Die Zukunft Argentaniens (18/18)

Posted on Juni 10, 2013

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Die Tür in den Innenhof wurde geöffnet und Nysraels Stimme erklang. „Teese?“
Er hatte natürlich inzwischen längst bemerkt, dass sie ihm nicht gefolgt war. „Ja. Ich bin hier“, brachte Teese hervor. Sie wagte nicht den Kopf zu drehen. Nicht jetzt, da sie spürte, wie die Welt sich langsam wieder beruhigte und der Boden nicht mehr schwankte.
„Was ist los?“ Nysrael kam zu ihr hinüber. Er bemerkte Nanu und blieb stehen. „Alles in Ordnung? Die Gaukler werden gleich auftreten.“
„Ja, alles in Ordnung“, beeilte sich Teese zu sagen. „Mir ist nur… etwas schlecht geworden. Ich komme gleich nach.“
„Äh.“ Nysrael sah zu Nanu und dann wieder zu Teese, machte aber keine Anstalten zu gehen. „Ich kann schlecht ohne Dich zurück in die Halle. Ich meine, man erwartet doch, dass wir zusammen zurückkommen. Und mein Onkel…“
Teese seufzte. „Gut. Wenn Du mir schnell ein Glas Wasser holen könntest… Dann geht es mir bestimmt gleich wieder gut.“
„Sicher.“
Nysrael verschwand wieder im Gang und kam bereits nach wenigen Augenblicken mit einem Glas in der Hand zurück. Vermutlich hatte er es aus der Küche geholt, die direkt gegenüber lag.
Teese nahm das Glas in beide Hände und versuchte ein wenig Magie durch das Glas hindurch in das Wasser zu geben. Sie würde das Wasser trinken und eine Medizin gegen Übelkeit trinken. Ob es wirklich funktionieren würde, konnte sie aber nicht sagen. Es war ein spontan improvisierter Zauber mit Sympathiemagie.
Nysrael stand unschlüssig neben ihr, während Teese trank. „Ehm, was macht eigentlich Dein Drache hier?“, wollte er dann wissen und sah voller Respekt zu Nanu. Echte Drachen waren keine Kuscheltiere. Das wusste jeder Nichtmagier.
„Sie hat mir Bericht erstattet“, entschied sich Teese für die Wahrheit. „Ich habe sie gebeten, für mich Timar zu überwachen.“
„Und?“ Nysraels Neugier war deutlich dem einen Wort zu entnehmen.
„Er hat sich mit seinem Bruder getroffen“, sagte Teese. „Seinem Halbbruder Efraim. Er ist derjenige, der ihm das Schwert gegeben hat.“
„Oho“, kommentierte Nysrael.
„Timar wusste nicht, was es mit dem Geschenk auf sich hatte.“
„Aber Efraim.“
Teese nahm zur Kenntnis dass Nysrael nicht verwundert war über die Existenz eines weiteren Bruders. Vielleicht wusste er von Marisan mehr über die Familie als Teese es noch vor wenigen Wochen gewusst hatte.
„Ja.“
Nysraels Augenbrauen zogen sich finster zusammen. „Dann hat er es auf mein Leben abgesehen.“
Erstaunlich, wie ruhig Nysrael diese Feststellung machte. Ohne Furcht, eher voller Verärgerung. Als wolle Efraim ihn bei einem Geschäft betrügen, schlechte Ware anbieten oder einen überhöhten Preis fordern und nicht ihn töten. Fast als wäre es etwas Unangenehmes aber nicht Ungewöhnliches.
„Ich kann nicht verstehen, wie Marisan solche Brüder haben kann“, setzte er schließlich hinzu. „Selbst wenn Timar nichts davon gewusst hat, er bleibt ein Schuft. Und Efraim ist ein intriganter Mörder. Marisan hingegen ist…“
Teese stockte. „Oh, verdammt“, entfuhr es ihr gepresst. Jetzt da Nysrael wieder von Marisan sprach…
Sie stellte das Glas ab und griff in ihre Robentasche. Auch wenn dies nicht die Kleidung war, welche sie die letzten Tage getragen hatte, so hatte sie doch, bevor sie zur Burg gegangen war, alles in ihre Taschen gesteckt, was ihr nützlich erschien. Liinas Schriftzauber und…
