Die Zukunft Argentaniens (10/18)

Posted on Mai 3, 2013

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Zusammen gingen sie weiter nach oben, ohne weitere Stockwerke zu passieren. Die Treppe wurde zusehends enger und gewundener und endete schließlich an einem Treppenabsatz und einer Tür. Einer dunklen, sehr soliden Tür, die mit Eisenriegeln gesichert war. Gleich mehrere Schlösser schützten jeden von ihnen.
Und als sei das noch nicht genug, stand auch noch eine Wache vor der Tür. Einer jener Soldaten in dunkelroter Kleidung, wie Teese sie noch aus Thorhafen kannte und wie sie in ganz Schastel Awrosch anzutreffen waren, mit Ausnahme des Colligats der Magier.
Der Wächter nahm Haltung an, als er Nysrael und Teese kommen sah. Ohne viele Worte entsicherter er die Tür und ließ die beiden Kinder eintreten.
Hinter der Tür lag der Kerker oder das, was man in Schastel Awrosch unter diesem Begriff verstand. Nysrael hatte gesagt, der Kerker läge in einem Turm und das stimmte offenkundig, denn der Raum, den Teese betrat, war klein, rund und wies eine Vielzahl von Fenstern auf, durch welche man allesamt nicht mehr sehen konnte als das Dunkel der Nacht.
Anscheinend waren sie am höchsten Punkt der Burg. Irgendwo unter ihnen lag die Bibliothek, welche vermutlich das oberste Gebäude des Flügels gewesen war. Sie waren hier so weit oben, dass die Fenster keine Gitter besitzen mussten, um einen Insassen von einer Flucht abzuhalten. Vermutlich bestand die einzige Möglichkeit, von hier zu entkommen durch die Tür oder aus dem Fenster in den Tod.
Allerdings gab es für Selbstmordversuche wohl keinen Grund, denn der Raum war hübsch eingerichtet, so wie Nysrael es gesagt hatte. Es gab ein großes Bett mit mehreren Decken und Kissen, das jedoch unberührt wirkte. Ihm gegenüber stand ein genauso großer Webstuhl, der nicht weniger beeindruckend war wie der in Dekan Ezzos Arbeitszimmer, allerdings offensichtlich auch nicht genutzt wurde.
Der einzige Ort im Raum, der davon zeugte, dass hier oben jemand lebte, war der Tisch, der an einem der Fenster stand und über dem eine runde Lichtkugel an der Decke hing, die wie eine moderne Straßenlampe aussah und wenig zum Rest des Raumes passte.
Auf dem Tisch türmten sich mehrere Bücher. Eines davon war aufgeschlagen und umlagert von einem tönernen Becher, einem Tintenfass, mehreren Schreibgeräten und einigen gebundenen Seiten Papier, das in engen Zeilen beschriftet war.
Auf dem Stuhl vor dem Tisch saß ein Mädchen ungefähr in Teeses Alter. Als Nysrael und Teese hereinkamen, drehte es sich um und sah sie beide über die Lehne des Stuhls hinweg an. Ihr Anblick ließ Teese große Augen machen.
Das Mädchen sah Marisan unglaublich ähnlich. Wie eine Schwester, eine nicht ganz so hübsche Schwester aber eindeutig eine Schwester. Beide Mädchen hatten dieselben langen braunen Haare, ähnliche Gesichtszüge und sogar der Blick der jungen Fürstin von Argentanien ähnelte der ihrer Cousine.
Gleichzeitig aber war dieses Mädchen ganz anders als Marisan. Als erstes fiel Teese auf, wie ungewaschen, beinahe verwahrlost das Mädchen wirkte. Ihre Kleidung sah aus als habe sie dasselbe dunkelbraune Kleid seit einem halben Jahr nicht gewechselt. Ihr Gesicht war aschfahl und leicht eingefallen. Die Haare waren fettig und strubblig zugleich. Ihre Hände wiesen mehrere Flecken auf, vermutlich von Tinte.
Dabei war das gar nicht nötig, denn Teese konnte eine Kanne und eine Waschschüssel zwischen Tisch und Bett auf dem Boden stehen sehen. Sie hätte sich also durchaus waschen können, wenn sie gewollt hätte.
„Aha.“ Die junge Grafentochter sah Nysrael an. „Eine Biografie?“ Sie stand auf und kam ihm entgegen. „Gut. Dann kannst Du wieder gehen, wenn Du willst.“ Sie nahm das Buch entgegen und klemmte es unter ihren Arm.
Jetzt da sie Teese schräg gegenüber stand, konnte sie sehen, dass das Mädchen auch viel dünner war als Marisan. Anscheinend aß es genauso wenig wie es sich wusch.
„Aber Du kannst gerne bleiben.“ Die junge Fürstin wandte sich Teese zu. „Du musst Dekananwärterin Teese sein.“
Teese fühlte sich ein wenig überrumpelt. „Äh. Ja, das bin ich.“
„Ich bin Lisande, Fürstin von Argentanien.“ Sie reichte Teese ihre freie rechte Hand.
Etwas überrascht, über diese Begrüßung schüttelte Teese ihr die Hand. Frauen, das hatte sie während ihrer Reise bereits festgestellt, gaben sich in der neuen Welt nicht die Hand. Am Hof von Schastel Awrosch gab es so etwas wie einen Hofknicks, den Teese bereits gesehen hatte. Ansonsten verbeugten sich die Leute voreinander – vor allem vor Magiern. Lisande allerdings verhielt sich wie ein Erwachsener in der alten Welt. Das war seltsam – so wie das ganze Mädchen.
„Ich bin Teese“, sagte Teese. Auf ihren Titel hinzuweisen oder dass sie eine Magierin war, hielt sie für überflüssig.
„Fein. Freut mich.“ Lisande schien überhaupt keine Berührungsängste mit Magiern zu haben. Neugierig zog sie Teese zur Seite und begutachtete ihren Arm. „Hm, das ist sicher die Narbe von dem falschen Schwert, nicht wahr?“
Die Narbe hatte die Heilerin des Colligats mit Absicht nach der Heilung zurück gelassen. Da war sich Teese inzwischen fast sicher. Genauso wie sie sicher war, dass Magister Nivien mit Absicht die Magierrobe so geändert hatte, dass man den verletzten Arm sehen konnte.
„Woher weißt Du davon?“ Nysrael hatte den Raum nicht verlassen und stand direkt hinter der Tür, die der Wächter wieder geschlossen hatte.
„Oh, ich habe schon Ohren in meinem Kopf, weißt Du“, erwiderte Lisande. Sie machte auf Teese einen sehr aufgeweckten Eindruck. Ziemlich keck. Eigentlich fand Teese das ganz angenehm zur Abwechslung.
Anders als Nysrael, dem Lisandes Antwort nicht zu gefallen schien, denn er rümpfte die Nase, schwieg aber.

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