Die Zukunft Argentaniens (6/18)

Posted on April 12, 2013

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„Argentanien ist echt eine Qual“, fuhr Nysrael fort. „Wenn sie nicht so Idioten wären, würden sie immer noch in Awrosch leben und alles wäre in Ordnung.“
„Ehm.“ Teese räusperte sich verlegen. „Die Leute aus Argentanien stammen aus Awrosch?“
„Ja, natürlich.“ Nysrael blieb auf dem nächsten Treppenabsatz stehen und sah zu Teese nach unten, die ihm hinauf folgte. „Argentanier sind eigentlich eine Gruppe Nichtmagier, die darauf bestehen, dass Magier sich nicht in ihre Belange einzumischen haben, auch nicht zu ihrem Schutz. Sie lehnen es sogar ab in einer magisch geschützten Stadt zu leben und haben Schastel Awrosch daher vor 600 Jahren verlassen, um Argentanien zu gründen. Eine Grafschaft reiner Menschen.“
Nysrael nickte bedächtig. „Magier sind bei ihnen nicht gerne gesehen. In ihren Städten dürfen sie keine Colligate gründen oder sich niederlassen. Selbst Magier, die einen Nichtmagier geheiratet haben, dürfen in der Grafschaft kein Haus bauen oder sich länger als drei Monate ohne guten Grund oder offizielle Erlaubnis aufhalten.“
Teese hörte mit offenem Mund zu. Das hatte sie nicht gewusst. Oh, natürlich hatte sie gewusst, dass Argentanien anscheinend nicht gut auf Magier zu sprechen war. Aber immerhin hatte die Fürstin von Argentanien Dekan Ezzo geheiratet. Und die Schärgen des Grafen waren… aber Moment, das machte doch gar keinen Sinn…
„Aber die Schärgen des Grafen sind doch allesamt Magiernachwuchs erster Generation“, wandte Teese ein. „Wie kann es sein, dass seine Leute Magiernachwuchs sind, wenn Magier bei ihnen keinen Zutritt haben? Gibt es für Kinder von Magiern Ausnahmen?“
„Nein.“ Nysrael winkte entschieden ab. „Natürlich nicht. Wie kommst Du denn darauf, dass die Schärgen des Grafen Magiernachgeborene sind? Das ist doch totaler Quatsch.“
„Aber die Schärgen, die in Thorhafen gefangen genommen wurden…“ Sie verstummte. Wusste Nysrael das nicht? Wusste es vielleicht nicht einmal sein Vater? Hatte Dekan Ezzo den Grafen von Awrosch darüber überhaupt nicht informiert?
‚Gut möglich‘, mischte sich Fleck in Teeses Gedanken ein. ‚Denk doch nur einmal darüber nach. Wenn Kinder von Magiern für all das verantwortlich sind, was die Schärgen des Grafen in Awrosch angerichtet haben, dann wirft das kein gutes Bild auf die Magier selbst, oder? Sicher will Dekan Ezzo das die Leute von Schastel Awrosch lieber nicht wissen lassen.‘
„Was ist mit den Schärgen, die in Thorhafen gefangen genommen wurden?“, hakte Nysrael nach.
Teese zögerte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr wurde bewusst, dass mit Efraim der Sohn Dekan Ezzos selbst eine entscheidende Rolle bei den Schärgen spielte. Doch wenn sie eigentlich überhaupt keine Schärgen des Grafen von Argentanien waren, weil dieser mit Magiern nicht im Bunde sein konnte – was wollten sie dann? Und vor allem, wer waren sie?
„Teese?“ Nysrael verschränkte die Arme vor dem Körper. „Was ist mit den Schärgen?“
Teese schluckte. „Ich… darf davon niemandem etwas sagen?“, log sie. Wobei, ganz gelogen war das nicht. Man hatte es ihr zwar nicht verboten, aber hätte Dekan Ezzo jetzt neben ihr gestanden, hätte er ihr es verboten – da war sich Teese ziemlich sicher.
Nysrael schnaubte verächtlich. „Du bist genau wie Magister Gaban“, sagte er abwertend. „Der sagt uns auch nichts und wenn doch, dann ist es nicht die Wahrheit.“
„Ich…“, setzte Teese mit schlechtem Gewissen an, doch Nysrael ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Genau wie Du in Thorhafen“, fuhr er provozierend fort. „Als Du gesagt hast, Du wärst eine Nichtmagierin.“
„Da war ich aber doch… inkognito“, unternahm Teese einen Einwand, sich zu verteidigen. „Und ich kannte Dich gar nicht…“
„Jetzt kennst Du mich aber“, hielt Nysrael dagegen.
„Ja.“ Das stimmte. „Aber…“
„Aber?“ Nysrael zog fragend eine Augenbraue hoch.
„Du bist mir ohnehin schon böse wegen der Sache in Schastel Awrosch und Marisan auch.“
„Quatsch.“ Nysrael winkte ab. „Ich bin Marisan nicht böse. Das war nur… so meine erste Reaktion, als ich erfahren habe, dass Ihr mich angeschwindelt habt.“
Beide schwiegen. Sie standen im Treppenaufgang vor der Tür zu dem Raum, der wohl die Bibliothek war, zu welcher Nysrael zuerst wollte, und schwiegen.
„Okay, Teese. Ich war sauer auf Euch beide“, sagte Nysral schließlich. „Aber Marisan und ich… also ich meine, wir sind schon gute Freunde und so…“
Teese kaute auf ihrer Oberlippe. „Gute Freunde…“
„Ja, schon gut.“ Nysrael winkte ungeduldig ab. „Sie ist meine Freundin und eines Tages werde ich sie heiraten, egal, was mein Vater sagt.“
„Oh.“ Teese schwankte zwischen Überraschung und Freude. Für Marisan freute sie sich über Nysraels Entschlossenheit, denn einfach würde es nicht werden, das verstand sie nach ihrem Gespräch mit Fürst Edomar. Überrascht war sie über Nysraels Bestimmtheit in dieser Sache.
„Und Du“, fuhr Nysrael fort. „Du bist Marisans beste Freundin. Das bist Du doch, oder?“
„Ich glaube… ja, schon.“ Eigentlich war Liina für Teese ihre beste Freundin. Aber umgekehrt war sie bestimmt für Marisan die beste Freundin. Vermutlich schon einmal, weil sie wohl ihre einzige war.
„Dann sag es mir als beste Freundin meiner Freundin“, verlangte Nysrael.

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