Die Zukunft Argentaniens (11/18)

Posted on Mai 6, 2013

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„Hier, magst Du Dich setzen, Teese?“ Lisande bot ihr das Bett mit einer großzügigen Geste an. „Ich habe viel von Dir gehört. Vor allem das was auf der Brücke vorgefallen ist, interessiert mich sehr. Magst Du ein Stück Kuchen?“
Das magere junge Mädchen drehte sich um und holte hinter einem der Bücherstapel einen Teller hervor. Darauf standen drei Stücke Kastenkuchen. Er sah aus wie ganz normaler Marmorkuchen.
„Hm, vielleicht ein wenig trocken“, kommentierte Lisande. „Aber bestimmt noch gut.“ Sie hielt Teese den Teller entgegen.
„Äh, Nein, Danke“, lehnte Teese ab. „Ich habe gerade gegessen.“ Sie musterte den Kuchen. Er war bestimmt nicht von heute. „Warum hast Du davon nichts gegessen?“, wollte sie wissen.
„Ach, ich bin einfach noch nicht dazu gekommen.“ Lisande sah auf den Teller. „Wenn ich so darüber nachdenke. Ich glaube, ich habe heute noch gar nichts…“ Sie stellte den Teller neben dem aufgeschlagenen Buch ab und nahm ein Stück Kuchen, um gleich hinein zu beißen. „Ich vergesse das einfach manchmal“, sagte sie kauend. „Du magst wirklich nicht?“
Teese schüttelte den Kopf.
„Gut.“ Das Mädchen hatte das erste Stück schon zur Hälfte verputzt und griff nach dem nächsten. „Dann kannst Du mir in der Zwischenzeit ein wenig erzählen von diesem Übergriff auf der Brücke. Man hört so einiges. Aber das meiste ist blanker Unsinn.“
Sie schob die Reste des ersten Kuchenstücks in den Mund. Teese nahm es amüsiert zur Kenntnis. Lisande konnte genauso schnell ein Stück Kuchen verputzen wie Seth. Nur dass der kleine Junge nie Essen irgendwo hatte stehen lassen. Der junge Tiermagier aß eigentlich alles, was nicht weggeräumt wurde. Trotzdem bezweifelte sie, dass Seth jemals so an Gewicht zulegen könnte, wie Fürst Edomar. Er brauchte das einfach zum Wachsen.
„Ja, das interessiert mich auch“, mischte sich Nysrael von seinem Platz an der Tür ein.
„Naja.“ Teese wusste nicht so Recht, was sie erzählen sollte. „Was habt Ihr denn darüber gehört?“
„Dass Du einen Drachen abgerichtet hast, der Deinen Befehlen folgt“, sagte Lisande. „Einen wilden Drachen, keinen wie ihn manche Magier bei sich haben, sondern einen echten. Dass Du Dich in dichten Nebel aufgelöst hast oder Dich in den Himmel entrückt hast, um zu entkommen.“ Sie zögerte einen Moment. „Es gibt sogar ein Gerücht, das besagt, dass Du Dich in den Drachen verwandelt hättest und eine Gestaltwandlerin bist.“
„Quatsch.“ Teese war fassungslos, was die Nichtmagier aus dem Vorfall gemacht hatten. Direktor Hoffmann hatte sie zwar schon vorgewarnt, aber das war noch abenteuerlicher als das, was er gehört hatte. „Der Drache ist ein echter Drache. Und, ja, in gewisser Weise ist er abgerichtet, aber ich habe ihn schon seit er sehr klein ist.“
„Ist es der Drache aus Thorhafen?“, wollte Nysrael wissen.
Teese nickte. „Ja. Er hat mich für seine Mutter gehalten, weil ich magisch bin, wie er selbst.“
„Dann ist er ganz schön groß geworden“, stellte Nysrael fest. „Ich habe ihn heute Mittag auf dem Dach sitzen sehen.“ Er sah durch eines der Fenster, durch das man jetzt aber nur absolute Dunkelheit sehen konnte.
„Dieser Drache?“ Lisande sah ebenfalls aus dem Fenster. Vermutlich hatte sie ihn von hier ebenfalls sehen können. Das Mädchen griff nach dem dritten Stück Kuchen. „Er lag dort auf der Lauer.“
„Woher willst Du das denn wissen?“, erkundigte sich Nysrael und verdrehte die Augen.
„Peitschender Schwanz, leicht vibrierende Flügel“, sagte Lisande kühl, „Das sind typische Anzeichen laut dem Buch der Drachenjäger.“
„Hm.“ Nysrael verschränkte die Arme vor dem Körper.
„Jagd er Menschen?“, wollte Lisande wissen.
„Himmel. Nein.“ Teese war erschrocken über diese Frage. „Er hält sich selbst für einen Menschen, weil ich ein Mensch bin.“
Nysrael lachte verhalten auf.
Lisande nickte nur und kaute.
„Er würde keinem Menschen etwas tun“, bekräftigte Teese noch einmal. „Er beobachtet sie nur.“
Eigentlich beobachtete er im Moment nur einen einzigen Menschen, nämlich Timar. Nach dem Vorfall in der Trainingshalle war Teese Flecks Rat gefolgt und hatte ihren Drachen gebeten, den Jungen im Blick zu behalten. Seitdem lag er – so wie Lisande richtig beobachtet hatte – auf der Lauer. Bis jetzt war aber nichts Verdächtiges geschehen.

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