Die Zukunft Argentaniens (4/18)

Posted on April 5, 2013

0


„Stimmt.“ Das hatte Teese natürlich gewusst. Marisans Mutter war die Schwester des Grafen von Argentanien. Und Argentanien und Awrosch hatten noch im letzten Jahr Krieg gegeneinander geführt. „Und das gefällt dem Grafen nicht.“
„Ja.“ Fürst Edomar griff über den Tisch und goss sich Wein aus einer Karaffe ein. „Argentanien und Awrosch werden in naher Zukunft mit Sicherheit keinerlei eheliche Verbindungen auf politischer Ebene eingehen.“
„Aber Marisan ist doch nur die Tochter der Fürstin von Argentanien“, versuchte Teese einen Einwand. „Sie ist doch nicht selbst eine Fürstin, oder?“
„Nein“, stimmte Fürst Edomar zu. „Aber nehmen wir einmal an, der Graf von Argentanien würde sterben. Er hat keinen männlichen Nachfolger und somit wäre in diesem Fall die weibliche Linie erbberechtigt, sofern es in dieser Linie männliche Nachkommen gibt.“
Teese schwirrte der Kopf, trotzdem verstand, sie, wer damit gemeint war oder glaubte es jedenfalls. „Timar.“
„Timar ist ein Magier. Aber sein Bruder, Schirniel, wäre vermutlich selbst für Argentanien ein akzeptabler Nachfolger. Wenn man die Wahl hat entweder die gräfliche Linie ganz aussterben zu lassen oder einen Kanidaten auf den Grafenstuhl zu haben, dessen Vater ein Magier war, werden in Argentanien auf alle Fälle einige Leute die Pest der Cholera vorziehen.“
„Und Marisan…?“
„…wäre dann Fürstin von Awrosch“, vollendete Fürst Edomar Teeses Satz.
Teese dachte nach. Sie hatte auf einmal ein mulmiges Gefühl bei der Sache. „Aber noch lebt der Graf von Argentanien doch.“
„Ja. Aber er hat nur eine Tochter, die gerade einmal zehn Jahre alt ist. Sie ist noch zu jung um zu heiraten und Kinder zu bekommen, von welchen es zudem fraglich ist, ob darunter Jungen sein werden.“
„Und wenn nun Schirniel Graf von Argentanien wird“, spann Teese diesen für sie schwer vorstellbaren Fall weiter, „und die Tochter des jetzigen Grafen doch heiratet und Söhne bekommt?“
„Wenn Schirniel wirklich Graf von Argentanien wird, wird er eine Frau von Stand heiraten müssen.“ Fürst Edomar faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. Er wirkte die Ruhe selbst. Ob er solche Gedankenspiele häufiger trieb? „Zum Beispiel die junge Fürstin von Argentanien.“
„Äh.“ Erneut warfen seine Worte Teese gedanklich aus der Bahn. Wie konnte man auf solche Dinge kommen? Und waren das nur Gedankenspiele oder waren das schon ganz konkrete Pläne. „Und die Fürstin von Argentanien hätte nichts dagegen?“
Fürst Edomar lachte auf. „Oh, ich glaube, wenn es nach ihr ginge, würde sie einfach Gräfin von Argentanien werden wollen. Zum Teufel mit der männlichen Erbfolge.“
Teese fand das eigentlich eine ganz gute Idee, aber sie war sich sicher, dass Fürst Edomar das anders sah, ebenso wie der Rest der gräflichen Familie und zwar vermutlich sowohl jene von Awrosch als auch jene von Argentanien. Die neue Welt war in dieser Beziehung so viel altmodischer als die alte.
„Hast Du sie bereits kennengelernt?“, wollte Fürst Edomar wissen.
„Die Fürstin von Awrosch?“ Teese schüttelte den Kopf. „Nein. Wie denn?“
„Oh, sie befindet sich zurzeit in Schastel Awrosch.“
„Sie ist hier?“, horchte Teese auf.
„Ja. Wenn Du möchtest, kann Nysrael Euch miteinander bekannt machen.“ Fürst Edomar sah an Teese vorbei zu Nysrael, der sich leicht vorgebeugt hatte und die Unterhaltung offenkundig verfolgt hatte. „Wenn ich es richtig sehe, warst Du heute noch nicht bei ihr, oder?“
Teese wandte den Kopf zur anderen Seite und konnte kurz einen grimmigen Blick von Nysrael erhaschen. „Nein. Ich bin leider“ – er betonte das Wort vielsagend – „heute noch nicht dazu gekommen.“
„Nun, dann könnt Ihr beide das doch jetzt nachholen.“ Fürst Edomar schien die gute Laune in Person zu sein. „Ich werde Dich selbstverständlich bei Filliane und ihrer entzückenden Tochter entschuldigen, dafür dass Du unabkömmlich bist und leider nicht gleich mit ihr tanzen kannst.“
Teese zuckte erschrocken zusammen, als Nysrael aufsprang und sein Stuhl geräuschvoll nach hinten geschoben wurde. „Gut. Dann werde ich Teese jetzt natürlich sofort mit der Fürstin bekannt machen und ihr etwas Gesellschaft zum Zeitvertreib leisten“, erklärte er unglaublich eilfertig.
Fürst Edomar zeigte ein breites Lächeln, das Teese an eine lächelnde Unke denken ließ. Offenkundig belustigte ihn Nysraels Reaktion. „Dann viel Spaß, Euch beiden.“
„Komm, Teese.“ Ohne allzu viel Zeit zu verschwenden griff Nysrael nach Teeses Stuhl und zog ihn zurück als wären sie beide auf der Flucht.
„Aber seid in einer Stunde zurück, wenn die Gaukler beginnen“, sagte Fürst Edomar. „Es wäre schade, wenn Dekananwärterin Teese dieses Spektakel verpassen würde.“
„Keine Sorge. Ich werde sie pünktlich zurück bringen.“

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements