Die Zukunft Argentaniens (3/18)

Posted on März 29, 2013

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Teese war reichlich nervös gewesen, als sie ihren Platz an der Tafel eingenommen hatte, doch inzwischen hatte sie sich entspannt. Im Grunde war es nicht die schlechteste Tischgesellschaft, in der sie sich befand.
Fürst Edomar hatte ihr gezeigt, wie man gekonnt die kleinen Flusskrebse zerlegte, die es als Vorspeise gab. Und er hatte ihr kurz die wichtigsten Persönlichkeiten am Tisch vorgestellt.
Interessanter Weise saßen eigentlich nur Geschwister am Tisch des Grafen. Neben dem Grafen und Fürst Edomar sowie Nysrael und seiner Schwester, saß auch der Bruder der Gräfin dort. Er hatte seinen Platz neben der jungen Fürstin von Awrosch und war genauso füllig wie die Gräfin. Seine Gesichtszüge wirkten sanft. Das Gesicht wurde eingerahmt von einer unglaublich lockigen schwarzen Haarpracht, die Teese an eine Perücke denken ließ, wie Adelige sie in alten Mantel-und-Degen-Filmen oft trugen.
Allerdings passte er wenig in einen solchen Film. Adelige waren immer hellhäutige Europäer. Der Bruder der Gräfin war allerdings wie sie selbst mit Sicherheit von anderer Abstammung. Teese braucht danach allerdings nicht fragen, denn Fürst Edomar erklärte ihr bereitwillig die Familienverhältnisse.
„Vielleicht kennst Du seinen Vater und den meiner Schwägerin. Magister Thyle lebt, wenn ich richtig informiert bin, wieder in Schastel Awrosch.“
Teese dachte angestrengt nach, doch der Name sagt ihr nichts. Vermutlich sah man ihr ihre Ratlosigkeit an, denn Fürst Edomar fügte hinzu, „Er ist ein Heiler und hat bis zum letzten Jahr mit seiner Frau hier am Hof gelebt. Als sie gestorben ist, ist er nach Weltenei zurückgekehrt.“
Teese schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn noch nicht kennen gelernt.“ Sie überlegte. „Wie sieht er denn aus?“
Fürst Edomar lachte. „Nun dunkelhäutig und schwarzhaarig, natürlich. Einer der Magier, bei welchen man sofort weiß, dass man einen Zauberkundigen vor sich hat.“
Teese runzelte die Stirn. „Weil er dunkelhäutig ist?“
„Ja.“ Fürst Edomar warf ihr einen prüfenden Seitenblick zu. „Nur Magier haben eine übernatürliche Hautfarbe. Schwarz, braun, gelblich oder rötlich.“
„Ich nicht“, stellte Teese fest.
„Nein. Offensichtlich.“ Fürst Edomar lachte. „Du gehörst zu den Fällen, bei welchen es nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. So wie bei meinem Vater.“
„Oh.“ Teese war sich nicht sicher, ob sie das richtig verstanden hatte. „Er ist ein Magier?“
„Ja. Meine Mutter war die Gräfin von Awrosch, aber mein Vater ist ein Magier.“ Ein grimmiges Lächeln zeichnete sich auf sein Gesicht, während Teese zu verstehen begann. Graf Darion und Fürst Edomar waren überhaupt keine Brüder. Sie waren nur Halbbrüder. Ihre Mutter war die Gräfin von Awrosch, aber Graf Darions Vater war der Graf von Awrosch gewesen, Fürst Edomars Vater ein Magier.
„Meine Mutter ist nach dem Tod ihres Mannes, des vormaligen Grafen von Awrosch, eine Liaison mit meinem Vater eingegangen“, erklärte Fürst Edomar bereitwillig, ohne dass Teese weiter fragen musste. „Das macht mich zwar zum Fürsten von Awrosch, allerdings ohne irgendwelche Ansprüche auf den Grafenstuhl.“
Fürst Edomar zuckte leichthin mit den Schultern. „Ein Graf muss einen Grafen zum Vater haben. Die Blutlinie, welche die Grafen von Awrosch auf Dekan Zeni zurückführen können, ist über all die Jahrhunderte nie gebrochen gewesen. Und das soll auch in Zukunft so bleiben.“
„Hm.“ Das hieß Nysrael war ein Nachfahre von Dekan Zeni.
„Magierblut wird bei uns traditionell nur über die weibliche Linie weitergegeben und auch das nie direkt“, erklärte Fürst Edomar weiter. „Eine geeignete Kandidatin ist immer die Tochter eines Magiers oder einer Magierin mit einem Nichtmagier.“
„Aha.“ Die Gräfin von Awrosch war also nicht zufällig die Tochter eines Magiers. „Das heißt“, dachte Teese laut, „dass Nysrael eines Tages auch die Tochter eines Magiers heiraten wird. Jemanden wie… zum Beispiel… Marisan. Die Tochter von Dekan Ezzo.“
„J-ein.“
Teese horchte auf. Sie hatte bereits mitbekommen, dass weder der Graf von Awrosch noch Dekan Ezzo offenkundig begeistert davon waren, dass Nysrael und Marisan miteinander befreundet waren.
„Warum? Sie ist nicht nur die Tochter irgendeines Magiers, sonder des Dekans von Weltenei.“
„Und ihre Mutter ist die Fürstin von Argentanien.“

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