Die Fürsten von Awrosch (16/20)

Posted on Februar 15, 2013

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Wie auf ein geheimes Kommando blickten alle Jungen zur Tür und sahen Teese mit mehr oder weniger verhohlenem Interesse an.
Teeses Herz setzte kurz vor Schreck aus. Würden sie alle bei diesem Kampf zusehen? Sie war sich sicher, dass sie Nysrael genauso wenig entgegen zu setzen hatte, wie dieser eben noch Timar.
‚Sei froh, dass Du nicht gegen Timar kämpfen sollst‘, versuchte Fleck sie aufzumuntern.
‚Das Ergebnis wäre dasselbe‘, wandte Teese ein, während sie sich einen freien Platz in einem der Holzfächer suchte, in welchen die anderen Jungen ihre Habseligkeiten verstaut hatten. Neben einem ganz unten stellte Teese Fleck mitsamt seiner Tasche ab und löste das obere Band ihres Umhangs.
„Wo hast Du Deine Trainingswaffen?“
Von Teese unbemerkt war Ro zu ihr gekommen und hatte sie von hinten angesprochen.
„In meinem Tuch“, sagte Teese. „In meiner Umhangtasche.“
„Dann lass sie dort“, befahl Ro ihr. „Ich werde Fürst Edomar bitten, Dir zwei seiner Übungsschwerter zu leihen.“
Er ließ Teese stehen und ging zurück zu Nysraels Onkel, welcher bei einem Jungen die Armhaltung korrigierte. Er war anscheinend der Waffenmeister von Schastel Awrosch, auch wenn Teese sich nicht vorstellen konnte, ihn kämpfen zu sehen. Magister Pim war gedrungen und athletisch, Dekan Ezzo war muskulös und drahtig und selbst Ro war wenn auch klein und schlank dennoch durchtrainiert. Fürst Edomar allerdings war nichts davon. Er wirkte auf Teese unglaublich unsportlich.
Andererseits unterschätzte sie ihn da vielleicht. Gut möglich, dass er eher so etwas war wie ein Sumo-Kämpfer. Ob man Körpermasse im Schwertkampf irgendwie zu seinem Vorteil nutzen konnte?
Teese ging an den Reihen der kämpfenden Jungen vorbei und begann sich am hinteren Ende der Halle aufzuwärmen. Während sie sich dehnte, sah sie zu, wie die Jungen trainierten.
Anscheinend liefen die Kämpfe nach einem festen Ablauf ab. Kämpfer, die neu auf die Kampfbahn kamen, verbeugten sich am Rand der Matte voreinander. Dann gingen sie zur Mitte und reichten sich die Hand. Erst dann gingen sie in die Ausgangsstellung und begannen zu kämpfen.
Die Jüngeren trainierten unter der Anleitung eines älteren Jungen Angriffspositionen, ohne frei zu kämpfen. Ein paar Jungen in Teeses Alter machten am anderen Ende der Halle Übungen mit Holzkeulen. Soweit Teese das ausmachen konnten, übten sie ihre Reaktionsgeschwindigkeit.
Anscheinend waren die Jungen hier alle schon ziemlich gut. Ehrlich gesagt hätte sich Teese gegen keinen von ihnen wirkliche Chancen ausgerechnet. Das war sie allerdings von ihren Trainingseinheiten auf Weltenei bereits gewohnt. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, war müßig.
Teese hielt in der Bewegung, einer Rumpfbeuge, inne, als sie Nysrael auf sie zukommen kam. Er hatte ein paar schmale Schwerter in Lederscheiden unter den Arm geklemmt.
„Hier sind Deine Schwerter, Teesemi“, sagte er anstatt einer Begrüßung.
„Danke.“ Teese nahm die Waffen.
Etwas verlegen stand sie ihm gegenüber. Dass er ihren Nichtmagier-Namen benutzt hatte, war vermutlich ein versteckter Vorwurf. Immerhin wusste er bestimmt inzwischen, dass sie Magierin war, angehende Dekanin sogar. Schließlich war sie heute Abend bei seinem Vater zum Bankett geladen. Und so war es auch.
„Du bist also die Dekananwärterin“, sagte Nysrael nachdem sie sich eine Weile angeschwiegen hatten.
„Ja“, gab Teese zu.
„Marisan hat bis zuletzt nichts darüber geschrieben.“ Er klang ein wenig gekränkt.
„Das ist nicht ihre Schuld“, beeilte sich Teese zu sagen. „Sie dachte, ihrem Vater wäre es nicht Recht, wenn sie es sagen würde.“
„Pah. Ihrem Vater ist es auch nicht Recht, dass wir uns schreiben“, konterte Nysrael.
„Bist Du ihr deswegen böse?“, wollte Teese vorsichtig wissen.
„Ja. Und Dir ebenso.“
Teese wusste nichts darauf zu erwidern. Irgendwie kam es ihr lächerlich vor. Sie hatten Nysrael ja nicht absichtlich beschwindelt. Sie waren inkognito in Thorhafen gewesen. Hätte er ihr denn auf die Nase gebunden, dass er ein Fürst war, wenn einer der Wachen nicht seinen Namen quer über den Platz gerufen hätte? Immerhin hatte er sich auch unerkannt einen schönen Nachmittag machen wollen.
„Wenn Du fertig bist, können wir mit unserem Zweikampf beginnen“, sagte Nysrael und wandte sich zum Gehen.

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