Die Zukunft Argentaniens (2/18)

Posted on März 22, 2013

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Der Bankettsaal von Schastel Awrosch war beeindruckend. Teese hatte geglaubt, dass sie nach der Halle des Lichts oder der Taberna Akademika kein Raum mehr durch seine Größe beeindrucken könnte, doch der Bankettsaal war riesig und er war hoch. Sicher hätten die Taberna Akademika dreimal übereinander gestapelt in ihn hinein gepasst.
Der untere Teil des Raumes war mit prächtigen Wandgemälden verziert. Darüber gab es große Fenster und kunstvolle Bögen, welche von weißen Säulen getragen wurden. Über ihnen erstreckte sich eine Gewölbedecke, in welcher zahlreiche Streben zu kunstvoll verzierten Knoten zusammen liefen. Jeder Knoten bildete eine Halterung für einen riesigen Kronleuchter, in dem echte Kerzen brannten, deren Licht von unzähligen geschliffenen Kristallen gespiegelt wurde.
Teese war sicher, dass hier keine Magie im Spiel war. Dennoch sah es nicht weniger bemerkenswert aus, wie die magisch leuchtende Halle des Lichts. Der ganze Raum wirkte wie sonnendurchflutet, ohne dass jetzt am Abend Licht von draußen durch die Fenster fallen konnte.
In der Mitte des Raumes lenkte ein Mosaikboden mit bunten Blumenmotiven den Blick auf sich. An seinen Rändern standen zwei lange Tische mit Bänken, die von verschiedenen Erwachsenen besetzt waren, die sich lautstark miteinander unterhielten. Teese konnte in diesem Durcheinander von Stimmen nichts verstehen, aber die Unterhaltung füllte den Raum wie ein alles durchdringendes Summen.
Sie selbst saß am Tisch an der Kopfseite der Halle, welcher der Familie des Grafen vorbehalten war. Magister Gaban hatte sie zu ihrer Einladung an diesem Abend begleitet und saß am rechten Teil des Tisches zwischen der Gräfin von Awrosch und ihrer Tochter, Nysraels Schwester.
Ehrlich gesagt hatte Teese nicht gewusst, dass Nysrael eine Schwester hatte, aber hätte sie das Mädchen gesehen ohne zu wissen, um wen es sich handelte, hätte sie trotzdem sofort gewusst, dass sie mit dem Jungen verwandt sein musste. Nysraels Schwester war eine ziemlich moppelige Ausgabe ihres Bruders. Ihr Gesicht war ein wenig runder, die Gesichtszüge etwas weicher, aber sie hatte dieselbe bronzene Hautfarbe, dieselben glänzenden braunen Augen wie er und dieselbe Nase. Ihre schwarzen langen Haare waren zu einer kunstvollen Flechtfrisur gebunden, mit silbernen Perlen in jeder Haarsträhne.
Teese fand das sehr hübsch. Sie selbst beschränkte sich meist auf ihren schlichten Pferdeschwanz, einfach weil es schnell und einfach war. Aber trotzdem beneidete sie die Tochter des Grafen um diese schöne Frisur. Ihre eigenen Haare waren vermutlich für ein solches Kunstwerk nicht lang genug. Und vermutlich hätte es an ihr einfach auch nichts ausgesehen. Teese war ein einfaches Mädchen, keine Grafentochter.
Im Gegensatz zu Nysraels Schwester wirkte sie vermutlich recht schlicht, um nicht zu sagen langweilig und farblos. Und das nicht nur, weil sie helle Haut hatte, die mit dem satten Bronzeton des Mädchens nicht mithalten konnte.
Teese trug eine schlichte Magierrobe in schwarz, mit der weißen Schärpe, wie auf Weltenei. Magister Nivien, welche sie für den Abend zurecht gemacht hatte, hatte an ihr nur ein einziges Detail verändert: Die Ärmel waren nur halblang und endeten kurz hinter den Ellenbogen. So konnte man Teeses nackte Arme sehen und die lange Narbe, welche nach der Arbeit der Heilerin von Schastel Awrosch zurückgeblieben war.
Teese hatte schnell bemerkt, dass ihren Armen die Blicke der meisten Anwesenden galten. Vermutlich hatten die Neuigkeiten von den Vorfällen in der Trainingshalle schnell die Runde gemacht. Die Narbe auf ihrem Unterarm war das sichtbare Zeugnis für den Anschlag auf ihr Leben – oder genauer gesagt auf das von Fürst Nysrael.
Der Junge saß zwischen seinem Vater, dem Grafen von Awrosch, und Teese. Er hatte bis auf eine verlegen wirkende Begrüßung noch kein Wort mit ihr gesprochen. Teese kannte Nysrael nur von den wenigen Stunden, welche sie mit ihm in Thorhafen verbracht hatte, aber im Augenblick erinnerte sie wenig an den selbstbewussten und selbstsicheren Jungen, den sie dort getroffen hatte. Er war still und wirkte in sich gekehrt. Sofern man das bei seiner dunklen Hautfarbe sagen konnte, war er zudem ziemlich blass.
Neben seinem Vater, der kräftig gebaut war und lebhaft mit seiner Gattin sprach, wirkte er mehr wie ein kleiner Junge denn wie ein junger Heranwachsender. Jetzt da Teese zum ersten Mal seine Mutter sah, erkannte sie, dass er viel von ihrem Aussehen geerbt hatte. Alleine die markanten Gesichtszüge hatte sein Vater ihm und seiner Schwester vererbt.
Und genauso wie sich Nysrael und seine Schwester ähnelten, so ähnelte der Graf seinem Bruder, Fürst Edomar der zu Teeses rechter Hand saß und mit überraschender Leichtigkeit mit Teese zu Plaudern verstand.

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