Die Zukunft Argentaniens (15/18)

Posted on Mai 31, 2013

0


Sie war eine geduldige Jägerin. Geduldig, lautlos und absolut unsichtbar. Nun, natürlich war sie nicht unsichtbar im Sinne des Wortes, aber die Menschen in Schastel Awrosch kannten Drachen. Viele Magier umgaben sich mit Drachen. Wenn jemand Nanu doch sah, sah er sofort wieder weg. Es war nur ein Drache.
Das amüsierte Nanu, denn sie war kein Drache wie jene der Magier. Sie war ein eigenständiger Drache, kein Teil von jemand anderem. Und sie war viel klüger als diese ganzen Seelentiere.
Sie war Timar den ganzen Tag über gefolgt, ohne dass er sie bemerkt hatte. Und er hätte sicher nicht nur kurz zu ihr hochgeschaut und dann sofort wieder weggesehen. Im Unterschied zu den dummen Menschen kannte er Nanu und wusste, wessen Tochter sie war.
Timar war ein Feind ihrer Mutter und damit auch Nanus Feind. Kein Feind, den man einfach mit einem Feuerhauch verbrennen oder mit einem gezielten Nackenbiss töten durfte – was Nanu ein wenig bedauerte. Er war unglücklicher Weise einer von ihrer Art. Und das hieß, dass man ihn nicht reißen durfte wie Vieh.
Nanu blickte voll stillem Groll auf den Jungen, der weit unter ihr den ersten Hof der Burg durchquerte und zwischen zwei eng beieinanderstehenden Gebäuden verschwand. Von unten war der Durchgang zwischen ihnen kaum zu erkennen, doch als sich Nanu lautlos von ihrem Beobachtungsposten auf einem der Dächer erhob und lautlos näher flog, konnte sie von oben gut den schmalen Durchgang erkennen. Er endete an einer Tür. Der Hintertür eines großen Gebäudes. Eine steinerne Stufe grenzte die Tür zu der schmalen Gasse hin ab und auf ihr saß ein Mann, den Nanu kannte. Noch ein Feind.
Dieses Mal trug er keine Robe eines Magiers, sondern einfache und unscheinbare Kleidung wie die Menschen in Schastel Awrosch. Doch Nanu konnte er damit nicht täuschen. Kleidung war nur eine falsche übergestreifte Haut. Der Mensch roch noch genauso wie vorher und sah auch genauso aus wie vorher.
Nanu schob ihren Kopf vorsichtig über den Rand des Daches, besorgt darauf achtend, dass sie keinen Schatten in den schmalen Durchgang zwischen den hohen Gebäuden warf. Sie schloss halb die Augen und schärfte ihre Sinne. Die Geräusche der Umgebung verblassten, die Unterhaltung, die Timar mit seinem Bruder führte, wurde klarer.
Der ältere war aufgestanden und lehnte nun lässig mit dem Rücken an der Tür. Timar war vor ihm stehen geblieben.
„Und, wo ist er?“, wollte er missbilligend von seinem Bruder wissen.
„Er wird kommen.“ Efraim hob beschwichtigend die Hände. „Der Meister will sicherstellen, dass die Luft rein ist, bevor er mit Dir sprechen wird.“
Timar sah über seine Schulter zurück durch die Gasse. Nach oben zu sehen, hielt er anscheinend nicht für nötig.
„War das mit dem Schwert Deine Idee oder seine?“, erkundigte sich Timar dann. Seine Stimme klang ungehalten. Nanu spürte die mühsam gezügelte Wut des Jungen.
„Das war meine Idee.“ Efraim hob erneut die Hände. „Ich sagte Dir doch, es ist ein nützliches Geschenk.“
„Es hätte mich beinahe zu einem Mörder gemacht, Du Idiot“, zischte Timar.
„Ja, aber Du hättest sagen können, dass Du nichts davon gewusst hast“, erwiderte Efraim. „Du hättest es beschwören können.“
„Ja, aber ich hätte Deinen Namen nennen müssen.“
Efraim zuckte mit den Schultern. „Ich bin ohnehin bei den Magiern in Ungnade gefallen.“
„Ja, aber ich noch nicht“ – Timar zögerte kurz unwillig. – „vollkommen. Und wenn herauskommt, dass ich mich mit einem gesuchten Verbrecher getroffen habe…“
„Nun aber mal halblang“, schnitt ihm Efraim das Wort ab. „Noch bin ich Dein Bruder. Damit kannst Du Dich immer herausreden. Darin bist Du doch sonst so gut.“
„Daran dass ich hier in Schastel Awrosch bei Magister Gaban sitze, siehst Du, wie gut ich darin bin“, gab Timar scharf zurück. Er schüttelte den Kopf. „Was hast Du Dir überhaupt dabei gedacht?“
„Dass es eine einfache Lösung wäre“, sagte Efraim. „Du hast selbst gesagt, dass der junge Fürst an der Seite der Dekanin kämpfen wird.“
„Ja.“ Timar war noch immer ungehalten. „Und schon deswegen hätte klar sein müssen, dass Deine dumme Idee fehlschlagen würde.“
„Warum?“ Efraim war ehrlich verwundert.
„Weil ich ihn in meinen Visionen als Erwachsenen gesehen habe“, sagte Timar. „Du kannst ihn jetzt nicht beseitigen. Ebenso wenig wie sie. Du kannst den Fürsten von Awrosch umbringen, seinen Bruder“ – Efraim verzog bei Timar Worten das Gesicht. – „oder die Fürstin von Argentanien. Letzteres würde ich sogar noch als sinnvoll erachten. Aber weder Nysrael noch Teese kannst Du jetzt töten. Das wird nicht funktionieren.“
„Warum?“, wiederholte Efraim ratlos.
„Weil es eben doch so etwas wie Schicksal gibt.“
„Aber Du hattest gesagt“, setzte Efraim an.
„Und ich habe mich geirrt“, unterbrach ihn Timar. „So einfach ist es nicht. Der Spielraum der uns bleibt, ist eng gesteckt.“
„Und alles andere, was Du gesagt hast?“, begann Efraim erneut. Er klang jetzt deutlich weniger selbstsicher als eben noch.
Im gleichen Maß schien Timars Zorn verflogen zu sein. Er klang nun ruhiger und bestimmter. „Alles andere werde ich so einrichten können“, sagte er. „Ich werde dafür sorgen, dass Ihr alle Magier werdet wie ich einer bin.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements