Die Zukunft Argentaniens (12/18)

Posted on Mai 10, 2013

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Lisande schluckte die Reste des dritten Kuchenstücks hinunter und nahm einen Schluck aus dem tönernen Krug, der auf dem Tisch stand. „Gut“, sagte sie dann, „das erklärt die Sache mit dem Drachen. Und wie bist Du entkommen? Sie haben Dir doch aufgelauert, oder?“
Bevor Teese etwas sagen konnte, fiel ihr Nysrael ins Wort. „Das müsstest Du doch wissen, oder? Es waren die Schärgen Deines Vaters.“
Lisande zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, was diese Idioten treiben.“
„Idioten?“ Nysrael zog die Augenbrauen hoch.
„Es sind Rebellen“, erklärte Lisande geduldig. „Eine Mischung aus Räubern und Freiheitskämpfern. Unberechenbare Ganoven. Mit ihnen kann man nichts anfangen. Uns kommt lediglich zu Gute, dass Sie Euch gelegentlich Ärger machen. Das war es aber auch schon.“
Teese nahm das interessiert zur Kenntnis. Aber auch wenn Lisande mit den Schärgen nichts zu tun hatte, erinnerte es Teese daran, wer das Mädchen vor ihr war. Vielleicht sollte sie nicht zu viel ausplaudern.
„Also, wie bist Du entkommen?“, wollte Lisande wissen.
„Ich habe Magie genutzt“, sagte Teese. „Es war nichts Spektakuläres.“
Das stimmte auch. Sie hatte nur Linas Schriftzauber benutzt und einen Nebel erzeugt. Gut, sie war auf unerklärliche Weise in die alte Welt gelangt und hatte von dort zurückkehren können, aber auch dafür gab es eine einfache Erklärung. Fleck hatte selbst gesagt, dass die Welt vor Schastel Awrosch dünner war und durchlässig. Sie war vielleicht als erste diesen Weg gegangen, Spektakulär war es allerdings nicht.
„Normale Magie?“, hakte Lisande nach.
„Ganz normale Magie“, sagte Teese. „Nichts was nicht jeder Kandidat ausüben könnte.“
„Ein Magier der ersten Stufe.“
„Ja.“
„Hm.“ Lisande wirkte nachdenklich.
„Tut mir leid, wenn ich Dich enttäusche“, sagte Teese. „Aber an mir ist nichts Besonderes.“
Lisande legte den Kopf schief. „Du bist eine Magierin.“
„Ja. Aber das sind andere auch.“
Lisande nickte. „Das ist eine gute Einstellung“, sagte sie dann. „Wenn es zum Krieg kommen würde zwischen Awrosch und Argentanien, würdest Du Schastel Awrosch unterstützen?“
Das war eine ernste Frage. „Wenn sie im Recht sind, ja.“
„Waren sie denn letztes Mal im Recht?“
Teese verschränkte unentschlossen die Arme hinter dem Rücken. „Ich weiß nicht viel über die Hintergründe“, sagte sie schließlich. „Aber jemand der angreift ist nie im Recht.“
Lisande wirkte nachdenklich. „Das heißt, wenn Awrosch Argentanien angreifen würde, würdest Du zu unseren Gunsten eingreifen?“
„Ja.“ Da musste Teese nicht lange darüber nachdenken.
„Auch wenn wir keine Magier mögen?“, hakte Lisande nach.
„Das ist egal“, sagte Teese. „Krieg ist grauenvoll. Leute sterben.“
„Wenn Du eingreifst sterben auch Menschen“, hielt Lisande dagegen. „Nur andere.“
„Nein“, entschied Teese. „Wenn ich eingreife, stirbt niemand.“
„Wieso?“, wollte Lisande wissen. „Würdest Du alle in Nebel verwandeln?“
Teese dachte darüber nach. „Ja“, sagte sie dann. „So ähnlich. Ich weiß nicht was ich genau machen würde, aber es gibt viele Arten von Magie. Vielleicht würde ich nur einen sehr hohen Berg aus Glas zwischen Awrosch und Argentanien bauen.“
Das konnte sie natürlich nicht, aber als Dekanin würde sie irgendwann einmal über alle Magier gebieten können, die es gab. Zusammengenommen würde ihre Magie unbeschreiblich sein. Sie könnte mehr als nur Berge versetzen.
„Warum hat dann Euer Dekan so etwas nicht das letzte Mal gemacht?“, wollte Lisande wissen. „Meine Leute sind gestorben.“
Teese zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Warum hat Dein Vater Schastel Awrosch angegriffen?“
Lisande wandte sich ab. „Weil er ein Dummkopf ist“, sagte sie.
Nysrael lachte.
„Er dachte, er könne schneller sein als die Magier“, sagte Lisande und sah über ihren Arbeitstisch hinweg durch das Fenster hinaus in die Nacht. „Er dachte, wenn die Formori ihn unterstützen, würden die Magier es nicht wagen einzugreifen. Lauter fehlerhafte Voraussetzungen von welchen er ausgegangen ist.“
„Würdest Du Schastel Awrosch angreifen?“, wollte Nysrael wissen.
Lisande sah unentwegt in die Dunkelheit. „Nein. Aber den Berg aus Glas… das halte ich für eine gute Idee. Es müsste aber ein Berg aus Glas sein, durch den kein Magier gelangen kann.“
„Wieso?“, wollte Teese wissen. „Was habt Ihr gegen Magier?“
Lisande wandte sich um. „Ihr gehört nicht hierher. Ihr habt eine eigene Welt. Ihr habt in ihr die Magie verbraucht und nun seid ihr in unsere gekommen und werdet unsere verbrauchen.“
„Was stört Dich das?“, wollte Nysrael wissen. „Du brauchst keine Magie. Und ohne Magie gäbe es keine gefährlichen Drachen und keine feindlichen Formori.“
„Halt.“ Teese hob die Hand. „Das ist doch überhaupt nicht wahr.“ Sie war schockiert. „Wir verbrauchen hier keine Magie. Und wir haben die Magie in unserer Welt auch nicht verbraucht. Wir haben sie…“ Sie zögerte.
„Ja?“ Lisande sah Teese interessiert an.
Teese überlegte fieberhaft. Hatte ihr jemand verboten, die Wahrheit zu sagen? Gab es einen Grund, warum die Nichtmagier nicht wissen durften, wie es wirklich gewesen war? Sie konnte keinen sehen.

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