Die Zukunft Argentaniens (7/18)

Posted on April 19, 2013

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Teese schüttelte den Kopf. Nysrael hatte unbewusst einen weiteren Grund angeführt, warum sie es ihm nicht sagen konnte. „Das kann ich nicht. Gerade wegen Marisan. Ich kann ihren Bruder doch nicht…“ Sie stoppte im letzten Moment. Sie sollte besser gar nichts mehr sagen.
„Timar?“ Nysrael lachte auf. „Mach Dir keine Gedanken um ihn. Ich kann ihn ohnehin nicht leiden. Er hält sich für etwas Besonderes. Für den nächsten Dekan von Weltenei mit einem Geburtsrecht.“
Teese riss ihre Augen auf. „Aber…“
„Ja, ich weiß. Das ist totaler Unfug“, unterbrach Nysrael sie. „Jeder weiß, dass Du die nächste Dekanin sein wirst. Dass Du ein höheres Recht hast als er. Immerhin ist der Dekantitel nicht erblich. Anders als der Grafentitel.“
„Äh… ja.“
„Also wenn Timar einer der Schärgen ist“, begann Nysrael.
„Nein“, entfuhr es Teese panisch. „Das hatte ich nicht sagen wollen.“
Nysrael lachte. „Doch wohl kaum Schirniel.“
„Nein, Efraim.“ Jetzt hatte sie es doch gesagt.
„Wer ist Efraim?“ Nysrael sah Teese irritiert an.
„Ehm, also…“ Teese war in einer ausweglosen Situation. Egal, was sie sagen würde, es würde alles nur noch mehr verkomplizieren. Und so wenig sie Timar mochte, sie würde ihn nicht verleumden. Das war nicht richtig.
„Schwörst Du, es niemandem zu erzählen?“
„Ja.“ Nysrael hob sofort die Hand. „Das schwöre ich.“
Teese seufzte. „Efraim ist Dekan Ezzos Sohn aus erster Ehe. Er ist also Marisans Halbbruder und er ist der Anführer der Schärgen.“
Nysrael ließ seine Hand sinken und öffnete den Mund. Allerdings nicht, um etwas zu erwidern.
„Er erhält Befehle von jemandem, den er Meister nennt“, fuhr Teese fort. „Auf der Brücke vor Schastel Awrosch haben sie mich und Ro…sares gestellt. Den Meister habe ich nicht gesehen, aber Efraim kenne ich inzwischen. Er ist in Thorhafen den Magiern entwischt, aber sie haben andere Kinder von Magiern ergriffen.“
„Aber…“ Nysrael war höchst verblüfft. „Dann können sie keine Schärgen des Grafen von Argentanien sein.“
„Hm.“ Teese zuckte mit den Schultern.
„Das ist wirklich seltsam“, sagte er. „Die Schärgen sind eine Widerstandsgruppe. Mörder, Räuber, Spione. Sie stehen nicht offiziell im Dienst des Grafen von Argentanien, aber sie unterstützen ihn durch ihre Verbrechen. Es sind Nichmagier. Leute aus Argentanien.“
„Dann“, setzte Teese zögerlich an, „sind diese Schärgen, die in Thorhafen waren und die mich verfolgt haben, gar keine Schärgen?“
„Ja.“ Nysraels Miene hellte sich auf. „Natürlich. Sie geben sich für Schärgen des Grafen aus, aber in Wirklichkeit…“ Er stockte. „Was wollen sie?“
Teese dachte nach. „Sie wollen Magie lernen.“
Nysrael dachte ebenfalls nach. „Das geht?“
„Nein.“ Teese schüttelte den Kopf. „Sie glauben, dass man Magie lernen könnte. Dass sie als Kinder von Magiern es lernen könnten, weil sie Magiebegabt sind.“
Sie konnten magische Artefakte nutzen. Sie konnten zwischen den Welten wechseln. Aber sie konnten keine Magie wirken. Das war vollkommen ausgeschlossen.
„Aber das ist nicht möglich.“
„Nein“, bekräftigte Teese.
„Aber sollten sie das dann nicht wissen?“
„Eigentlich schon.“ Teese hatte das Gefühl, dass sie irgendetwas Wichtiges verpasst hatte. Irgendeine wichtige Information fehlte ihr, um all das zu verstehen.
„Das ist alles sehr seltsam“, sagte Nysrael schließlich.
Dem konnte Teese nur zustimmen.
„Ich könnte Edomar darüber befragen“, schlug Nysrael vor. „Mein Onkel ist ebenfalls Magiernachwuchs.“
„Bloß nicht“, wehrte Teese ab. „Du hast versprochen, es niemandem zu sagen.“
„Ja.“ Nysrael lachte. „Ich werde es ihm ja auch nicht sagen. Aber ich kann ihn doch ein wenig über Magie ausfragen, oder? Er ist immerhin nicht nur mein Onkel, sondern auch mein Lehrer. Nicht nur, was das Führen von Waffen angeht.“
„Ach.“ Eigentlich sollte Teese das nicht weiter verwundern.
„Mein Onkel ist unglaublich. Er weiß alles und er kann alles“, verkündete Nysrael überschwänglich. „Er ist nicht zu Unrecht der oberste Berater meines Vaters. Niemand kann ihn im Zweikampf besiegen. Er deckt alle Intrigen auf, bevor sie zum Erfolg führen. Er kann alles erreichen, was er will. Er weiß immer, was zu tun ist, um zu bekommen, was man will.“
„Äh. Ja.“ Teese vermutete stark, dass Nysraels Lobeshymne auf Fürst Edomar ihre Ursache zum Teil in der einfachen Tatsache hatte, dass er sein Onkel war – den Nysrael vielleicht schon als kleiner Junge bewundert hatte. „Trotzdem wäre es mir lieber, wenn Du mit niemandem darüber redest.“
„Nun… gut“, lenkte Nysrael ein. „Ich habe es schließlich versprochen.“ Er wandte sich um und öffnete die Tür, die aus dem Treppenhaus hinaus führte. „Trotzdem. Seltsam ist es schon.“

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