Die Fürsten von Awrosch (20/20)

Posted on März 8, 2013

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„Darf ich einmal?“ Ro streckte seine Hand aus und Fürst Edomar reichte ihm das Schwert.
Ro betrachtete es prüfend. Mit einem pfeifenden Geräusch ließ er es durch die Luft gleiten. Vorsichtig strich er die Klinge entlang und sah dann zu Teese.
„Kannst Du mir sagen, ob diese Waffe Magie enthält, Magierin Teese?“
Teese wusste, dass Ro das natürlich selbst feststellen konnte. Aber er war vor den Nichtmagiern kein Magier und von Timar abgesehen war sie der einzige Magier im Raum.
Teese berührte mit den Fingern ihrer rechten Hand die Klinge des Schwerts. Das Kribbeln war nur noch ganz leicht zu spüren, aber es war da. Eine Art Echo, das immer leiser wurde.
„Da ist keine Magie in der Waffe“, sagte sie. „Aber es war Magie in der Waffe.“
„Vermutlich irgendein Zauber, welcher das Aussehen des Schwertes beeinflusst hat“, sagte Ro zu Fürst Edomar gewandt. „Deshalb hat niemand den wahren Charakter der Waffe bemerkt.“
„Kann man herausfinden, wer für diesen Zauber verantwortlich ist?“, wollte Edomar von Ro wissen.
Der schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Dann werde ich die Waffe konfiszieren“, erklärte der Fürst, „und davon ausgehen, dass es sich um einen Unfall gehandelt hat. Niemand würde schließlich den Bruder des Magiers Timar beschuldigen wollen, den Tod meines Neffen oder der ehrenwerten Dekananwärterin geplant zu haben.“
„Nein, eine solchen Verdacht würde sicherlich niemand hegen“, sagte Ro trocken.
Teese war ein wenig irritiert. Das war alles? So einfach ließen die beiden die Sache auf sich beruhen? Natürlich ging auch Teese nicht davon aus, dass Timars Bruder ihr oder Nysrael etwas Böses gewollt hatte. Schirniel war ein kleiner Junge. Bestimmt hatte er überhaupt nicht gewusst, was für eine gefährliche Waffe er seinem Bruder da geschenkt hatte.
‚Glaubst Du denn, dass Timar mit seinem Bruder Schirniel gemeint hat?‘, mischte sich Fleck zum ersten Mal seit einer ganzen Weile wieder in Teeses Gedanken.
Das Kaninchen hockte unauffällig in seiner Transporttasche, die Teese an dem Regal für persönliche Habseligkeiten der Trainierenden abgestellt hatte.
‚Welchen Bruder soll er denn sonst gemeint haben?‘, wollte sie irritiert wissen.
‚Efraim‘, erwiderte das Kaninchen sofort.
Teese musste schlucken. An den Schärgen des Grafen von Argentanien, den Mann der sie und Ro auf der Brücke vor Schastel Awrosch gestellt hatte, hatte sie keinen Augenblick gedacht. Er war aber natürlich ebenso wie Timar ein Sohn von Dekan Ezzo.
‚Aber er ist nur sein Halbbruder‘, wandte sie ein.
‚Ja, aber das ist genauso ein feiner Unterschied wie die Aussage, dass Du nicht Ros Tochter bist, aber sein Fleisch und Blut‘, konterte Fleck mit dem, was Teese problemlos auf der Brücke hatte schwören können.
‚Du meinst, Efraim wollte dass Timar Nysrael mit diesem Schwert tötet?‘, hakte Teese nach.
‚Das wäre doch nicht so abwegig, oder?‘, wollte Fleck rhetorisch wissen. ‚Er ist ein Schärge des Grafen von Argentanien. Sicher kommt es ihm gelegen, wenn die Grafschaft Awrosch verwaist.‘
Teese schauderte. Solche Dinge erschienen ihr so irreal und fremd. Mord gehörte in Krimis. Ermordete Thronfolger gehörten in die Geschichte der Menschheit. So etwas passierte nicht in ihrem Umfeld.
‚In Deinem Umfeld in der alten Welt nicht, nein‘, stimmte Fleck zu.
‚Das ist es, was ich an der neuen Welt nicht mag‘, erwiderte Teese.
‚Das liegt aber nicht an der neuen Welt‘, hielt Fleck dagegen. ‚In der alten Welt gibt es auch Mord und Totschlag. Aber dort bist Du nur ein normales Mädchen. Hier bist Du ein zukünftiges politisches Schwergewicht. Eine angehende Dekanin. In Deinem Umfeld werden in der neuen Welt immer andere Dinge normal sein als in der alten Welt.‘
Teese schüttelte den Kopf als könne sie diese Feststellung damit abschütteln.
„Dann ist die Angelegenheit damit erledigt“, riss Fürst Edomar Teese aus der Zwiesprache mit ihrem Seelentier. „Nysrael, Du kannst für heute Schluss machen. Die übrigen Schüler beginnen ansonsten jetzt mit dem Ausdauertraining.“
Teese fragte sich einen Moment, ob das auch für sie gelten würde. Sie sah fragend zu Ro, doch der schüttelte den Kopf. „Pack Deine Sachen. Ich werde Dich zu Magister Rana bringen, damit sie die Wunde heilen kann.“
Teese hatte dagegen nichts einzuwänden. Ihr Arm schmerzte zwar nicht allzu sehr, aber sie war froh, die Trainingshalle verlassen zu können. Sie legte ihre beiden Schwerter auf der Bank ab und schlüpfte vorsichtig in ihren Umhang ohne den verletzten Arm in den Ärmel zu stecken. Die Seelentiertasche umgehängt folgte sie Ro aus der Trainingshalle ins Freie.
Ein wenig erstaunte sie trotz allem, wie leichthin Ro und Fürst Edomar die Sache mit dem scharfen Schwert auf sich beruhen ließen.
‚Ich glaube‘, sagte Fleck aus seiner Tasche, ‚keiner von beiden lässt das auf sich beruhen. Und wir sollten das auch nicht.‘
‚Aber was können wir schon tun?‘, wollte Teese wissen.
‚Ich würde vorschlagen, dass wir Timar im Blick behalten‘, sagte Fleck. ‚Wenn er nicht wusste, dass dieses Schwert eine scharfe Waffe war, dann dürfte er auf seinen Bruder ziemlich wütend sein. Immerhin hat er ihm dieses Schwert gegeben und Timar damit um ein Haar in einen Mord verwickelt. Und wenn er es gewusst hat, sollten wir ihn erst Recht im Blick behalten, denn dann hat er das Schwert Nysrael gegeben, weil Du gegen ihn antreten solltest.‘
Der Gedanke ließ Teese innerlich erstarren. Dann hätte Timar versucht, sie umzubringen. Nein, umbringen zu lassen.
‚Und wie sollen wir Timar im Blick behalten?‘, wollte sie von ihrem Seelentier wissen.
Fleck zögerte keinen Moment mit seiner Antwort. ‚Hast Du gewusst, dass Nanu absolut lautlos fliegen kann, wenn sie will?‘

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