Die Fürsten von Awrosch (14/20)

Posted on Februar 4, 2013

0


Im strahlenden Sonnenschein lief Teese durch die breiten Straßen, entlang an Häusern, eines schöner als das nächste. Auf einem Grünstreifen in der Mitte der Straße blühten rund geschnittene Büsche mit kleinen rosa-violetten Blüten. Magier in ihren schwarzen Roben spazierten mit ihren Seelentieren umher. Ein paar Kinder in weißen Roben spielten mit einer Art Hula-Hoop-Reifen so fröhlich im Sonnenschein, dass Teese Lust bekam mitzuspielen.
Doch stattdessen verließ sie das Colligat durch den schmalen Parkstreifen, den sie gestern Abend bereits durchquert hatte und welcher anscheinend die Grenze des Colligats markierte. Hier standen hohe Bäume, alle davon trugen Früchte, wie Teese nun bei Tageslicht sehen konnte. Es gab Kirschen und Äpfel, Mirabellen und Birnen, Pfirsiche und Quitten. Und all dies gleichzeitig und in einer Jahreszeit, in welcher es eigentlich noch gar kein Obst an den Bäumen geben dürfte. Natürlich war hier Magie im Spiel.
Ganz anders sah es im Rest von Schastel Awrosch aus. Kaum hatte Teese die magische Grenze passiert, fand sie sich in einer regnerischen grauen Stadt wieder. Die Straßen bestanden hier aus kleinen Pflastersteinen, die einen eher holprigen Bodenbelag bildeten. Die ersten Häuser am Colligat waren zweistöckig und sahen für Teese gut gepflegt aber trist aus. Es folgte eine Reihe kleinerer Häuser aus Holz, mit Schindeln an den Wänden. Auch sie wurden anscheinend gepflegt und wirkten nicht so heruntergekommen wie das, was Teese durch Dekan Roaths Augen gesehen hatte.
Als Teese sich der Burg von Schastel Awrosch näherte wurden die Häuser höher und schmäler. Solche Häuser hatte Teese in Rennes gesehen, wo sie vom Zug in den Bus nach Weltenei umgestiegen war. Diese Häuser bestanden aus Fachwerk und waren in bestem Zustand. Alleine die Tatsache, dass sie sich mit grauem Regenwetter abfinden mussten, minderte den Eindruck, welchen sie auf Teese machten.
Eigentlich aber hätten solche Häuser auch in der alten Welt stehen können als historische Fachwerkhäuser, welche von Touristen fotografiert wurden. Und auch das Portal der Burg zu welcher Teese nun hinauf lief, hätte zu einer Burg in der alten Welt gehören können. Alles war sauber und ordentlich und in keiner Weise verfallen. Fast war Teese ein wenig enttäuscht. Vielleicht war der Unterschied zwischen Magiern und Nichtmagiern doch nicht so groß wie sie gedacht hatte und das Unrecht, das sie gestern noch empfunden hatte ein eher kleines. Die Leute wirkten auf Teese auch nicht im geringsten unzufrieden.
Je näher Teese der Burg kam, desto mehr Nichtmagier bevölkerten die Straße, von welchen die meiste in dieselbe Richtung liefen wie Teese. Viele von ihnen zogen Handkarren, die sorgsam mit Planen abgespannt waren, um was auch immer auf ihnen transportiert wurde, vor dem Regen zu schützen.
Teese fiel in ihrer Reisekleidung unter ihnen nicht weiter auf. Die Wachen, welche am Burgportal standen und die Menschen aufmerksam betrachteten, dachten vermutlich, sie würde zu der jungen Frau gehören, neben deren Karren Teese herlief.
In die Burg zu gelangen war somit nicht die eigentliche Herausforderung. Diese bestand vielmehr darin, nun die Trainingshalle zu finden, in welcher Ro Teese erwartete. Fleck streckte seinen Kopf aus der Umhängetasche, um sich mit eigenen Augen ein Bild von der Umgebung zu machen.
