatte sie der große Wächter an einen Leuchtturm erinnert. Die zulaufende Form, der obere Raum, das Licht des Spiegels, das in der Dunkelheit strahlte.
Aber nun, da Teese vor dem Spiegel stand, endeten die Ähnlichkeiten mit einem Leuchtturm. Teese wusste, dass im Inneren eines Leuchtturms eine Lampe stand, die von Glaslinsen umgeben war. Sie wusste nicht genau wie ein Leuchtturm funktionierte, aber irgendwie drehte sich diese Konstruktion und blinkte ihr Licht dabei in die Dunkelheit.
Der Kristallspiegel hingegen, das hatte sie bei Nacht gesehen, leuchtete beständig in alle Richtungen. Und, das sah sie jetzt, er war weder ein Spiegel noch eine Linse. Er war ein Kristall. Ein riesiges aufrechtstehendes Mineral, ein überdimensionierter Bergkristall, der Teese über die halbe Körperlänge überragte.

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