Die Zukunft Argentaniens (1/18)

Posted on März 15, 2013

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Es war noch ein junges Seelentier und das würde die Angelegenheit einfacher machen. Das wurde Dekan Ezzo klar, als der erste magische Angriffsschlag die kleine Schildkröte traf und gleich der Länge nach aufriss. Seelentiere verspürten keinen Schmerz. Die Schildkröte, oder der halbe Panzer, welcher von ihr übrig geblieben war, verharrte ruhig an Ort und Stelle.
Ein weiterer Schlag traf die tierförmige Magiemasse und riss die Beine ab, die sich sofort in davonstiebende Energie verwandelte, kaum dass sie den Kontakt zum Körper verloren hatten. Die Magie schoss eine Armlänge in die Höhe, beschrieb dann einen Boden und fuhr mit einem Zischen zurück in den verstümmelten Schildkrötenkörper, in dessen Inneren die Aura-Kugel ruhte, die Kandidat Rinnir im letzten Halbjahr mit seiner Magie gefüllt hatte.
Nur noch zwei weitere gezielte Angriffe waren nötig und von der Schildkröte war nichts mehr übrig. Alle Magie schoss zurück in die Kugel, die unruhig auf dem Schreibtisch des Dekans hin und her rollte, um dann still liegen zu bleiben. In ihrem Inneren schwappte schwarzglänzende Magie umher. Die Kugel war genau zur Hälfte gefüllt. Das wunderte Dekan Ezzo nur wenig. Der Junge musste von Anfang an genau gewusst haben, was er tun wollte. Und das beunruhigte den Dekan ein wenig.
Normaler Weise waren Kinder in diesem Alter aufgeweckt, vielleicht ein wenig neunmalklug, aber ihre Pläne und Ziele beschränkten sich im schlimmsten Fall darauf, dass sie Hausaufgaben abschrieben oder ihrem Zimmergenossen heimlich einen Riegel der Schokolade stibitzten, welche er von zu Hause geschickt bekommen hatte.
Rinnir war eine andere Art von Kind, eine Art, mit welcher Dekan Ezzo bisher noch nie zu tun gehabt hatte. Er war ein berechnendes Kind und ein misstrauisches. Dazu anscheinend auch ein recht kluges.
Er hatte die Aura-Kugel nur zur Hälfte gefüllt und nur ein halbes Seelentier geschaffen, um seinem Bruder eine Hälfte zu lassen. Vielmehr noch – er hatte bewusst ein Seelentier für sie beide geschaffen, ein Seelentier, das sein Bruder bei seiner Ankunft auf Weltenei als sein eigenes sofort angenommen hatte und das umgekehrt auch sofort auf den anderen Jungen reagiert hatte. Das war im Grunde eine große Leistung, vor allem für einen Jungen, der kein Talent besaß. Müßig nun darüber nachzudenken, welches Talent es geworden wäre.
„Der Vorgang ist abgeschlossen“, sagte Dekan Ezzo und machte eine einladende Geste zu der Aura-Kugel, die nun ruhig auf dem Tisch lag. „Es ist nun an Dir, sie bis zum Rand zu befüllen, mit Deiner eigenen Magie. Nimm Dir die Zeit, die dafür nötig ist. Magister Algea wird Dir erklären, wie es funktioniert.“
Rinnir, der auf einem der Besucherstühle saß und die Auflösung seiner Schildkröte nervös verfolgt hatte, stand eilig auf und griff sich die Aura-Kugel vom Schreibtisch des Dekans. Behutsam hielt er sie mit beiden Händen umfasst wie eine bis zum Rand gefüllte Suppenschale, die man nicht verschütten wollte.
Magister Algea, die neben ihm gesessen hatte, und die Zerstörung von Rinnirs Seelentier ebenso angespannt verfolgt hatte, erhob sich ebenfalls. Sie legte Rinnir beruhigend die Hand auf die Schulter. „Wartest Du bitte kurz draußen?“, bat sie ihren Schüler. „Ich komme sofort nach.“
Rinnir nickte, ohne seinen Blick von der magischen Kugel in seinen Händen zu lassen. Nie zuvor hatte er eine Aura-Kugel gesehen, noch dazu eine bereits mit Magie gefüllte. Als schwarz glänzende Flüssigkeit bewegte sie sich in der Kugel, eine Mischung aus schwarzem Quecksilber und einer soliden Seifenblase.
Magister Algea wartete, bis der Junge ins Atrium getreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, bevor sie es wagte, die Frage zu stellen, die sie noch immer beschäftigte.
„Und wir können absolut sicher sein, dass der andere Junge nichts davon gespürt hat?“ Sie zögerte, bevor sie hinzusetze, „keinen Schaden genommen hat?“
„Theoretisch dürfte er nichts davon gespürt haben. So wenig wie das Seelentier“, beruhigte sie der Dekan. „Aber zur Sicherheit steht Gabriel im Moment unter Beobachtung. Sollte etwas sein, wir jemand bei Swenna anrufen.“
Magister Algea nickte. Swenna, die mit ihrem Alteweltnamen Beatrice hieß, war eine der Magier, welche sich für ein Leben in der alten Welt entschieden hatte. Sie lebte auf dem Weltenei gegenüberliegenden Ufer, auf der nichtmagischen Seite. Ihr Telefon wurde öfter benutzt, wenn eilige Kommunikation in der alten Welt benötigt wurde. Bis zur ihr brauchten die Ruderer nur wenige Minuten.
„Lizenziat Rehan besucht sie zurzeit zum Kaffee“, fuhr Dekan Ezzo fort. „Sie sind ehemalige Zimmergenossen und gute Freunde. Wenn sie einen Anruf erhält, wird er mich sofort unterrichten können. Er ist nahe an der Grenze zur neuen Welt und er ist in dieser Beziehung ein ungewöhnlich starker Magier.“
Magister Algea nickte. Trotzdem wich die Besorgnis nicht aus ihrem Herzen. „Und wenn sie anrufen? Was werden wir dann tun? Das Seelentier ist zerstört.“
„Dann wird Rinnir sich sofort in die Quelle der Welten begeben und das neue Seelentier mit der Magie formen, welche sich bis dahin in der Aura-Kugel befindet“, erklärte der Dekan. „Daher würde ich vorschlagen, dass er möglichst schnell schon einmal das an Magie in seine Kugel gibt, was er bis jetzt gesammelt hat.“
Magister Algea nickte erneut, dieses Mal sichtlich unruhig. „Dann werde ich mich sofort darum kümmern.“
„Ich bitte darum.“
Dekan Ezzo sah der jungen Frau gedankenverloren nach, als sie eilig das Dekanat verließ, um ihrem Schüler zu zeigen, wie man eine Aura-Kugel befüllte. Er hoffte, dass sich die Theorie als korrekt erweisen würde und Gabriel nichts von dem ganzen Vorgang gespürt hatte. Er hoffte, dass Rinnir die Kugel vollständig füllen konnte, denn nur dann wären die beiden Teile des Seelentiers wirklich im Gleichgewicht und nur das würde garantieren, dass keiner der Jungen in dem Seelentier die Oberhand haben würde.
Das Ganze war, auch wenn er es vorsichtshalber nie als solches bezeichnet hatte, ein Experiment. Noch nie zuvor war etwas Derartiges versucht worden. Aber es würde ein sehr aufschlussreicher Versuch sein. Es würde einige Schlüsse darüber zulassen, wie ein anderes Seelentier beschaffen war, in welchem bereits wenigstens die Magie von zwei Magiern steckte. Eine unscheinbare schwarz-weiße Elster.

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