Die Zukunft Argentaniens (17/18)

Posted on Juni 7, 2013

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„Ihr kennt Rosares?“, wollte Timar wissen.
„Ja“, sagte die Stimme hinter der Tür.
Efraim verzog als Antwort das Gesicht.
„Er hat solche Kugeln bei sich. Er bewahrt in einer Holzkiste auf. Sie ist nur mit einem leichten Zauber gegen Nichtmagier geschützt.“
„Nicht mit mehr?“, hakte Efraim misstrauisch nach. Offenbar ging er davon aus, dass er derjenige sein würde, der sich um die Beschaffung dieser Kugeln kümmern musste.
„Nicht mit mehr“, bestätigte Timar ihm. „Sonst könnte Rosares selbst sie nicht öffnen. Wenn Ihr mir eine solche Kugel bringt und einen Nichtmagier, werde ich Euch zeigen, wie man Magier erschaffen kann.“
„Gut, Du sollst beides bekommen“, entschied der Mann hinter der Tür. „Aber eines musst Du mir vorher verraten: Welches Interesse hast Du daran, aus Nicht-Magiern Magier zu machen? Du selbst bist bereits ein Magier.“
„Meine Mutter ist keine Magierin. Meine Schwester ist keine Magierin und mein kleiner Bruder ebenso wenig.“
Einen Moment herrschte Schweigen. Dann setzte Timar hinzu, „Wenn mein Vater eines Tages sterben wird…“
Er musste den Satz nicht beenden.
„Ich verstehe“, sagte der Mann hinter der Tür. „Dein Bruder wird sich bei Dir melden, sobald beides vorhanden ist. Er wird Dir die Kugel beschaffen.“ Einen Moment hielt der Sprecher inne und fügte dann hinzu. „Und Efraim, wenn Du noch einmal im Alleingang etwas derart Leichtsinniges durchführst wie einen Anschlag auf ein Mitglied der gräflichen Familie… dann sind wir geschiedene Leute.“
Auf diese Worte erwartete er anscheinend keine Antwort, denn er ging. Nanu konnte ihn nicht sehen, aber sie spürte, wie er sich entfernte. Jetzt da sie auf ihn achtete, konnte sie ihn auch in dem Gebäude wahrnehmen. Er bog in einen Korridor, in dem auch Nanus Mutter vorhin unterwegs gewesen war und lief ihn entlang. Ob er ihr gefährlich nahe kommen konnte?
Nanu zog ihren Kopf zurück und ließ ihre Flügel vibrieren, auf die lautlose Art für die Jagd, nicht auf die summende Art, in der sich Drachen einander näherten, um anzuzeigen, dass sie in friedlicher Absicht kamen und nichts zu verbergen hatten.
Rückwärts glitt Nanu hinauf in die Nacht und weg von der Gasse, welche Timar und sein Bruder gleich verlassen würden. Sie suchte in ihren Gedanken nach dem Seelentier ihrer Mutter. Sie würde es unterrichten, dass sie ihrer Mutter etwas zeigen musste. Sie würden sich irgendwo treffen, ihre Mutter würde sich ansehen, was Nanu gesehen hatte und dann würde sie entscheiden, was zu tun war.
Genauso würde es sein. Da war sich Nanu sicher. Teese hingegen war im ersten Moment, als sie ihren Blick von Nanus Augen abwendete einfach nur von den Eindrücken erschlagen. Vor ihren eigenen Augen erstreckte sich wieder der Innenhof von Schastel Awrosch in der nächtlichen Dunkelheit.
Teese setzte sich auf den Rasen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie hatte das Gefühl, alles um sie herum würde sich bewegen, drehen und schwanken. Sie atmete möglichst tief durch. Doch die Übelkeit war sofort da, wie immer, wenn sie Nanu in die Augen sah und Dinge aus ihrer Erinnerung erlebte.
Doch so lange hatte sie dies noch nie getan und noch nie hatte es sich so menschlich angefühlt. Vermutlich, weil sie eine Gespräch verfolgt hatte, ein Gespräch von Menschen. Normaler Weise nahm Teese in ihrem Drachen vor allem ihre Gefühle wahr. Erinnerungen waren bei Drachen wie Gefühlsbilder.
Selten dachten Drachen so linear wie Menschen. Das hatten sie nicht nötig. Sie konnten gleichzeitig mehrere Dinge denken und wahrnehmen. Nur weil sich Nanu so sehr auf das Gespräch konzentriert hatte, hatte Teese es überhaupt richtig verstehen können. Ansonsten wäre es vermutlich nur ein Gefühl des Zorns und der Sorge gewesen. Und die Unterhaltung wäre auf einen… einen verklumpten Sinn zusammengeschmolzen. Dafür gab es noch nicht einmal ein Wort.
Teese presste ihre Hände gegen den Bauch, in der Hoffnung, dass wenigstens die Übelkeit schnell verfliegen würde. Sie versuchte nachzudenken. Mit wem sollte sie sprechen? Magister Gaban, weil Timar sich heimlich mit seinem Bruder traf, der zu den Schärgen gehörte? Nicht den Schärgen des Grafen von Argentanien wohlgemerkt, sondern zu jenen Kindern von Magiern, die sich einmal als Magier einmal als Schärgen des Grafen ausgaben – ohne irgendetwas von beidem zu sein.
Oder sollte sie lieber mit Dekan Ezzo sprechen? Immerhin ging es um seine Söhne und er war es, der als Träger der violetten Schärpe, als Hüter der Quelle, als Dekan von Weltenei und erster der Magier verhindern musste, dass…
Teese zögerte. Wenn man Nicht-Magier in Magier verwandeln konnte, war das dann etwas, das man verhindern musste? War das nicht eine gute Sache? War das nicht genau das, was diese Welt brauchte? Wenn alle Magier werden konnten, dann würde niemand mehr Magier fürchten. Jeder konnte selbst Zauber wirken, wenn er wollte.
Doch dann dachte sie an das, was Ro ihr gesagt hatte, als er den kleinen Jungen im Wald ‚geheilt‘ hatte. Jacopo, von dem sie immer noch nicht wusste, was aus ihm geworden war, nachdem er in den Wald gerannt und dort von den Schärgen aufgegriffen worden war.
Ro hatte ihr gesagt, dass er die Kinder, die er von seiner Magie heilte, nicht zu Magiern machte, nicht weil es nicht möglich war (Timar war der lebende Gegenbeweis), sondern weil Magier ihre Magie vermehren und nutzen mussten, um sie am Ende, wenn sie starben, für die alte Welt freizugeben. Sie sorgten damit für das Wachstum der alten Welt.
Welches Interesse daran konnte ein Nichtmagier aus der neuen Welt haben? Vermutlich keines. Sie würden es so machen wie die ersten Magier, die nach der Teilung der Welt hierhergekommen waren. Sie würden Magie nutzen, alt werden und doch jung bleiben. Ewig leben wollen. Sie würden ihre Magie nicht freiwillig freisetzen. Die alte Welt würde stagnieren.

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