Die Fürsten von Awrosch (15/20)

Posted on Februar 11, 2013

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‚Hier drüben geht es noch einmal weiter‘, riss Fleck Teese aus ihren Gedanken. ‚Versuchen wir es dort.‘
Teese nickte gedankenverloren und überquerte den Palasthof nach rechts, wo es einen weiteren Durchgang gab, der dieses Mal überdacht war und auf einen sandigen Platz führte.
‚Das sieht schon viel besser aus‘, entschied Fleck.
Eine Reihe von Zielscheiben für Bogenschützen, die am anderen Ende des Hofes an einer hohen Mauer lehnten, waren ein deutliches Anzeichen, dass hier die Kriegskünste geübt wurden und das hieß, dass eines der Gebäude vor ihnen die Trainingshalle sein musste.
Vier Jungen, wohl etwas älter als Teese, kamen aus einem der seitlichen Gebäude und schlenderten an Teese vorbei, ohne sie weiter zu beachten.
„…kämpft aber ziemlich gut für jemanden, der nicht von Adel ist“, konnte Teese aufschnappen.
„Ja, aber gegen Fürst Edomar hat so eine halbe Portion keine Chance“, erwiderte einer der Jungen. „Da müsste schon ein Magier kommen und selbst dann…“
Die Jungen verschwanden zwischen dem Turm und dem Seitengebäude in den zweiten Innenhof.
‚Anscheinend kommen sie vom Training‘, stellte Fleck fest. ‚Versuchen wir unser Glück dort.‘
Teese nickte und betrat das Gebäude, aus welchem die Jungen gekommen waren. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, wusste sie, dass sie hier richtig war und gleichzeitig hätte sie am liebsten sofort wieder umgedreht.
Die vier Jungen, welche ihr entgegen gekommen waren, waren vermutlich die ersten gewesen, die ihr vormittägliches Training beendet hatten, denn auf den Bahnen der Trainingshalle kämpften noch mehrere Trainingspartner gegeneinander. Alles waren Jungen von Fünfjährigen aufwärts zu Älteren, die vermutlich bald mit den Erwachsenen trainieren würden.
Unter ihnen tat sich einer durch besonders schnelle und wendige Angriffe hervor, so dass er Teese ihn ins Auge stach, auch wenn sich Timar seit ihrer letzten Begegnung bei der Ratsversammlung auf Weltenei, in welcher er ins Exil nach Schastel Awrosch geschickt worden war, verändert hatte.
Er war noch immer schlank und nur wenig größer als Teese. Seine blonden Haare waren nun allerdings dunkelbraun und kurz geschnitten. Teese musste überrascht feststellen, dass Timar seinem Vater überhaupt nicht so ähnlich sah, wie sie immer gedacht hatte. Vermutlich hatten die langen blonden Haare einen Großteil dieser Ähnlichkeit ausgemacht. Timars Gesichtszüge ähnelten deutlich mehr jenen seiner Mutter.
Der Sohn des Dekans trug auch nicht die schwarze Magierrobe, in welcher Teese ihn bisher immer gesehen hatte, sondern rote Kleidung, die Ähnlichkeiten mit einem Judo-Anzug hatte. Die Farbe schien in Schastel Awrosch die Farbe der Krieger zu sein. Die Wachen am Tor hatten diese Farbe getragen, ebenso wie jene, die Nysrael in Thorhafen gesucht hatten.
Der Sohn des Grafen von Awrosch war Timars Übungspartner und ihm genauso hoffnungslos unterlegen wie Teese im Training Sum unterlegen war. Nysrael, der eine hellbraune leichte Lederweste trug unter welcher blaue Kleidung zu sehen war, war weitgehend damit beschäftigt, sich gegen die eleganten und doch kraftvollen Angriffe seines Gegners zu verteidigen.
Teese konnte ein paar Versuche ausmachen, aus der Verteidigung in den Angriff überzugehen, aber keiner davon kam über eben einen solchen Versuch hinaus. Teese wurde klar, dass sie selbst gegen Timar keine fünf Minuten bestehen könnte. Da hätte sie genauso gut gegen Magister Pim höchst persönlich kämpfen können. Selbst Sum wäre gegen Timar in Schwierigkeiten geraten.
Timar beherrschte das Geschehen mit solcher Leichtigkeit, dass er es sich sogar leisten konnte, zu einem weiten Schlag auszuholen, der dem Gegner in der Regel viel zu viel Zeit gab, ihn abzufangen. Nysrael konnte vor diesem Angriff aber nur zurückweichen, musste nach hinten die Trainigsmatte verlassen und knallte mit dem Rücken unsanft gegen die Wand der Trainingshalle.
„Stop“, ertönte eine laute Stimme im Befehlston und ließ Timar sofort seinen nachsetzenden Angriff abbrechen.
Sein Schwert verharrte quer in der Luft gehalten eine Armlänge vor Nysraels Hals. Timar senkte das Schwert langsam und wandte sich dann um. Er lief die Kampfbahn ohne viel Eile zurück und ohne Nysrael eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Danke, Timar, das genügt.“
Erst jetzt konnte Teese ausmachen, wer da gesprochen hatte. Es war Fürst Edomar, der Bruder des Grafen und Nysraels Onkel. Erstaunlich, dass sie ihn bis eben überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hatte, denn er war eine gewaltige Erscheinung. Sein dicker Bauch wurde durch die rote Trainingskleidung, die einer zeltartig vergrößerten Version von Timars eng zugeschnittenem roten Übungsanzug entsprach, noch einmal hervorgehoben. Und er stand Teese und der Tür direkt gegenüber.
Jetzt ging er zielstrebig zu seinem Neffen hinüber. „Ich denke, dass Du jetzt verstanden hast, was ich meine, Nysrael“, sagte er ihm gehen. „Solange Du von einem anderen Jungen in Deinem Alter derartig vorgeführt wirst, wirst Du mit den Kriegerweihen noch ein wenig warten müssen.“
„Aber“, wandte Nysrael ein, „er ist ein Magier.“
„Nun, ich habe ihn keine Magie anwenden sehen“, erwiderte Fürst Edomar und maß seinen Neffen von oben herab über sein Doppelkinn hinweg.
Nysrael schien mit einer Erwiderung zu ringen, ließ dann aber nur stumm die Schultern hängen.
„Fünf Minuten Pause“, rief Fürst Edomar laut durch die Halle. „Die untersten drei Jahrgänge dürfen für heute gehen. Um vier Uhr erwarte ich alle zur Theoriestunde.“
Er wandte sich ab und ging zurück zu seinem Platz an der gegenüberliegenden Wand. Dort konnte Teese nun auch Ro stehen sehen. Neben dem dicken Fürsten war er klein und schmal wie ein Fuchs neben einem Hängebauchschwein.
„Teese“, rief Ro zu ihr herüber. „Fang an Dich aufzuwärmen. In fünf Minuten kämpfst Du gegen Fürst Nysrael.“

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