Die Fürsten von Awrosch (19/20)

Posted on März 4, 2013

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Ro wandte sich Teese zu und ergriff sie am Oberarm. Dann schob er mit der rechten Hand vorsichtig ihren Ärmel nach oben. Zum ersten Mal sah nun auch Teese den Schnitt, welchen sie gespürt hatte, als Nysraels Schwert sie gestreift hatte. Der Schnitt zog sich über den gesamten Unterarm. Er war nicht sehr tief, aber trotzdem klaffte die Haut zu beiden Seiten leicht gewölbt nach außen. Der dunkle Ärmel war blutdurchtränkt. Nass und warm. Teese spürte es erst jetzt, als der Stoff ihren unverletzten Oberarm berührte.
„Und es ist auch kein Übungsschwert“, fügte Ro trocken hinzu.
Stille senkte sich über die Trainingshalle. Fürst Edomar ging hinüber zur Kampfmatte, auf welcher Nysrael immer noch Teese gegenüber stand. Er war bewegungslos dort verharrt, wo er das Schwert aus der Hand geschlagen bekommen hatte.
„Du hast mit einer scharfen Waffe gegen Dekananwärterin Teese gekämpft?“
Fürst Edomars Stimme war schärfer als es das Schwert in seiner Hand sein konnte.
„Das habe ich nicht gewusst.“ Nysrael war sichtlich verwirrt.
„Du hast nicht bemerkt, dass Du eine scharfe Waffe in der Hand hattest?“ Unglauben sprach aus Fürst Edomars Stimme.
„Ich – habe nicht darauf geachtet“, versuchte sich Nysrael zu rechtfertigen. „Ich habe mich nur auf den Kampf konzentriert und war abgelenkt, weil…“
Er beendete den Satz nicht, sondern sah zu Teese, die verstand, was er sagen wollte. Er war wütend gewesen. Er hatte dem Schwert keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Teese konnte sich jedenfalls keinen Augenblick das denken, was die Männer in diesem Moment vermuten mussten: Dass Fürst Nysrael, Sohn des Grafen von Awrosch, die angehende Dekanin von Weltenei mit einer scharfen Waffe in einem Übungskampf hatte töten oder zumindest verletzen wollen.
„Woher hast Du dieses Schwert überhaupt? Wo ist Deine eigene Waffe?“
Auch Fürst Edomar tat sich vermutlich damit schwer, seinem eigenen Neffen solche finsteren Absichten zu unterstellen.
„Ich habe mein Schwert nach dem Kampf auf die Bank gelegt“, sagte Nysrael, „aber als ich es nach der Pause wieder holen wollte, war es nicht mehr da. Sicher hat es einer der anderen fälschlicher Weise genommen.“ Er zögerte nun sichtlich. „Timar hat mir sein Schwert für den Kampf geliehen.“
Ein Raunen ging durch die Gruppe der Jungen. Teese sah sich nach Timar um. Der stand noch immer an der Bank, inmitten einiger älteren Jungen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt.
„Ist das wahr?“, wollte Fürst Edomar von ihm wissen. „Ist dies Dein Schwert, Magier Timar?“
Timar nickte. „Ja, das ist mein Schwert. Mein Bruder hat es mir geschenkt.“
„Dein Bruder…“ Fürst Edomar hob die Waffe leicht an. Die Klinge blitzte leicht auf. Es war eigentlich ein sehr schönes Schwert, jetzt da es nicht mehr auf Teese gerichtet war. Elegant, anscheinend nicht sehr schwer und glänzend poliert.
„Hast Du mit dieser Waffe eben gegen Fürst Nysrael gekämpft?“, mischte sich Ro ein.
„Ja“, gab Timar ganz unumwunden zu.
Vor Teeses innerem Auge erschien das Bild wieder, wie die glänzende Schwertklinge eine Handbreit vor Nysraels Hals verharrt war, als Timar mitten im Schlag gestoppt hatte.
Und sie war anscheinend nicht die einzige, die sich gerade vor Augen hielt, dass Nysrael mit diesem Schwert nicht nur Teese verletzt hatte und hätte töten können, sondern dass Timar wenige Minuten zuvor mit demselben Schwert Nysrael hätte umbringen können.
„Aber ich hatte nicht vor, Nysrael zu verletzen“, fügte Timar eilig hinzu.
„Wieso kämpfst Du dann mit einer scharfen Waffe?“, wollte Fürst Edomar wissen.
Teese konnte es nicht greifen, aber alles wirkte gefährlich ruhig. Keiner der Jungen sagte etwas. Aber es ging hier um Mordabsichten, das war allen klar.
„Ich wusste nicht, dass es eine scharfe Waffe ist“, sagte Timar.
Ro schnaubte verächtlich.
„Ihr wollt mir doch nicht beide erzählen, dass Ihr den Unterschied zwischen einer echten und einer Trainingswaffe nicht erkennen könnt.“ Fürst Edomar wurde langsam ungehalten.
„Es war ein ganz normales Schwert“, verteidigte sich Timar. Er stieß sich von der Wand ab und machte eine weit ausholende Armbewegung. „Ich habe es von meinem Bruder. Es war ein ganz normales Schwert als ich es mit hierher gebracht habe. Niemand hat etwas bemerkt. Ihr eingeschlossen, Fürst Edomar.“
Rote Flecken zeichneten sich auf die Wangen des Fürsten. Teese überlegte, dass sie selbst das Schwert nicht als gefährlich erkannt hatte. Es war für sie äußerlich ein normales Schwert gewesen. Sie sah die Waffe, welche Nysraels Onkel in der Hand hielt.
Ihr dämmerte, dass es nun ganz anders aussah als vorhin. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es war mit absoluter Sicherheit die Waffe, welche an ihrem Magieschild abgeprallt und gegen die Wand geschleudert worden war. Niemand hätte es austauschen können, oder?

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