Das Experiment (1/19)

Posted on Juni 14, 2013

0


„Algea?“
Rinnir kam die Treppe hinunter in den großen Wohnraum. Alle Häuser auf Weltenei wiesen denselben Grundriss auf. Rechts von der Treppe befand sich die Küchenzeile, an welche die Haustür angrenzte, genau wie bei Magister Nabi.
Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten, welche die Bausubstanz vorgab, war das Wohnzimmer von Magister Algeas Haus vollkommen anders. Zum einen war es komplett in einem strahlenden Weiß gestrichen und die Kücheneinrichtung nagelneu inklusive einem großen amerikanischen Kühlschrank, der Eiswürfel herstellen konnte.
Zum anderen war es tatsächlich mehr ein Wohnzimmer als der Raum bei Magister Nabi. Hier füllte nicht ein riesiger Esstisch den Raum aus, sondern ein großer Konzertflügel, der ebenfalls weiß gehalten war und spiegelnd glänzte. An den Wänden hingen unzählige schön gerahmte Bilder und neben dem Konzertflügel gab es noch mehr Musikinstrumente, welche auf eigenen Haltevorrichtungen an der Wand angebracht waren.
Ein großes, sehr gemütliches Sofa mit Lederbezug stand im hinteren Teil des Raums, auf welchem die Studenten, mit welchen Rinnir bei der Magister lebte, abends Platz nahmen, lasen oder zuhörten, wie jemand musizierte.
Jetzt am Mittag, da Sonnenlicht durch die großen Fenster zum Garten hin fiel, wirkte der Raum freundlich und auf eine angenehme Art und Weise aufgeräumt. Auf der Kommode, die ebenfalls weiß gehalten war, stand eine Vase mit frischen Schnittblumen. Ein hübsches Arrangement, das vermutlich Glom gemacht hatte. Bei Magister Algea wohnten nicht nur Studenten mit einem Hang zur Musik, sondern auch mit einem Faible für das Schöne und die Kunst im Allgemein.
Devin, der im Zimmer neben Rinnir wohnte, fertigte ohne Frage die besten Zeichnungen an, die hier aufgehängt wurden, wenn auch die farblich monotonsten. Er nutzte eigentlich nur Bleistifte oder Kohlestifte für seine Zeichnungen. Magister Algea hatte ihn ermuntert, es auch einmal mit Malfarben zu versuchen, doch diesen Bildern fehlte es an innerer Qualität. Es waren schöne Bilder aber sie waren irgendwie leblos, trotz der strahlenden Farben.
„Algea?“
Rinnir öffnete die Hintertür und sah in den Wintergarten, in dem der große Esstisch stand und sich den Raum mit zahlreichen südländischen Pflanzen teilte. Rinnir liebte es, hier zu frühstücken, wenn die Sonne aufging. Jetzt um die Uhrzeit war der Tisch bereits zum Tee gedeckt, eine Sitte, die Zelet mit Rinnirs Unterstützung eingeführt hatte.
Bisher war aber nur Urban, Zelets Zimmerkamerad, eingetroffen. Er lag in der Hängematte, die zwischen einer Palme und einer tropischen Staude aufgehängt worden war, und las in einem Buch.
„Sie ist draußen und komponiert“, sagte er zu Rinnir.
„Danke.“
Rinnir verließ den Wintergarten und blinzelte gegen das Licht der mittäglichen Sonne. Vom Meer her wehte eine leichte Brise. Es war das perfekte Wetter, um an den Strand zu gehen. Wärmer und schöner wurde es auf Weltenei selten. Es war eben trotz aller Magie eine Insel im Atlantik… oder wie immer das Meer hier heißen mochte.
Magister Algea saß auf der Terrasse, die dort errichtet worden war, wo bei Magister Nabi der Stall stand. Es war eine große mit Terrakotta-Fliesen ausgelegte Fläche, auf welcher unter einem Sonnensegel mehrere Korbstühle standen und ein gläserner runder Tisch.
