Die Fürsten von Awrosch (11/20)

Posted on Januar 21, 2013

0


Erholt und ausgeschlafen erwachte Teese am nächsten Morgen durch das ungeduldige Fiepen ihres Drachen. Obwohl Nanu schon lange kein Drachenkind mehr war, beherrschte sie noch immer das quengelnde Jammergeräusch, das Magister Nabi als Babypiensen bezeichnet hatte. Als Nanu noch klein gewesen war, hatte Teese es ziemlich süß gefunden. Bei einem großen Drachen passte es aber irgendwie nicht. Das war so als würde ein großer Lastwagen mit einer Kinderfahrradklingel hupen.
‚Ich glaube, sie will raus‘, stellte Fitz das Offensichtliche fest.
Teese gähnte und streckte sich.
„Ist gut, Nanu. Ich mache gleich auf.“
Teese ließ die Kuppel über ihrem Kopf auseinander gleiten und fand sich im hellichten Sonnenschein wieder. Nanu düste mit vibrierenden Flügeln davon und Teese rutschte an die Bettkante, um ihren Blick über das in Sonnenlicht getauchte Schastel Awrosch schweifen zu lassen.
Die Stadt direkt zu ihren Füßen sah unglaublich schön aus. Jedes Gebäude war hübscher als das nächste. Einige waren aus glänzenden Steinen errichtet, andere wirkten wie aus Glas. Einige hatten kleine hübsche Türmchen, andere besaßen weitläufige Terrassen, einen Wintergarten oder goldene Kuppeln. Bäume, blühende Sträucher und Beete mit Blumen säumten die breiten Straßen, auf der vereinzelt Magier zu Fuß unterwegs waren.
Der Himmel war strahlend blau, wenn Teese nach oben sah. Drachen und andere geflügelte Seelentiere flogen dort im Sonnenlicht und umrundeten spielerisch die drei schwarzen Türme, die majestätisch vor der Burg der Nichtmagier in den Himmel ragten.
Doch dahinter sah die Welt vollkommen anders aus. Teese sah über ihre Schulter, doch sie hatte sich nicht geirrt. Der blaue Himmel über ihr, war auf das Colligat begrenzt. Jenseits der Grenze des Stadtteils der Magier hingen dichte graue Wolken am Himmel. Strahlenden Sonnenschein gab es heute nur für Magier. Die Welt der Nichtmagier war in ein düsteres Grau gehüllt. Von Nebel verhangen lagen die schlichten Häuser vor Teese. Alles wirkte trist und öde wie eine Großstadt im Dauerregen.
‚Mir gefällt das nicht, Fleck‘, sagte Teese schließlich zu ihrem Seelentier.
‚Ich weiß‘, erwiderte das Kaninchen. ‚Aber die Magier hier scheint es nicht zu stören.‘
‚Und die Nicht-Magier?‘
‚Was meinst Du?‘
Teese seufzte. ‚Mir würde es nicht gefallen, wenn bei mir immer schlechtes Wetter ist, ich in einem baufälligen grauen Haus wohnen müsste und alles so monoton wäre, während zwei Straßen weiter alles immer schön ist.‘
‚Das gibt es auch in der alten Welt‘, stellte Fleck zu Teeses Überraschung fest. Sie hatte fest damit gerechnet, dass ihr Seelentier ihre Meinung teilen würde.
‚Du meinst unterschiedlich schöne Straßen?‘
‚Es gibt Leute, die haben wunderschöne Häuser, mit einem großen Wintergarten und einem Swimmingpool im Garten, während andere in einem heruntergekommenen Wohnblock leben, oder?‘
Teese nickte. ‚Ja, aber das ist… etwas Anderes.‘
Es war etwas Anderes. Wenn Leute Geld hatten, hatten sie das, weil sie in der Schule gut aufgepasst und sich angestrengt hatten und einen Beruf erlernt hatten, mit dem sie viel Geld verdienen konnten. Dann konnten sie sich ein schönes Haus leisten. Jeder hatte die Möglichkeit, etwas zu erreichen, wenn er sich nur anstrengte. Magier hingegen hatten einfach das Glück, dass sie Magier waren.
‚Meinst Du, es ist wirklich so einfach?‘, wollte Fleck skeptisch wissen. ‚Was ist mit all den Leuten, die reich sind, weil ihre Familien schon immer reich waren.‘
Teese zog die Nase kraus. ‚Ja, sicher, die gibt es a uch. Aber trotzdem…‘
Sie wandte ihren Blick von der geteilten Stadt ab und schloss entschieden das Kuppeldach, bevor sie sich umzog und ein Stockwerk weiter nach unten ging, um dort etwas zu essen.
Jetzt bei Tageslicht konnte Teese auch den Balkon bewundern, der hier einmal um den gesamten Wohnturm verlief. Die Aussicht allerdings blieb natürlich dieselbe wie vom Schlafzimmer aus. Irgendwie verleidete das Teese das schöne Dekan Appartement mit all seinen hübschen Sitzmöbeln, Bücherregalen und den teuren Teppichen, welche den Boden bedeckten. Wie konnte man etwas Schönes genießen, wenn um einen herum alles so schäbig war? Wie konnte man das einfach so ignorieren?

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements