Die Fürsten von Awrosch (9/20)

Posted on Januar 11, 2013

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Sie richtete ihren Blick auf das zweite Element des Raumes, das einem sofort ins Auge stach. Und das war eine Art riesiger Kronleuchter, der Teese augenblicklich an jenen denken ließ, welcher die Erinnerungsschiffe auf Weltenei enthielt. Auch dieser hier bestand aus einem großen Kreis mit vielen Armen. Doch während die Arme des Leuchters in der Kapelle an kleinen Schiffchen endeten, welche die Kugeln mit den Erinnerungen vergangener Dekane in sich trugen, waren die Arme dieses Leuchters kunstvollen, langstieligen Blumen nachempfunden.
An ihren Enden öffneten sich wunderschöne trichterförmige Blüten, metallische Lilien. Bei einem richtigen Leuchter in der alten Welt hätten in diesen Tüllen sicherlich schlanke Glühbirnen gesessen. Hier fehlten sie aber.
Dieser Leuchter sah nur aus wie ein solcher, er war es aber mit ziemlicher Sicherheit genauso wenig wie jener mit den Erinnerungsschiffen auf Weltenei. Und das nicht nur, weil die Glühbirnen fehlten. Ein Kronleuchter war in diesem Raum schlicht und ergreifend überflüssig. Licht gab es nämlich auch ohne Leuchter genug. Das goldene Relief an der Wand strahlte es sanft und doch hell in den Raum ab.
„Das hier ist der Empfangssaal“, erklärte Magister Nivien und ging hinüber zu dem Leuchter, der keiner war. „Hier warten Besucher für den Dekan, so er anwesend ist, oder hinterlassen ihm Nachrichten.“ Sie blieb vor dem Leuchter stehen, der so tief im Raum hing, dass ein Erwachsener sich an ihm leicht den Kopf stoßen konnte. „Zurzeit liegt allerdings keine Nachricht für ihn vor. Gehen wir nach oben.“
Teese hatte dagegen nichts einzuwänden. Allerdings konnte sie keine Treppe ausmachen, welche nach oben führte. Doch Magister Nivien ließ sich davon nicht abhalten. Sie ging auf die Lücke zwischen ihrer goldenen Statue und der ihres Mannes zu und griff nach dem goldenen Relief an der Wand.
Erst in dem Moment als Magister Nivien die Wand zur Seite zog, erkannte Teese, dass es sich überhaupt nicht um eine Wand handelte. Das Relief war ein Vorhang, hinter welchem ein schmaler Treppenaufgang einmal nach rechts und einmal nach links herum, der Rundung der Wand folgend, nach oben führte.
‚Der Vorhang ist auch magisch‘, schaltete sich Fleck ein, während Teese Magister Nivien das schmale Rundtreppenhaus nach oben folgte. ‚Ich glaube nicht, dass ein Nichtmagier ihn öffnen könnte. Ein seltsames Gebäude ist das.‘
Dem konnte Teese nur zustimmen. Dieser halbe Turm war so sehr magisch und dabei wunderschön in seinem Inneren, dass sie an ein Gebäude aus einem Märchen denken musste. Wenn man dieses hier als Vergleich nahm, hatte sie bisher keine wirklich magischen Gebäude in der neuen Welt gesehen.
‚Eine Mischung aus einem Märchenschloss und einem verwunschenen Turm‘, sagte Teese zu ihrem Seelentier.
Und diese wunderbare Bauweise setzte sich im nächsten Stockwerk fort. Das Dekan-Appartement bestand aus zwei bewohnbaren Stockwerken. Das untere beherbergte ein gigantisches Wohnzimmer mit einer großen Sitzgruppe aus kostbaren Sitzmöbeln und Kissen in ihrer Mitte. Tische in verschiedenen Höhen standen bereit und waren mit Blumen und kleinen goldenen Figuren geschmückt. Hier konnte man sitzen, reden, etwas essen und lesen.
Zwischen den Fenstern standen Bücherregale an der Turmwand und ließen den Raum mehreckig erscheinen. Kostbar eingeschlagene Bücher füllten die Regale und hätten Liina sicherlich in Verzückung ausbrechen lassen. Teese erinnerten sie allerdings nur daran, dass sie in den letzten Tagen nicht dazu gekommen war, die Kapitel zu lesen, welche Ro ihr zuletzt aufgegeben hatte zu bearbeiten.
„Im obersten Stock befindet sich der Schlaf- und Arbeitsbereich.“ Magister Nivien führte Teese über eine freitragende Treppe einen Stock weiter nach oben.
Dieses Stockwerk bestand aus einem großen Bereich mit einem Schreibtisch und einem Tisch mit verschiedenen Instrumenten darauf, die Teese allesamt nicht kannte. Das einzige, was sie zuordnen konnte, war das Teleskop, welches daneben stand.
Mehrere Stufen führten auf ein erhöhtes Podest, auf welchem ein großes Bett stand. Über diesem obersten Stock wölbte sich eine goldene Halbkugel als Dach des Turms. Verschnörkelte Bilder waren auf diese Kuppel gemalt. Teese erkannte einen Zentauren und einen Drachen, dann einen Bären und einen Bogenschützen, zwei absolut identisch aussehende Mädchen und einen Skorpion, der bedrohlich den Stachel nach oben reckte.
Teese betrachtete diese kunstvoll gearbeitete Decke lange und eingehend, nachdem sich Magister Nivien wenig später von ihr verabschiedet hatte und sie nur mit ihrem Unterhemd bekleidet auf dem großen Bett lag und nach oben schaute.
Je länger sie diese Bilder betrachtete, desto vertrauter erschienen sie ihr. Sie konnte aber weder die sich windende Wasserschlange genau zuordnen, noch den Schwan oder den Mann mit der gehobenen Keule. Wobei doch, den kannte sie. Das war Herkules aus ihrem Sagenbuch. Und auch Flügelpferde wie dieses, das dort links von ihm abgebildet war, kannte sie natürlich. Dennoch blieb der Eindruck, sie hätte so etwas schon einmal in der alten Welt gesehen. Nur wo?

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