Die Fürsten von Awrosch (17/20)

Posted on Februar 19, 2013

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Nach diesem Gespräch hatte Teese noch weniger Lust auf dieses Kräftemessen. Aber vielleicht würde Nysrael es ihr nicht mehr nachtragen, wenn er erst einmal gegen sie gewonnen hatte.
Mit diesem kleinen Hoffnungsschimmer folgte sie dem Jungen zu einer freien Kampfbahn. Dass sie den Kampf gewinnen könnte, da machte sich Teese keinerlei Hoffnungen. Nysrael war zum einen älter als sie und übte bestimmt schon wesentlich länger den Umgang mit den Waffen. Zum anderen war sie die schlechteste Kämpferin ihres Jahrgangs. Sie würde sich vor all den Jungen blamieren. Warum hatte Ro ausgerechnet Nysrael als Kampfpartner für sie ausgesucht? Er wusste doch, dass sie hoffnungslos war.
Teese trat auf die Kampfbahn und verbeugte sich zu Nysrael, wie sie es die anderen Jungen hatte machen sehen. Dann ging sie in die Mitte der Kampfbahn, wo sie sich wieder gegenüber standen. Fürst Edomar war zu ihnen herüber gekommen, während Ro an der Rückwand der Trainingshalle gelehnt stand und anscheinend nicht einmal zu ihnen herüber sah. Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen im Raum. Viele der Jungen hatten ihr Training abgebrochen und sahen zu, wie Teese und Nysrael sich die Hände reichten.
Auf der Bank neben dem Regal für die privaten Habseligkeiten der Trainierenden saßen drei ältere Jungen und diskutierten offenkundig den Ausgang der Partie. Neben ihnen stand Timar, die Arme vor der Brust verschränkt und sah zu Teese herüber ohne sie anzusehen.
„Möge der bessere Kämpfer den Sieg davontragen“, sagte Fürst Edomar. „Es gilt, einen kritischen Treffer zu landen. Auf die Position.“
Teese beeilte sich, ihre Schwerter in die Ausgangsposition zu bringen. Der Kampf mit den beiden Schwertern war für sie immer noch ungewohnt. Sie stellte sich dabei so geschickt an wie ein Rechtshänder, der mit Links zu schreiben versuchte. Ihre Bewegungen waren einfach nicht koordiniert genug und alles andere als geschmeidig.
Das Problem war, dass man einfach so viel nachdenken musste. Ein Schwert nutzte sie zur Abwehr – das war das in der linken Hand. Das andere Schwert diente alleine dem Angriff – das war bei ihr das in der rechten Hand. Beide Schwerter mussten perfekt koordiniert werden. Und das war schwer. Man musste sich unglaublich konzentrieren und darin war Teese noch nie sehr geschickt gewesen.
Irgendwie hatte sie sich das alles anders vorgestellt als sie die Schwerter ausgesucht hatte. Sie hatte gedacht, sie könne mit beiden angreifen oder mit beiden abwehren. Gleichzeitig. Sie hatte überhaupt keine Ahnung von den Waffen gehabt. Dabei hatte Magister Pim sie in der ersten Stunde ausführlich vorgestellt. Vermutlich hätte sie besser zuhören und dann den Bogen wählen sollen. Dann hätte sie jetzt auch keinen Trainingskampf absolvieren müssen, sondern hätte einfach in Ruhe draußen das Schießen auf eine der Zielscheiben üben können.
„Und los!“
Kaum dass Fürst Edomar das Kommando gegeben hatte, griff Nysrael auch bereits an. Teese wehrte den Angriff nur aus reinem Reflex ab. Sie hatte inzwischen so viele Trainingsstunden absolviert, dass sie natürlich wusste, wie sie sich zu verteidigen hatte und wie anzugreifen. Nur wollte ihr das einfach nicht so leicht von der Hand gehen.
Teese versuchte nur halbherzig einen Gegenangriff, den Nysrael aber spielend blocken konnte. Ein paar weiteren Angriffen von Nysrael waren genauso ungefährlich und dienten wohl nur dazu Teeses Schwachstelle auszumachen. Sie parierte jeden Angriff wie sie es geübt hatte. Mit einer der Standard-Paraden, die Nysrael vermutlich alle bereits zu Genüge bekannt waren.
Unvermittelt konnte sie ein Lächeln über seine Lippen gleiten sehen. Dann machte er einen schwungvollen Ausfallschritt nach vorne, so schnell, dass Teese ihre linke Klinge nicht rechtzeitig in die passende Paradeposition bringen konnte. Es blieb ihr nur, eilig nach hinten zu weichen. Dennoch konnte sie nicht verhindern, dass Nysraels Schwertklinge ihren Arm entlang schrammte.
Teese schrie auf, als sie den stechenden Schmerz spürte. So als hätte sie in ein Messer gegriffen. Nysraels Klinge hatte den Stoff ihres Ärmels durchtrennt und sie an ihrem Arm der Länge nach geschnitten. Es war keine tiefe Wunde, eher so als wäre sie von einer Katze gekratzt worden. Aber es tat dennoch weh und ließ Teeses Herz wild schlagen.
Nysrael kämpfte nicht mit einer stumpfen Trainingswaffe. Er führte ein richtiges Schwert. Und wäre Teese nicht zurückgewichen, dann hätte Nysrael ihr eine tiefe Schnittwunde zugefügt.
‚Er hätte Deinen Arm durchtrennen können‘, meldete sich Fleck alarmiert zu Wort.
‚Sie kämpfen hier mit echten Waffen‘, fand Teese erschrockene Worte.

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