Die Zukunft Argentaniens (13/18)

Posted on Mai 24, 2013

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„Ursprünglich gab es nur eine Welt“, erklärte Teese schließlich. „Sie wurde von Magie und Inspiration in Gang gehalten. Doch die Menschen haben die Magie gefürchtet und sie fast ausgelöscht. Deshalb hat ein mächtiger Magier die Welt geteilt in eine mit Magie und eine ohne. Ich komme aus der Welt ohne Magie. Ihr lebt in der Welt mit Magie. Wenn ein Magier stirbt gelangt seine Magie zurück in meine Welt und wird dort Inspiration. Wenn dort jemand eine große Errungenschaft entdeckt, kehrt sie wieder als Magie in Eure Welt zurück. Es ist ein Kreislauf, der die Welt antreibt.“
Lisande zögerte, nickte aber schließlich. „Nehmen wir einmal an, das wäre die richtige Version der Geschichte“, sagte sie. „Was haben wir davon? Keiner von uns kann hier Magie nutzen. Ihr hingegen könnt in Eurer Welt diese Inspiration nutzen. Ist Eure Welt fortschrittlicher als unsere?“
Teese hielt inne. „Ja“, musste sie dann zugeben.
„Wäre sie das auch ohne uns?“
„Nein.“
„Dann beutet Ihr uns aus“, hielt Lisande fest. „Vielleicht schadet Ihr uns wirklich nicht – wobei ich das zu bezweifeln wage. Aber Eure Welt wächst und unsere nicht.“
„Was heißt denn hier unsere nicht“, wollte Nysrael empört wissen.
„Unsere Welt ist beständig“, sagte Lisande. „Alles, was wir hatten, war schon immer da. Ich glaube, das was Teese beschreibt, diese Errungenschaften, sind Entdeckungen. Ich habe davon gelesen. Es gibt eine Möglichkeit, Wagen von alleine fahren zu lassen, Häuser ohne Feuer zu wärmen, Tiere und Getreide ertragreicher zu machen, Kleidung die immer warm hält…“
Teese musste nicken. Ein wenig beschämte es sie, dass sie darüber nicht weiter nachgedacht hatte, wie genau die neue Welt funktionierte. Die modernen Errungenschaften konnten hier nicht angewendet werden, was seltsam war. Das war doch alles Physik und Chemie. Das waren Naturgesetze.
Auch hier müsste man doch Kernkraftwerke bauen können. Man müsste den Motor erfinden können oder jemandem erklären wie ein Motor funktionierte. Dann könnten sie auch hier Autos bauen und Straßen teeren. Die Menschen in der neuen Welt könnten Heizungen in ihre Wohnungen einbauen und Erdöl fördern. Sie könnten ihre Felder düngen und ihre Tiere mit denen aus der alten Welt kreuzen. Aber es ging anscheinend nicht. Es konnte doch nicht sein, dass es einfach noch niemand versucht hatte.
„So schlecht geht es uns aber doch überhaupt nicht.“ Nysrael wirkte empört. „Wir haben große Städte wie Schastel Awrosch und einen blühenden Handel. Auch unsere Kühe geben Milch, warme Kleidung können wir auch herstellen und Waren kann man mit Schiffen transportieren. Es ist doch nicht so als würde uns etwas fehlen.“
„Aber es könnte besser sein“, hielt Lisande dagegen. „In der anderen Welt ist es besser. Wieso dann hier nicht?“
Teese dachte darüber nach. „Ich glaube, es war nie vorgesehen, dass hier einmal Menschen leben sollen“, sagte sie schließlich.
Lisande und Nysrael sahen Teese gleichermaßen fragend an.
„Die neue Welt, also Eure Welt, wurde als sicherer Rückzugsort für die Magie geplant.“ Und geplant hatte sie Dekan Zeni doch wohl. Von dem, was Teese in seinem Erinnerungsschiff gesehen hatte, hatte er lange über die Teilung der Welt nachgedacht.
„Hier sollten Drachen leben und Riesen und Formori“, fuhr sie fort. „Und Magier.“ Sie überlegte. „Das waren zu dieser Zeit nur die Männer aus einem Kloster.“
Was war eigentlich mit weiblichen Magiern? Sie hätte es damals schon geben müssen. Waren das Hexen gewesen? Und was hatten sie in der neuen Welt gemacht, nachdem es sie durch die Teilung der Welt hierher verschlagen hatte?
„Niemand hatte geplant, dass sie heiraten und Kinder bekommen. Und selbst als das geschehen ist, hat niemand gewusst, ob die Kinder Magier sein würden oder keine Magier“, versuchte Teese ihre Gedanken darzulegen. „Die Besiedlung dieser Welt ist einfach passiert.“
„Dann sind wir also ein unüberlegter Unfall?“ Lisande maß Teese, ohne dass das Mädchen hätte sagen können, was die Tochter des Grafen von Argentanien bei ihren Worten dachte.
„Unfall. Naja.“ Teese zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, es ist halt einfach so passiert und niemand hatte dafür einen Plan.“
„Dann hätten sie es besser sein lassen sollen“, sagte Lisande.
Teese zögerte. „Einfach nicht heiraten und keine Kinder bekommen?“
„Ja. Das wäre die richtige Entscheidung. Wenn es um den Erhalt Euer Magie ging, hätte es vollkommen genügt, immer neue Magier hierher zu holen. So wie es doch jetzt auch läuft.“
Nysrael zog die Augenbrauen in die Höhe. „Dann gäbe es uns aber nicht.“
„Ja.“ Lisande nickte vehement. „Genau.“
„Tschuldigung, aber ich bin gerne auf dieser Welt“, stellte Nysrael fest.
„Nun, ich habe auch nicht vorgeschlagen, dass wir jetzt ausgerottet werden sollen wie die Riesen“, sagte Lisande. „Aber es wäre besser gewesen, diese Situation wäre nicht entstanden. Nun da sie es aber ist, können wir entweder mit der Situation leben (so wie ihr das in Schastel Awrosch macht) oder versuchen sie zu verbessern (so wie wir das in Argentanien machen).“
„Ich sehe nicht, dass Ihr etwas besser macht“, sagte Nysrael steif.
„Nein, natürlich siehst Du das nicht“, erwiderte Lisande betont. „Genau das ist das alte Problem zwischen uns beiden. Und der Grund, warum wir Leute aus Argentanien gegangen sind.“

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