‚Diese Burg ist riesig‘, stellte Teese das Offensichtliche fest.
Sie standen in einem großen Hof, welcher kreisrund von Gebäuden umgeben war. Einen Wehrgang oder Ähnliches schien es hier nicht zu geben, was aber nicht so verwunderlich war. Die Mauer, welche die Burg schützte, war die Stadtmauer von Schastel Awrosch und die war unüberwindbar – da war sich Teese absolut sicher.
‚Nichts hiervon sieht nach einer Trainingshalle aus‘, sagte Fleck. ‚Da drüben ist irgendeine Art von Büro.‘
Teese folgte dem Blick ihres Seelentiers zu einem kleinen Haus mit Glasfenstern, durch welche man in eine Schreibstube sehen konnte. Mehrere Nichtmagier standen vor der Tür Schlange.
‚Das da könnte eine Brunnenstube sein‘, fuhr Fleck fort, dessen Interesse bereits dem nächsten Gebäude galt. ‚Und dort drüben wohnen bestimmt die Bediensteten.‘
Gewaschene Hemden, die von einem Fenster zum nächsten auf einer Leine hingen, ließen Teese diese Zuordnung einleuchtend erscheinen.
‚Dann‘, entschied sie, ‚ist das dort drüben eine Küche oder ein Bäcker oder so etwas.‘
‚Anscheinend‘, stimmte Fleck zu.
Die Frau, mit welcher Teese die Burg betreten hatte, war dorthin gegangen und hatte ihren Karren abgestellt. Ein junger Bursche kam eilig aus dem Gebäude gerannt und hob einen Käfig mit zwei Hühnern aus dem Karren, die er in das Gebäude trug. Gleich darauf kam er zurück und fing an rucksackgroße Säcke abzuladen, die für Teese sehr nach Mehlsäcken aussahen.
‚Gehen wir etwas weiter‘, schlug Fleck vor. ‚Dort drüben neben diesem Turm scheint es eine Art Gasse zu geben.‘
Teese nickte und überquerte den Innenhof geradewegs. Zwischen einem niedrigen Turm und einem großen Lagerhaus gelangte sie in einen zweiten Innenhof. Dieser war größer als der erste und die Gebäude waren prächtiger. Die grauen Steinmauern waren hier weiß verputzt. Die Dächer waren mit roten Ziegeln gedeckt und die Türen und Fensterrahmen waren dunkel angestrichen wie frisch renoviert.
‚Das muss ein Palast sein‘, sagte Teese. ‚Bestimmt findet hier das Bankett statt.‘
Das Gebäude, welches sie mit ihren Worten meinte, war lang, drei Stockwerke hoch und hatte große Flügeltüren. Auf seinem Dach thronten mehrere kleine Türmchen.
‚Und das daneben ist dann die Kapelle‘, schloss sich Fleck ihren Worten an.
Das kleinere Gebäude im Schatten des Palastes hatte tatsächlich Ähnlichkeiten mit dem Gebäude auf Weltenei, welches die Erinnerungsschiffe beherbergte. Allerdings wurden in ihm keine Gottesdienste abgehalten. Überhaupt hatte Teese noch nichts Entsprechendes in der neuen Welt bemerkt. Ob die Menschen hier überhaupt an Gott glaubten und an Jesus? Man sollte es meinen. Immerhin war die Welt doch von einem Abt erschaffen worden und die ersten Magier waren allesamt Mönche gewesen.
Teese war in keiner sonderlich religiösen Familie aufgewachsen. Sie gingen nur drei oder viermal im Jahr in die Kirche zu besonderen Feiertagen. Auf Weltenei hatte sie diese Kirchgänge nicht vermisst. Weihnachten war sie schließlich zu Hause in der Kirche gewesen. Aber was war mit den anderen? Sicher gab es doch auch Magier, die aus einem religiösen Elternhaus stammten. Was machten sie hier in der neuen Welt? Oder kamen sie erst gar nicht wieder?

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements