Die Fürsten von Awrosch (13/20)

Posted on Januar 28, 2013

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Als sie später am Tag den Überbringer dieser Nachricht in Person traf, war sie froh, dass ihre erste Begegnung rein einseitig abgelaufen war. Immerhin war es unhöflich, andere Leute anzustarren, vor allem wenn sie sich – höflich formuliert – von ihrem Aussehen so deutlich von der Masse der Menschen unterschieden wie der Mann, dessen in Gold gezeichnetes Abbild nun vor Teese flackernd leuchtete.
Der Mann war hochgewachsen und kahlköpfig. Soweit war dies noch nichts Ungewöhnliches, selbst für einen Nichtmagier. Graf Darion, Nysraels Vater, dem Teese in Thorhafen begegnet war, war ebenfalls groß für einen Nichtmagier. Und der Wirt von Lorphitals, des Gasthauses am Fuße von Weltenei, war auch kahl. Beide waren zudem recht beleibt.
Allerdings war dies nichts im Vergleich zu dem Überbringer der Nachricht, die Teese gleich hören würde. Während sie das goldene Abbild mit offenem Mund mehr anglotzte als ansah, suchte sie nach einem höflichen Wort, um diese Körperfülle zu umschreiben. Allerdings wollte ihr keines einfallen.
Der kahle Kopf war massig und endete in einem Doppelkinn. Der Hals war dick und selbst von vorne konnte Teese sehen, wie sich am Hinterkopf der Speck in drei dicken Rollen wölbte. Die Arme fielen hingegen gar nicht so sehr auf, ebenso wenig wie die Beine. Das restliche Gewicht hatte sich offenkundig ganz auf einen gewaltigen Hängebauch und ausgefallen breite Hüften konzentriert.
Noch nie hatte Teese jemanden gesehen, der so dick war und deswegen konnte sie einfach nicht anders als ihn anzustarren. Wie gesagt, im Nachhinein war sie froh, dass es nur sein Abbild gewesen war, das sie so ungeniert betrachtet hatte und nicht er selbst, denn der Mann war in gleich zweifacher Beziehung eine gewichtige Persönlichkeit von Schastel Awrosch.
„Seid gegrüßt, ehrenwerte Dekananwärterin Teese“, waren seine ersten Worte, welche das Doppelkinn im Gleichklang mitschwingen ließen, so dass Teese sich zusammenreißen musste, um sich bei diesem Anblick überhaupt auf seine Worte konzentrieren zu können.
„Mein Name ist Edomar, Fürst von Schastel Awrosch. Mein Bruder, Graf Darion, ist über Eure Ankunft in unserer Stadt unterrichtet worden und würde sich freuen, die junge Dame und ihren Begleiter Rosares zum abendlichen Bankett in Burg Awrosch begrüßen zu dürfen.“
Er zögerte einen Moment und fügte dann hinzu, „Das Bankett wird bei Einbruch der Dunkelheit beginnen. Es wird ein Diener rechtzeitig hier auf Sie warten, sollten Sie der Einladung folgen wollen. Graf Darion würde sich durch Ihre Anwesenheit geehrt fühlen.“
Damit machte Fürst Edomar in seiner gesamten Körperfülle eine knappe Verbeugung, die kurzzeitig seine Hüften noch breiter werden ließ und löste sich dann in einen Strahl goldenes Licht auf, das verblasste.
Teese starrte noch einen Moment auf den nun wieder leere Fleck neben dem Kronleuchter, bevor sie sich fassen konnte.
‚Das war dann wohl Nysraels Onkel‘, kommentierte ihr Seelentier, das interessiert aus der Tragetasche schaute.
‚Hoffentlich wird Nysrael nie so dick‘, war alles, was Teese feststellen konnte. Anscheinend lag die große Beleibtheit hier wohl in der Familie. Marisan würde das allerdings kaum gefallen. So einen Schwabbelbauch konnte niemand schön finden.
‚Ich weiß nicht‘, sagte Fleck. ‚Ich glaube für die Menschen der neuen Welt gelten da andere Schönheitsideale.‘
‚Die meisten Nichtmagier, die ich gesehen habe, war aber sehr dünn‘, hielt Teese dagegen.
‚Eben‘, sagte Fleck. ‚Dick sind nur die, die es sich leisten können.‘
Die Logik erschloss sich Teese nicht auf den ersten Blick. Sie war aufgewachsen in einer Welt, in der Frauen Aerobic machten, Männer mit den Kindern zum Trimm-Dich-Pfad gingen und Kochrezepte aus dem Diätbuch von Frauenzeitschriften stammten. Dünn zu sein war schön. Dick zu sein war ein Anzeichen von mangelnder Disziplin und Intelligenz. Immerhin wusste jeder, dass dicke Menschen früher starben als dünne.
‚Früh sterben sie hier ohnehin alle‘, hielt Fleck dagegen. ‚Dann lieber zu dick als verhungert.‘
Teese ließ diese Worte kurz sacken. Für sie verhungerten nur arme Kinder in Afrika. Wie unterschiedlich diese beiden Welten doch waren.
‚Dick gilt hier als schick‘, fuhr das Seelentier fort. ‚Denk‘ doch nur an das, was Eilanne gesagt hat. Darüber, dass Ro Dir mehr zu essen geben sollte, damit Du adrett aussehen würdest und Du eine gute Partie sein würdest.‘
‚Um einen netten Mann zu heiraten.‘
‚Um einen reichen Mann zu heiraten‘, korrigierte Fleck.
Teese versuchte sich vorzustellen, dass jemand Fürst Edomar adrett finden würde, scheiterte aber daran. Vielleicht war er nett, aber für sie war er hässlich.
‚Du musst ihn ja nicht heiraten‘, sagte Fleck amüsiert. ‚Du musst Dich mit ihm heute Abend beim Bankett vermutlich nur unterhalten.‘
Teese nickte.
‚Aber versuche ihn dann nicht so anzustarren wie eben‘, fuhr das Seelentier fort.
‚Kein Problem‘, sagte Teese. Immerhin hatte sie gesehen, was es zu sehen gab. Sie würde ihm beim Reden einfach nur in die Augen schauen. Dann würde das schon gehen.
‚Vielleicht denkt er sonst, Du hättest Interesse an ihm.‘ Fleck kicherte leise.
Teese prustete los. ‚Okay. Ich werde mir wirklich viel Mühe geben.‘
Sie wandte sich von dem Kronleuchter ab und ging zur Wand des Turmes, dorthin, wo sie mit Magister Nivien gestern Abend hereingekommen war, indem sie einfach durch die Wand gegangen war.
Auch dieses Mal stellte die doch so massiv aussehende Wand keinerlei Hindernis dar und Teese verließ das Dekan Appartement und machte sich auf den Weg durch das Colligat in Richtung der Burg, die halb verdeckt hinter den drei Wächtertürmen lag.

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