Die Zukunft Argentaniens (14/18)

Posted on Mai 27, 2013

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Teese hob beschwichtigend die Hand. Sie wollte etwas sagen, um den Streit zu schlichten. Doch noch bevor sie den Versuch dazu unternehmen konnte, wurde die Tür geöffnet und Fürst Edomar betrat den Raum, der auf einmal nicht mehr ganz so groß auf Teese wirkte wie noch ein paar Augenblicke zuvor.
In der linken Hand hielt er ein großes Holzbrett, das Teese an die Käseplatte ihrer Eltern erinnerte, und auf welchem drei Scheiben Brot lagen und eine graue Wurst, vielleicht eine Leberwurst.
„Kann es sein, dass Du etwas vergessen hast, Nysrael?“, erkundigte sich der Fürst bei seinem Neffen. „Das Abendessen für die junge Fürstin?“
Nysrael hatte bei diesen Worten bereits den Mund geöffnet, als wollte er seinem Onkel mit einer Erklärung oder einer Entschuldigung zuvor kommen, doch nach seinen Worten zuckte er nur mit den Schultern. „Sie isst ohnehin nicht viel.“
„Das ist kein Grund“, erwiderte Edomar mit einem strengen Unterton.
Nysrael seufzte. „Ja, Onkel“, sagte er dann nur. Vermutlich sah er ein, dass es ihm nichts bringen würde, mit dem Fürsten darüber zu streiten.
„Davon abgesehen erwartet man Euch inzwischen wieder in der Halle“, fuhr Fürst Edomar fort. „Oder wollt Ihr die Gaukler verpassen?“
„Auf keinen Fall“, kam Nysraels Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Komm, Teese. Lass uns nach unten gehen.“
Er wandte sich um und ging hinter seinem Onkel vorbei zur Tür. Teese sah zu Lisande. „Auf Wiedersehen“, sagte sie.
Das schmale Mädchen, das vor dem massigen Fürsten, wie ein dünner Grashalm wirkte, nickte höflich. „Es hat mich sehr gefreut, Dich kennenzulernen“, erwiderte die Fürstin von Argentanien. „Du scheinst mir weitaus vernünftiger als ich erwartet habe. Wenn Du Dekanin von Weltenei bist, werde ich gerne bereit sein, mir Deine Vorschläge für meine Welt anzuhören.“
Teese wusste darauf wenig zu erwidern. Sie nickte nur und folgte Nysrael hinaus. Als sie Fürst Edomar passierte, bemerkte sie ein verstohlenes Lächeln auf seinen Lippen. So als sei er mit irgendetwas sehr zufrieden. Ob er irgendetwas damit hatte bezwecken wollen, dass er Teese die Bekanntschaft mit Lisande hatte machen lassen?
„Beeil Dich, Teese.“ Nysrael war bereits vorweg geeilt. „Die Gaukler sollten wir nicht verpassen.“ Der Junge nahm zwei Stufen auf einmal, so dass Teese sich tatsächlich beeilen musste, wenn sie ihn nicht verlieren wollte. „So viel Spaß haben wir hier selten.“
Teese lief Nysrael hinterher die Treppe hinunter und bog ein Stück hinter ihm in den Gang, an dessen Ende die Tür in die Halle zurück führte.
‚Teese.‘
Als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen, blieb Teese stehen, als ihr Seelentier sie unvermittelt ansprach.
‚Ja? Was ist?‘
‚Nanu hat etwas gefunden, was sie Dir zeigen muss‘, sprudelte es aus dem Kaninchen heraus. ‚Jetzt. Sofort.‘
‚Sofort?‘ Teese sah nach vorne zu Nysrael, der die Tür erreicht hatte und gleich in die Halle treten würde. Dorthin sollte sie ihm auf keinen Fall folgen, wenn sie gleich etwas durch Nanus Augen sehen wollte.
Wenn Teese in die Gedanken ihres Drachens schlüpfte wollte, würde sie ihrem Drachen in die Augen sehen müssen. Und das hieß…
‚Wo soll ich sie treffen?‘, wollte sie von ihrem Seelentier wissen.
‚Irgendwo, wo Nanu landen kann‘, erwiderte Fleck das Offensichtliche.
Teese wandte den Kopf zur Seite. Rechts von ihr gingen mehrere Türen ab. Was dahinter lag, wusste sie nicht so Recht. Eines war sicher die Küche, in der Hochbetrieb herrschte. Licht fiel durch mehrere Fenster in den Gang.
Sie sah zur anderen Seite. Dort erstreckte sich in der Dunkelheit des späten Abends ein Innenhof, den man durch eine Reihe von matten Glasfenstern sehen konnte, auch wenn das milchige Glas ebenso wie die Dunkelheit die Konturen verschwimmen ließen. Eine Tür direkt auf der Ecke des umlaufenden Ganges führte anscheinend in diesen Innenhof.
Teese zögerte nicht lange, sondern huschte dorthin und drückte die Klinke herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen. Ohne dass Nysrael es bemerkt hätte, schlüpfte Teese in den Innenhof und schloss die Tür hinter sich.
Vor ihr erstreckte sich eine viereckige Gartenanlage, deren Bäume Teese bereits als Schatten hinter den Glasfenstern gesehen hatte. Am entgegengesetzten Ende des Innenhofs stand eine Statue, die Teese ebenfalls bereits zur Kenntnis genommen hatte, als sie mit Nysrael die Halle verlassen hatte.
Jetzt konnte sie sehen, dass es sich um einen Krieger in voller Rüstung handelte. Er hatte ein Bein angewinkelt und stand damit auf einem großen Felsen und lehnte sich leicht nach vorne. Die rechte Hand war in den Himmel gestreckt und hielt ein Schwert nach oben. Vielleicht war es eine Siegerpose oder es sollte etwas symbolisieren wie die Erhabenheit eines Soldaten.
Teese nahm sich nicht viel Zeit, die Statue genauer zu betrachten. Im Augenblick interessierte sie sie nämlich nicht im Geringsten. Nanu hatte ihr etwas zu zeigen und ihr Drache überwachte Timar.
‚Okay, ich bin in einem Innenhof, der Burg‘, sagte sie Fleck.
‚Warte, ich sage Nanu Bescheid.‘ Das Kaninchen verstummte.
Teese ging in die Hocke und lehnte sich gegen die Wand des Innenhofes, direkt unter einem der Fenster in den Gang. Nysrael sollte sie nicht hier stehen sehen. Sie würde sich später eine Erklärung überlegen, wo sie gewesen war.
‚Okay‘, meldete sich Fleck. ‚Sie kommt.‘
Ein Schatten schob sich von oben über Teese. Lautlos mit den Libellenflügel schlagend, senkte sich der große Drache in den Innenhof.
Teese fand gerade noch genug Zeit, einmal tief durchzuatmen und sich zu wappnen. Dann landete Nanu und wandte ihren Kopf Teese zu. Das Mädchen sah in die großen schwarzen Augen und verschmolz mit ihrem Drachen. Teese gab es nun nicht mehr. Sie war nur noch Nanu und sie lag auf der Lauer.

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