Die Zukunft Argentaniens (16/18)

Posted on Juni 3, 2013

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Timar schüttelte den Kopf. „Aber es ist nicht so einfach, den Nachfahren eines Magiers zu einem vollwertigen Zauberer zu machen. Dazu brauchen wir benutzte Magie.“
„Ich weiß“, erwiderte Efraim. „Das hast Du bereits gesagt. Deswegen brauchen wir einen schwachen Studenten.“
„Einen talentlosen Studenten“, korrigierte Timar ihn. „Rinnir wäre perfekt gewesen. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum ihr ihn nicht stellen konntet. Er ist ein einfacher Universalminimalist.“
„Er hat Magie gewirkt“, verteidigte sich Efraim.
„Ja, aber es hätte nicht viel sein dürfen.“
„Es war aber viel.“
Die beiden Brüder maßen sich einen Moment schweigend. Nanu erlaubte sich ein inneres Lächeln. Sie waren so dumm, die Feinde ihrer Mutter. Sie kannte Rinnir. Er war ein Magier mit einem starken Talent. Er beherrschte die Magie der Musik. Wie blind sie doch waren, dass sie Magie nicht sehen konnten und doch selbst mit ihr ausgefüllt waren.
„Wie dem auch sei…“ Timar zuckte mit den Schultern. „An seiner Stelle zu versuchen, Teese gefangen zu nehmen, war jedenfalls keine glänzende Idee.“
„Warum? Du hast gesagt, sie sei keine starke Magierin.“
„Ja. Aber wie ich bereits sagte, solltet Ihr keinen schwachen Magier gefangen nehmen, sondern einen Talentlosen“, entgegnete Timar.
Bevor sein Bruder einen Einwand machen konnte, winkte Timar ab. „Ich habe schon verstanden, dass es so nicht funktionieren wird. Daher habe ich eine andere Quelle für benutzte Magie für Euch gesucht.“
„Und welche wäre das?“
Nanu stellten sich die einzelnen Schuppen ihres Nackenschilds auf, wie eine Gänsehaut bei einem Menschen. Nicht Efraim hatte diese Frage gestellt. Eine dritte Person hatte sich zu den Brüdern gesellt. Ungesehen von ihnen. Und unbemerkt von Nanu.
Dabei war es kein Magier. Nanu hatte sofort ihre Sinne von der Unterhaltung abgezogen und die Gasse unter ihr geprüft. Es war ein Magiefühlender. Jemand wie Efraim. Das Kind eines Magiers.
Die Brüder hatten ihn nicht bemerkt, weil er durch das Haus gekommen war, an dessen Eingangstür Efraim lehnte. Und Nanu hatte ihn aus demselben Grund nicht spüren können. Efraim stand direkt vor ihm. Der Mann, der gesprochen hatte, stand hinter der Tür.
Nanu nahm alles wahr, was sie als Drache wahrnehmen konnte. Die mit ihm verwachsene Magie war in ihren Augen etwas Dunkelblaues. Sie hatte keinen Klang, fühlte sich nach nichts an und hatte keinen Geruch, so wie bei jedem Magiefühlenden. Die Magie war in ihn hineingeboren worden. Sie konnte nicht aus ihm abstrahlen. Sie reflektierte das Licht einer leuchtenden Farbe, aber ansonsten ging nichts von ihr aus. Deswegen konnten die Kinder der Magier sie auch nicht nutzen. Sie war ein fester Teil von ihnen.
Nanu versuchte mit ihren normalen Sinnen mehr über den Mann in Erfahrung zu bringen. Sie wusste instinktiv, dass dieser Magiefühlende wichtig war. Dass sie ihn unbedingt wiedererkennen musste, wenn sie ihm wiederbegegnen würde.
Seine Stimme klang fest und bestimmt. Ein Alphatier, ein Leittier unter den Menschen. Aber die Stimme hatte für Nanu keinen besonderen Klang, keine Besonderheiten, an welchen man ihn aus der Menge der Menschen heraushören konnte. Dann vielleicht sein Geruch? Eine Tür war für einen Drachen kein wirkliches Hindernis, aber herauszufinden, was von den aufgenommenen Gerüchen zu dem Mann gehörte, war nicht leicht.
Nanu roch eine feine Note von Knoblauch, Pfeffer, Alkohol und Bratenfett. Alles das hüllte ihn in eine schützende Aura ein, die den eigentlichen Körpergeruch übertünchte. Trotzdem versuchte Nanu den individuellen Menschengeruch wahrzunehmen. Erschwert wurde das von einem Duftwasser, das die Menschen oft benutzten. Dieses sollte nach Blumen riechen, stach aber sehr in der Nase.
Nicht ganz zufrieden mit der von ihr aufgenommenen Spur, wandte Nanu ihre ganze Aufmerksamkeit wieder auf die Worte, welche unten in der Gasse gesprochen wurden, von den beiden Söhnen des Dekans und dem Dritten hinter der Tür.
„Du bist derjenige, den sie Meister nennen?“, erkundigte sich Timar und fixierte die Tür in Efraims Rücken als könne er durch sie hindurch blicken, was ihm allerdings ebenso wenig möglich war wie Nanu.
„Ja. Du sagtest, Du wolltest mit mir sprechen“, sagte der Mann hinter der Tür.
„Ja. Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
„Tut mir leid, aber das kann ich Dir nicht offenbaren.“ Die Stimme des Mannes verriet, dass dieser Punkt nicht zur Verhandlung stand. „Noch nicht“, entschärfte er jedoch gleich. „Wenn Du aus einem Nichtmagier einen Magier zu machen vermagst, werde ich Dir zeigen, wer ich bin und wer Deine Verbündeten sein werden. Aber ich brauche einen Beweis.“
Timar nickte. „Und ich brauche benutzte Magie“, erwiderte er. „Die Ihr mir beschaffen müsst. Daran hat sich nichts geändert.“
„Woran hat sich dann etwas geändert?“, wollte der Mann hinter der Tür wissen.
„Jemand hat in den letzten Tagen benutzte Magie mit nach Awrosch gebracht. Magie in Kugeln“, setzte er hinzu. „Sobald ich eine solche habe, benötige ich nur noch einen Nichtmagier, den ihr in einen Magier verwandelt sehen wollt.“
„Das soll nicht das Problem sein.“ Der unsichtbare Sprecher klang amüsiert. „Und diese Kugeln…?“

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