Die Fürsten von Awrosch (18/20)

Posted on Februar 25, 2013

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Das hieß, ihre beiden Schwerter waren ebenfalls keine harmlosen Übungswaffen. So wie Nysrael sie eben verletzt hatte, könnte sie im Gegenzug ihn verletzen. Sie führte zwei tödliche Waffen und das ließ Teese mehr erschrecken als die Tatsache, dass sie sich soeben verletzt hatte. Was für eine Art von Training war das hier?
Die Jungen, die ihnen zusahen, feuerten Nysrael nach seinem erfolgreichen Angriff lautstark an. Teese hörte, wie einige lachten. Vermutlich amüsierten sie sich darüber, dass sie aufgeschrien hatte wie… nun, wie ein Mädchen. Wie konnten sie das hier nur als Spiel betrachten? Als Spaß?
Teese hob beide Schwerter, als Nysrael nachsetzte. Sie musste seine Angriffe abwehren um alles in der Welt. Hier ging es um ihr Leben. Ohne lange darüber nachzudenken verschränkte Teese ihre beiden Schwertklingen schützend vor sich. Das war keine Standardposition für die beiden Waffen. Nie setzte man beide zur Abwehr ein. Denn so konnte man selbst nicht angreifen.
Doch Teese wollte überhaupt nicht angreifen. Sie wollte Nysrael doch nicht verletzen. Aber sie wollte auch nicht verletzt werden. Am liebsten hätte sie kehrt gemacht und wäre einfach davon gelaufen. Aber das konnte sie nicht, solange Nysrael sie mit solcher Vehemenz angriff.
Nysrael schien Teeses Taktik zu irritieren, aber er setzte nun mit umso mehr Nachdruck nach. So wie Timar eben noch Nysrael auf der Bahn vor sich her getrieben hatte, tat es Nysrael nun mit Teese. Sie wusste, dass das Ende der Bahn kommen würde. Danach würde ihr nur die Wand bleiben, wie zuvor Nysrael. Und wenn bei ihr niemand Halt rufen würde, würde er ihr… Sie dachte kurz an Timars Schwert, das ein Stück vor Nysraels Hals in der Bewegung verharrt hatte.
Sie durfte das Ende der Bahn nicht erreichen. Teese atmete tief durch. Ihr rechter Fuß blieb nach einem weiteren Schritt zurück stehen. Mit ihrem ganzen Gewicht lehnte sie sich nach vorne, Nysraels Schlag entgegen.
Im ersten Moment dachte sie, sie hätte ihre Schwerter so fest gepackt, dass ihre Hände kribbeln würden. Doch als Nysraels Schwert auf ihre gekreuzten Klingen traf, leuchtete eine flackernd orange Barriere auf, welche den Schlag komplett abfing.
Um ein Haar wäre Teese nach vorne gestürzt, denn anstatt den Aufprall der Waffen zu spüren, kam bei ihr überhaupt nichts an. Sie hatte Magie in ihre Schwerter gegeben und einen Schild geschaffen, der keinerlei physischen Angriffe durchließ.
Jetzt war es an Nysrael aufzuschreien. Die orange Barriere erlosch, als ihm sein Schwert aus der Hand fiel. Jetzt hätte Teese natürlich nachsetzen können. Doch das wollte sie überhaupt nicht. Jetzt hätte sie von der Matte treten und den Kampf beenden können, doch sie war selbst zu überrascht über ihren soliden magischen Schild.
Nysrael klaubte eilig sein Schwert vom Boden auf und setzte nach. Der viel zu schnell ausgeführte Angriff zielte tief und hätte Teese an den Knien getroffen. Sie brachte ihre Schwerter in einer Halbkreisbewegung nach unten, so dass sie sich vor dem Unterkörper kreuzten. Dieses Mal gab Teese bewusst die Magie in ihren Schild, der sogleich in einem strahlenden Orange aufleuchtete und Nysraels Waffe seitlich ablenkte. Sie schlitterte über den Boden und klirrte gegen die Wand hinter Teese.
„Stopp“, unterbrach dieses Mal Ros Stimme den Kampf.
Endlich. Teese ließ ihre beiden Schwerter zu Boden fallen, als wären sie Schmutz, den sie ausversehen aufgehoben hätte.
Ro stürmte zu ihr herüber, ungehalten. Grob fasste er Teese an ihrem verletzten Arm, so dass sie unterdrückt aufschrie.
„Was soll das geben?“, wollte Ro zornig wissen. „Hast Du überhaupt irgendetwas bei mir gelernt?“
Teese widerstand der Versuchung, sich aus seinem Griff zu winden. Es hätte ihr einfach zu sehr weh getan.
„Ich… wollte Nysrael nicht verletzen“, rechtfertigte sich Teese.
Ro ließ sie los und schnaubte wütend. „Verletzen… Das ist ein Übungskampf, Mädchen.“
Auch Fürst Edomar war inzwischen herüber gekommen. Er passierte Teese, stützte sich an der Wand ab und bückte sich nach Nysraels Waffe. Einen Moment studierte er die Klinge aufmerksam.
„Das ist nicht Dein Schwert, Nysrael“, sagte er, bevor Teese etwas hatte erwidern können.
Ro rieb seine Hände ineinander und hielt dann inne. Er drehte die Handflächen nach außen und betrachtete sie eine Weile als habe er sich noch nie seine eigenen Hände angesehen. Es klebte Blut an ihnen. Teeses Blut. Ro und Fürst Edomar wechselten einen stummen Blick.

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