„Marisan hat mir einen Brief für Dich mitgegeben.“ Teese zog den inzwischen recht zerknitterten Umschlag aus ihrer Tasche. „Es tut mir leid. Ich habe die ganze Zeit auf einen Moment gewartet, in dem wir alleine sind und ihn vorhin ganz vergessen.“
Ehrlich zerknirscht reichte sie Nysrael den Brief.
„Was?“ Er machte einen schnellen Schritt nach vorne und schnappte sich den Umschlag gierig aus Teeses Hand. „Warum hast Du nichts gesagt?“
Er riss den Umschlag auf und fingerte in der Dunkelheit nach dem Papier, das darin steckte. Teese schob ihren Daumen in die geballte Faust, gab Magie dazu und ließ ihren Daumen nach oben schnipsen. Als wäre ihre Hand ein Feuerzeug leuchtete ein kleines Flämmchen auf. Es brannte ein Stück über ihrem Daumen und fühlte sich heiß an, aber noch erträglich.
Nysrael sah kurz neugierig aber ohne viel Staunen auf die Lichtquelle und zog dann ein beschriebenes Blatt Papier aus dem Umschlag. Etwas fiel zu Boden. Ein weiterer Umschlag. Nysrael bückte sich und hob ihn auf.
„Oh“, sagte er dann und dieses eine Wort ließ in Teese ein ungutes Gefühl aufkeimen.
Nysrael überflog Marisans Brief und sah Teese dann zögernd an. „Sie hat einen Brief mit hinein gesteckt, den ich übergeben soll. Einen Brief an Timar.“
„Oh“, wiederholte nun auch Teese. „Das habe ich nicht gewusst.“
„Ja, das schreibt Marisan mir auch.“
„Aber warum…“, setzte Teese an.
„Hättest Du Timar einen Brief übergeben?“, wollte Nysrael wissen.
Teese zögerte, doch dann nickte sie. „Vermutlich schon. Ungern, aber wenn Marisan mich darum gebeten hätte.“
Nysrael nickte. „Du bist einfach zu nett, Teese. In diesem Brief könnte wer weiß was stehen.“
„Er kommt von Marisan“, hielt Teese dagegen.
Nysrael wirkte unschlüssig. „Ja“, sagte er zögerlich. „Aber Marisan liebt ihren Bruder über alles.“
„Was wirst Du tun?“, wollte Teese wissen. „Wirst Du ihn ihm vorenthalten?“
„Ich weiß nicht.“ Nysrael seufzte. „Könntest Du ihn öffnen und wieder so verschließen, dass Timar es nicht merkt?“
„Wenn ich Magie nutze… das merkt Timar mit Sicherheit.“
Nysrael sah nachdenklich auf den Brief. „Ich weiß nicht.“
„Nysrael?“, erklang eine Stimme aus dem Gang. Schritte waren zu hören.
„Ja, Onkel. Wir kommen sofort.“ Nysrael stopfte den Brief eilig zurück in den Umschlag und steckte beide Umschläge unter sein Hemd. „Naja, wird schon gehen“, murmelte er. Er sah zu Teese. „Kommst Du?“
Teese nickte. Ihre Übelkeit war verflogen und die Welt um sie herum stand so still wie sie es tun sollte. Anscheinend hatte ihr Zauber gewirkt. Doch das nahm sie nur am Rande wahr. Während sie Nysrael schnell folgte, sah sie zurück zu Nanu.
Ihr Drache hatte sich leicht aufgerichtet und die Ohren gestellt wie eine Katze. Aufmerksam, aber nicht in Angriffsstellung. So wie Teese war sie nicht sicher. Teese hatte sich den ganzen Abend über mit Fürst Edomar unterhalten. Sie hätte die Stimme wiedererkennen müssen, die hinter der Tür erklungen war, oder? Es hätte nicht bis jetzt dauern dürften, dass sie das Gefühl hatte, die Stimmen wären sich ähnlich, die des Fürsten und die des Meisters. Das konnte immerhin nicht sein, oder? Denn das würde bedeuten, dass sich Teese direkt in der Höhle des Löwen befand.

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