Die Zukunft Argentaniens (8/18)

Posted on April 22, 2013

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Teese folgte Nysrael in den Raum hinter der Tür. Die Bibliothek – wie sie erwartet hatte. Im Vergleich zur Bibliothek im Magieturm von Weltenei war es eine kleine Bibliothek. Im Vergleich zur Stadtbibliothek in Teeses Heimatort in der alten Welt war es eine riesige Bibliothek.
Teese legte den Kopf in den Nacken und bewunderte die schöne Deckenmalerei, die Menschen in altertümlichen Gewändern zeigte, welche mit verschiedenen alltäglichen Tätigkeiten beschäftigt waren. Einige beackerten ein Feld, andere buken Brot, wieder andere schlugen Holz, schabten irgendwelche Stoffe oder bauten ein Haus. Ein paar Frauen wuschen sogar auf diesem Deckengemälde ihre Wäsche. So etwas hatte Teese noch nie gesehen.
Deckenmalereien stellten eigentlich immer Helden oder Götter dar. Sie führten Schlachten auf großformatigen Decken von Schlössern, in Treppenaufgängen oder Bankettsälen. Backen, Wäsche Waschen oder Holzschlagen gehörte nicht zu den Tätigkeiten von Helden und Göttern und somit nicht auf Deckengemälde. Schon gar nicht auf Deckengemälde in Bibliotheken.
Direkt unter der Decke allerdings war dann doch alles so, wie Teese es erwartet hatte. Die Bibliothek besaß eine hölzerne Empore, welche links und rechts knapp drei Meter über dem Boden ansetzte. Man konnte dort Reihen von Regalen sehen, die an derselben Stelle standen wie die Bücherregale hier unten. Teese konnte rechts an einem Regal eine Leiter sehen, die nach oben führte und an einer Luke endete. So gelangte man wohl nach oben.
„Warte kurz hier. Ich hole schnell die Bücher. Dann können wir weiter.“ Nysrael eilte zu einer Regalreihe links vor Teese. Ein junger Mann, der an einem der großen Holztische saß, welche in der Mitte des Raumes standen, sah nicht einmal auf, als Nysrael hinter seinem Rücken vorbei lief.
Anscheinend war er vollkommen in seine Arbeit vertieft. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch. Allerdings las er nicht darin, sondern er schrieb fein säuberlich etwas in es hinein. Von ihrem Platz an der Tür konnte Teese nicht viel erkennen, aber anscheinend schrieb er tatsächlich ein Buch. Die rechte Seite war augenscheinlich leer.
Vor ihm lagen mehrere Stapel an Büchern, ein paar lagen aufgeschlagen halb übereinander daneben. Vielleicht fasste er irgendetwas aus ihnen zusammen. So ähnlich sah es bei Liina auf dem Tisch in der Bibliothek auch immer aus, wenn sie an einem Aufsatz arbeitete. Sicher würde es ein sehr gutes und umfangreiches Buch. So wie Liinas Aufsätze hervorragende und alle Punkte umfassende Aufsätze waren. Anders als Teeses knappe und wenig kunstvoll zusammengeschriebene Aufsätze, deren Inhalt zudem meist aus nur einem oder vielleicht zwei Büchern stammte.
Teese reckte ein wenig ihren Hals, um zu sehen, wovon die aufgeschlagenen Bücher handelten, die der junge Mann in der Bibliothek bearbeitete. Das eine zeigte eine lange Tabelle. Das andere ein Diagramm. Ansonsten war es erstaunlich klein gedruckter Text.
Als habe der Mann Teeses Blicke bemerkt, hob er kurz den Kopf und sah zu ihr herüber. Seine Augen streiften sie nur für einen Moment und ohne jegliche Neugier oder Verärgerung über ihre Störung in der Bibliothek. Er sah Teese nur kurz an und sah dann wieder weg. Erkannt hatte er sie auch nicht.
Dabei kannte Teese ihn. Sie hatte ihn schon öfter gesehen. In der Bibliothek in Weltenei. Teese überlegte fieberhaft wer er war. Sie wusste, dass sie ihn dort praktisch jeden Tag gesehen hatte. Er war ein Magister. Immerhin trug er eine blaue Schärpe.
Sein Gesicht wirkte jugendlich und schön. Sein Teint war blass. Die Stirn hoch, die Lippen schmal, aristokratisch wirkend. Er hatte braune, hübsch wellige, halblange Haare, die zu einem kurzen Zopf gebunden waren, der ihm ein etwas keckes Aussehen verlieh. Seine Augen waren braun, sein Blick wirkte seltsam abwesend. Vielleicht konzentriert, andererseits auch irgendwie leblos.
Es war ein junger Mann, dem Mädchen in der alten Welt sicherlich schmachtend nachgelaufen wären. Ein Schlagersänger, oder ein Filmstar. Jemand, dessen Gesicht man nicht so einfach vergaß. Trotzdem wollte Teese sein Name partout nicht einfallen.
‚Teese‘, mischte sich Fleck in ihre Gedanken und das Mädchen konnte einen leichten Schauder in der Gedankenstimme ihres Seelentiers vernehmen. ‚Das ist Magister Pitro.‘
Teese blinzelte einen Augenblick verständnislos. Erst dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Diesen Mann hatte sie noch nie gesehen. Es war sein Bild, dass sie bei jedem Besuch in der Bibliothek sah. Es hing in einem der Regalgänge im Erdgeschoss. Bei jenen Büchern, die sich mit magischen Verwandlungen beschäftigte. Es war das Bild von Magister Pitro, dem großen Schriftmagier, der ein Double von sich hatte erstellen wollen, indem er ein Bild angefertig hatte. Bei diesem Vorgang war er zu einem Bild geworden und sein Double…
‚Das ist…‘ Teese konnte es nicht glauben. ‚Das ist Magister Pitros Double?‘
‚Anscheinend‘, kommentierte Fleck.
Liina hatte nicht gewusst, wo es abgeblieben war. Aber Teese wusste es nun. Das Double des großen und unglücklichen Schriftmagiers saß in der Bibliothek von Schastel Awrosch.
Teese lauschte auf ihre eigenen Gedanken. Das klang höchst seltsam. Was machte er hier? Gut, er schrieb ein Buch, das sah sie. Aber warum? Und warum in Schastel Awrosch? Wie war er hierhergekommen?

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