Die junge Magister saß im Schneidersitz und hatte sich nach vorne gebeugt, um eifrig mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier Noten nieder zu schreiben, mit einer Schnelligkeit wie jemand anderer vermutlich Buchstaben geschrieben hätte. Rinnir kam zögernd näher. Er wollte die Magister eigentlich nicht stören, aber…
„Oh, Rinnir.“
Algea hatte versonnen von ihrer Arbeit aufgeschaut und bemerkte den Jungen, der herankam. Sie lächelte und bemerkte dann die Aura-Kugel, welche er vorsichtig in er linken Hand vor sich her trug.
„Ich will nicht stören“, entschuldigte er sich eilig. „Aber ich sollte Bescheid sagen, wenn ich die Kugel vollständig gefüllt habe.“
„Keine Sorge, Du hast nicht gestört.“ Magister Algea warf den Bleistift fast achtlos auf das beschriebene Notenblatt. „Zeig‘ sie mir.“
Sie nahm ihm die Aura-Kugel ab und drehte sie vorsichtig in ihren Händen. Die Kugel sah aus wie eine schwarz verspiegelte Christbaumkugel. Im Sonnenlicht schimmerten beim Drehen die Farben des Regenbogens auf ihrer Oberfläche. Magie in ihrem flüssigen Zustand sah aus wie schwarze Seifenlauge.
„Tatsächlich. Sie ist komplett gefüllt.“ Magister Algea nickte anerkennend. „Schön. Wollen wir gleich zu Dekan Ezzo gehen?“
Rinnir leckte sich über die Lippen. „Ich… weiß nicht“, sagte er dann.
Algea hielt inne und sah Rinnir fragend an. „Du zögerst?“
„Ja.“ Er seufzte, unschlüssig, wie er es ausdrücken sollte. „Ich weiß nicht, ob mein Bruder es so gewollt hätte.“
Algea seufzte leise. „Du hast Post von ihm bekommen, nicht wahr?“
„Ja, letzte Woche“, sagte Rinnir. „Aber er… Nun, ich hatte ihn gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn ich unser Seelentier neu schaffen würde und wollte von ihm wissen, ob er eine bestimmte Form haben will. Aber er hat meinen Brief entweder nicht gelesen, bevor er geantwortet hat, oder er hat es einfach“ – er sah seine Tutorin fragend an – „nicht verstanden.“
Die junge Frau nickte. „Ohne ein Seelentier in der neuen Welt kann sich ein Magier an nichts erinnern.“
Rinnir nahm seine Kugel von ihr entgegen und sah in das glänzende Schwarz. „Ich kann ihn also nicht fragen.“
„Nein. Das ginge nur, wenn er hier wäre.“
„Aber wenn ich das Seelentier erschaffe“, setzte Rinnir neu an, „dann erinnert er sich wieder.“
„Ja.“
Rinnir wandte seinen Blick mit deutlichem Zögern von der gefüllten Aura-Kugel. „Und wenn ich gar kein Seelentier erschaffe?“
„Wenn Du kein Seelentier formst“, sagte Algea, „und Du in die alte Welt zurückkehrst, werdet Ihr beide Euch nicht an Weltenei erinnern können. Das willst Du auch nicht, oder?“
„Ich glaube nicht.“ Rinnir sah zweifelnd zu der Magister. „Aber ich verstehe meinen Bruder auch nicht. Ich will nichts falsch machen.“
„Du machst schon alles richtig, Rinnir“, sagte Algea aufmunternd. „Dein Bruder hat Eure Aura-Kugel genau zur Hälfte gefüllt. Er wollte sicher, dass Du die zweite Hälfte hinzugibst. Das weißt Du doch selbst.“
Rinnir nickte stumm.
„Und er hat eine verbesserungswürdige Schildkröte geschaffen“, fuhr sie fort. „Ohne Schwanz und mit verdrehten Beinen. Sicher wollte er Dir damit etwas sagen.“
Rinnir zögerte, nickte dann aber erneut. Erleichterung zeigte sich auf seinem Gesicht. „Natürlich, das stimmt.“ Er gab sich einen Ruck. „Ja, ich weiß jetzt, was er wollte.“ Die Anspannung fiel sichtbar von ihm ab. „Danke, Algea.“
Die junge Magister lächelte. „Keine Ursache. Wollen wir dann gehen?“
Rinnir nickte. „Ja“, sagte er und strich mit einem Lächeln über die glänzende Aura-Kugel.

***

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements