Die Zukunft Argentaniens (5/18)

Posted on April 8, 2013

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Nysrael reichte Teese seinen Arm. „Darf ich bitten?“
Etwas irritiert streckte Teese ihm ihren unverletzten Arm entgegen und wurde sofort untergehakt. Sie kam sich ein wenig seltsam vor, so von Nysrael aus dem Raum geführt zu werden. Und Nysrael kam es anscheinend genauso komisch vor, denn kaum hatten sie die Halle durch eine Seitentür verlassen, zog er seinen Arm zurück.
Er schloss die Tür hinter ihnen und alle Geräusche verstummten um sie herum sofort. Sie standen alleine in einem kühlen, zugigen und ziemlich dunklen Gang. Ein Stück vor ihnen gab es weitere Türen, von welchen zwei Fenster in den Gang hinein hatten. Licht fiel von dort ein. Der Raum dahinter war wohl beleuchtet.
Außer diesem fernen Licht erleuchtete nur das Mondlicht den Gang. Große Glasfenster zeigten nach rechts in einen Innenhof, von dem Teese jetzt am Abend nicht mehr ausmachen konnte als die Schatten von Bäumen und eine große Statue, die direkt am Fenster neben ihnen stand.
Nysrael atmete tief durch. „Uff, Glück gehabt.“
Teese versuchte zu verstehen, was er meinte, scheiterte aber. „Wer ist diese Filliane?“, erkundigte sie sich nach dem einzigen in ihren Augen möglichen Grund für Nysraels Reaktion. Er war sehr bereitwillig auf das Angebot seines Onkels eingegangen, Teese zur Fürstin von Argentanien zu begleiten, kaum dass dieser Filliane und ihre Tochter erwähnt hatte.
„Sie ist meine Tante“, erklärte Nysrael bereitwillig und schlug den Weg den Gang hinunter ein. „Und die furchtbarste Person in ganz Schastel Awrosch, von ihrer Tochter abgesehen. Lieber küsse ich einen Frosch auf den Mund als ihr auch nur die Hand. Sie ist…“ Er schauderte.
„O-kay.“ Teese überlegte, ob sie eine Person kannte, der sie einen Frosch vorziehen würde. Aber niemand kam ihr in den Sinn.
‚Du würdest eher einen Frosch küssen als mit Timar zusammen zu Abend essen zu müssen‘, schaltete sich Fleck zum ersten Mal an diesem Abend in Teeses Gedanken ein.
Teese blinzelte ein wenig überrascht, denn ihr Seelentier hatte sie im Dekan Appartement gelassen. Das war zwar für ihren Geschmack eigentlich zu weit von ihr entfernt, aber ein Kaninchen mit zu einem gräflichen Bankett zu nehmen, hatte ebenfalls nicht zur Debatte gestanden – auch wenn Teese als Magierin nach Schastel Awrosch gekommen war und Fleck ihr Seelentier war und kein gewöhnliches Kaninchen.
‚Gut, vielleicht würde ich in diesem Fall wirklich den Frosch vorziehen‘, gab Teese unumwunden zu. Tante Filliane und ihre Tochter mussten ziemlich abstoßend sein. Vermutlich war es besser, ihre Bekanntschaft erst gar nicht zu machen.
Teese beeilte sich, mit Timar Schritt zu halten, der am Ende des Korridors eine spärlich beleuchtete Treppe betrat, die nach oben führte.
„Wohin gehen wir eigentlich genau?“, wollte Teese wissen.
„Also zuerst gehen wir in die Bibliothek, um ein Gastgeschenk zu besorgen und dann in den Kerker.“
„Kerker?“ Teese war entsetzt. Die Fürstin von Argentanien war doch wohl nicht in einem Kerker untergebracht.
„Das war ihre persönliche Wahl“, erwiderte Nysrael. „Garantiegeiseln stehen eigentlich schöne Räume im ersten Stock zu. Aber nachdem sie versucht hat von dort zu entkommen, ist sie erst unter Beobachtung gestellt worden und beim zweiten Fluchtversuch in den Turmkerker gebracht worden.“
Teese war trotz der Erklärung fassungslos. Ein Kerker war ein kleiner, dunkler und feuchter Raum. Ohne Wasser und Licht. Nicht einmal ein Bett gab es in der Regel. Ein Kerker war schlimmer als ein Gefängnis. Teese hatte einmal einen Kerker bei einem Schulausflug besichtigt. Es war in einer Burg gewesen und es hatte dort sogar Eisenfesseln gegeben, mit welchen die Insassen an die Kerkermauer gefesselt werden konnten.
„Aber es ist nicht so schlimm dort, wie es vielleicht klingt“, fuhr Nysrael fort als habe er Teeses Gedanken erraten können. „Die Aussicht vom Turm ist hübsch. Der Raum hat ein großes Fenster und ist standesgemäß eingerichtet. Einzig ist es dort ziemlich langweilig und deswegen haben wir beide einen“ – er zögerte kurz. „Also wir haben einen Kompromiss ausgehandelt. Ich bringe ihr jeden Tag ein Buch und dafür kann ich gleich wieder gehen, ohne dass sie mich verpetzt.“
„Ah.“ Teese kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Ist sie denn keine nette Gesellschaft.“
„Hm.“ Nysrael wandte sich zu Teese um. „Schwörst Du mir, es niemanden zu sagen?“
„Ja. Klar“, nickte Teese. „Schwöre ich.“
„Gut. Also ehrlich gesagt ist sie eine ziemliche Zicke“, erklärte Nysrael offenherzig. „Sie ist zwar ein Mädchen, aber… irgendwie auch nicht. Ich bin froh, wenn sie wieder weg ist.“
„Und wann wird das sein?“, wollte Teese wissen.
Nysrael seufzte. „Wenn Ihr Vater die Reparationszahlungen für die Schäden an der Burg bezahlt hat. Aber das wird sicher noch ewig dauern. Er ist immerhin untergetaucht und sein Statthalter schickt jeden Monat so wenig, dass es gerade reicht, damit wir den Frieden nicht aufkündigen können, ohne ins Unrecht zu geraten.“
Teese hörte mit wachsendem Unbehagen zu. Sie hatte natürlich am Ende des letzten Schuljahres mitbekommen, wie Argentanien gegen Awrosch zu Feld gezogen war. Magier aus Weltenei waren zur Verteidigung von Schastel Awrosch zu Hilfe geeilt. Aber mit ihrem Sieg war für Teese die Angelegenheit erledigt gewesen.
Anscheinend hatte sie es sich damit aber zu leicht gemacht. Für Argentanien und für Awrosch war damit augenscheinlich noch überhaupt nichts erledigt. Für Dekan Ezzo und den Magisterrat vielleicht auch nicht. Teese hatte keine Ahnung, welche Rolle genau Weltenei in dieser Auseinandersetzung spielte.

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