Die Fürsten von Awrosch (10/20)

Posted on Januar 14, 2013

0


‚Nanu möchte rein gelassen werden‘, unterbrach Fleck Teeses Gedanken.
‚Okay, soll ich dann das Dach öffnen?‘, wollte Teese wissen.
Magister Nivien hatte ihr kurz vor ihrem Weggehen ein paar Dinge über die Räume erklärt. Wie das Wasser im Badezimmer zum Fließen gebracht werden konnte. Wie man in den Räumen Licht anmachte. Wie man sich etwas zu Essen zubereiten konnte.
Das Dekan-Appartement war ein magisches Gebäude, zu welchem man eine magische Gebrauchsanweisung benötigte, um sich überhaupt zu Recht finden zu können. Nichts funktionierte auf normalem Weg, nichts wie man es erwarten könnte.
‚Ja, öffne das Dach‘, sagte Fleck. ‚Nanu hat die letzten Tage hier oben bei offener Kuppel geschlafen.‘
‚Gut, dann versuche ich es.‘
Teese setzte sich im Bett auf und sah noch einmal gegen die Kuppel über ihr. Sie war mit Magie zu öffnen. Es funktionierte genauso wie man auf Weltenei den Leuchter mit den Erinnerungsschiffen bewegte.
Teese streckte ihre beiden Arme über den Kopf nach oben, so dass sich die Handflächen berührten. Ein wenig kam sie sich vor wie bei einer dieser Yoga-Übungen, wie sie in der Frauenzeitschrift abgebildet waren, die ihre Mutter immer las.
Teese fühlte nach ihrer Magie und führte ihre Arme dann symmetrisch und langsam zur Seite. Das sanfte Licht, welches die Gold auf Dunkelblau gemalten Deckenbilder abgegeben hatten, verlosch, als die künstliche Kuppel sich wie eine Blüte öffnete und den Nachthimmel Stück für Stück aufdeckte.
Als Teese ihre Arme seitlich von ihrem Körper ausgestreckt hatte, hörte man, wie etwas einrastete. Die Kuppel war komplett geöffnet. Teese saß in einem Bett umgeben von der Nacht in Schastel Awrosch. Über ihr standen die Sterne in einem fast schwarzen Nachthimmel. Überall um sie herum strahlte schwaches Goldlicht von den Gebäuden des Colligats zu ihr hinauf. Die drei Türme, die Wächter, zeichneten sich nicht weit von Teese ab.
Mit summend vibrierenden Flügeln senkte sich Nanu hinab aus dem nächtlichen Himmel und landete zwischen Arbeitstisch und Schreibtisch. Ein Schwall kühler Nachtluft begleitete die Landung des Drachen am Fußende von Teeses Bett.
Teese glitt aus dem Bett und huschte die Stufen hinunter, um Nanu zur Begrüßung über die Stirn zu streichen. Dann holte sie das Putzzeug aus ihrem Rucksack und rieb ihren Drachen von oben bis unten ab. Sie fütterte Nanu mit saftigen Streifen Fleisch, vermutlich rohes Steak, das mit ziemlicher Sicherheit nicht für Drachen vorgesehen gewesen war, sondern für Menschen. Aber das störte weder Nanu noch Teese. Magister Nievien hatte gesagt, sie könne sich hier nehmen, was sie bräuchte.
‚Meinst Du, ich soll das Dach auch wieder schließen?‘, wollte Teese wissen, als sie sich schließlich wieder ins Bett begab.
‚Nun, kalt kommt es nicht herein‘, stellte Fleck fest.
Teese nickte. Das war ihr auch schon aufgefallen. Sie hatte nicht so darauf geachtet, als sie das Colligat betreten hatte, aber vielleicht herrschte im Stadtteil der Magier grundsätzlich Zimmertemperatur. Oder aber das Öffnen des Daches hatte keine Auswirkung auf die Wärme im Raum. Gut möglich, dass man ein Dach öffnen konnte und es doch magisch geschlossen halten. Das Dekan-Appartement war mit Sicherheit ein Prunkstück an Objektmagie.
‚Nein, kalt ist es nicht‘, gab Teese zu. ‚Nur…‘
‚Irgendwie ist es wie auf einem Präsentierteller‘, sprach Fleck das aus, was Teese dachte.
‚Ja.‘
Sie war zwar weit über den Häusern um sie herum und lediglich von den Türmen würde man hierher schauen können. Aber sie mochte kein offenes Schlafzimmer. In einem Bett zu liegen und um einen herum keine Wände zu haben, wirkte auf Teese befremdlich.
‚Ich glaube, Nanu würde ein geschlossenes Dach auch bevorzugen‘, sagte Fleck, dem die Gedanken des Drachens im Gegensatz zu Teese nicht verschlossen waren.
‚Kein Wunder‘, sagte sie. ‚Nanu ist in einem Haus groß geworden.‘
Vermutlich fühlte sie sich unter einem Dach genauso sicherer wie Teese es tat. Mit der umgekehrten Bewegung ihrer Arme, schloss Teese das Dach wieder. Nanu rollte sich unten vor ihrem Bett ein, wie eine Katze. Teese zog die Bettdecke bis zur Nase hoch und drehte sich auf die Seite.
Wenig später schliefen Mädchen und Drache gleichermaßen. Fleck lag noch eine Weile gedankenverloren neben Teese auf der Bettdecke, bevor auch das Kaninchen einschlief und den Teese noch fremden Schlaf eines Seelentieres schlief.

<< erster Teil (1. Kapitel) | << vorheriger Teil | nächster Teil >>

Advertisements