Die Fürsten von Awrosch (12/20)

Posted on Januar 25, 2013

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Über die Treppe in der Wand des Turms ging Teese nach unten in die Basis des Gebäudes. Sie wusste nicht wie spät es war, aber sie hatte mit Sicherheit noch viel Zeit bis zu ihrem bisher einzigen Termin an diesem Tag. Magister Nivien hatte sie zum Abendessen zu sich eingeladen.
Teese war davon nicht überschwänglich begeistert – sie mochte weder die blondgelockte Magister allzu sehr noch ihren Mann, Magister Gaban. Davon abgesehen lebte Timar bei ihnen und ihm wollte Teese am liebsten nie wieder im Leben über den Weg laufen. Allerdings ließ es sich wohl kaum vermeiden.
Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass Timar ihr vielleicht auch nicht begegnen wollte und nicht mit zu Abend essen würde. Davon abgesehen sollte sie sich davon nicht den Tag vermiesen lassen, denn sie hatte Einiges vor.
Als erstes hatte sie sich vorbenommen, Ro zu suchen. Und anscheinend hatte auf Ro Tagesordnung etwas Vergleichbares an erster Stelle gestanden, denn er war heute bereits hier gewesen war.
Als Teese unten in den großen Raum mit dem goldenen Wandrelief kam und zwischen der Statue von Magister Gaban und Magister Nivien hindurch lief, bemerkte sie, dass sich der Kronleuchter mit den hübschen Blüten verändert hatte. In zwei von ihnen leuchteten goldene Kugeln, die Teese sofort an Aura-Kugeln denken ließ.
‚Oder Erinnerungsschiffe‘, bemerkte Fleck, der wieder in seiner Umhängetasche Platz genommen hatte, die sich auf der Reise als sehr praktisch erwiesen hatte.
‚Meinst Du, in ihnen ist etwas… drin?‘, wollte Teese wissen.
‚Bestimmt‘, erwiderte Fleck. ‚Hat Magister Nivien gestern nicht gemeint, es wäre keine Nachricht für den Dekan hinterlassen worden?‘
Teese trat an den Leuchter und streckte ihre Hand nach der erstbesten Blüte mit einer goldenen Kugel aus. ‚Du meinst, das ist eine Art… Briefkasten?‘
Teese entschied, es herauszufinden. Sie brauchte die Kugel nicht zu berühren, um die Magie zu spüren, welche von ihr ausging. Um die Nachricht zu empfangen, würde sie die Kugel vermutlich nur in die Hand nehmen müssen.
Vorsichtig berührte sie die Kugel und sofort schoss ein goldener Lichtblitz aus ihr heraus und schlug ein Stück neben ihr auf dem Boden auf. Der Lichtblitz zuckte hin und her und zeichnete von unten nach oben die Konturen einer Person nach.
Gleich darauf stand Ro neben Teese, ein goldener und durchsichtiger Ro. Nicht die reale Person, aber gleichwohl ein genaues raumfüllendes Abbild. Es war allerdings ziemlich durchsichtig und flackerte ein wenig. Teese musste an Star Wars denken, den Film, den sie an Weihnachten zu einem Teil gesehen hatte, bis ihre Mutter gemeint hatte, ihre beiden Töchter wären für so etwas noch zu jung und Teese und ihre jüngere Schwester ins Bett geschickt hatte.
In diesem Film hatte es auch so eine flackernde Nachricht gegeben wie diese hier. Von einer Prinzessin. Es war der Anfang eines großen Abenteuers gewesen, dessen Ende Teese leider noch nicht kannte. Sie fand, dass sie für den Film überhaupt noch nicht zu jung war. Allerdings war sie wohl eindeutig noch zu jung, um ihre Mutter in solchen Dingen umstimmen zu können.
„Dies ist eine Nachricht für Studentin Teese“, sagte Ros goldflackerndes Erscheinungsbild. „Ab sofort findet wieder Dein tägliches Schwerttraining statt. Erscheine heute Vormittag in der Trainingshalle der Burg.“
Damit erzitterte das Abbild ein letztes Mal und fiel in einen dünnen Lichtstrahl zusammen, der gleich darauf verlosch. Die tulpenförmige Halterung an dem Kronleuchter war nun wieder leer.
‚Schwerttraining‘, seufzte Teese in Gedanken.
‚Aber in der Burg‘, versuchte Fleck sie aufzumuntern. ‚Ich bin gespannt, wie es dort zugeht. Ich war noch nie in einer Burg.‘
‚Ich schon.‘ Ein paar Dörfer von ihrem zu Hause entfernt gab es eine große Burg auf einem Berg. Sie hieß Burg Breuberg und dort war Teese mit ihrer Schulklasse in Sachkunde gewesen.
‚Haben dort noch Leute gewohnt?‘, wollte Fleck wissen.
Teese zögerte. ‚Nein. Also ich glaube, es ist eine Jugendherberge dort.‘
‚Ich denke, Schastel Awrosch wird nicht damit vergleichbar sein‘, sagte Fleck.
Teese nickte langsam. ‚Ja, vermutlich hast Du Recht.‘
Die Burg hier war eine lebendige Burg. Hier lebten der Graf von Awrosch und sein Sohn Fürst Nysrael. Ob es hier Burgfräuleins gab? Und echte Ritter?
‚Das glaube ich weniger‘, meinte Fleck. ‚Es gibt hier keine Pferde. Jedenfalls keine ohne Flügel und die sind nur für Magier.‘
‚Schade eigentlich…‘
Teese stellte sich Ritter auf Flügelpferden vor, die durch die Luft sausten, die Lanze im Anschlag und sich gegenseitig zu Fall brachten. Wobei – dieser Fall würde dann sehr tief und vermutlich tödlich sein. Also war es vielleicht besser, auf solche Ritterspiele zu verzichten.
Teese riss sich von diesem Gedankenbild los und wandte sich der zweiten Kugel zu, die im Kronleuchter noch golden erstrahlte. Wer hatte ihr noch eine Nachricht hinterlassen? Vielleicht der Direktor, Lizenziat Noan? Oder jemand vom Magisterrat? Vielleicht Magister Gaban als Vorsteher des Colligats? Teese streckte ihre Hand nach der zweiten Kugel aus.

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