Die Fürsten von Awrosch (8/20)

Posted on Januar 4, 2013

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Magister Nivien hatte die Worte mit einem höflichen Lächeln verfolgt, das Teese auf ihrem Gesicht festgewachsen zu sein schien und sie nicht sonderlich überzeugte. Sie machte eine einladende Handbewegung nach rechts. „Dann gehen wir hier entlang.“
Magister Recken und die meisten anderen Magier hatten bereits den Weg nach links eingeschlagen, hin zu den beiden Türmen, die man von hier gut erkennen konnte und die anders als die Häuser der Magier dunkel in den Nachthimmel ragten.
Teese folgte Magister Nivien eine weitere, wenngleich schmälere, Straße aus selbstleuchtenden Gehwegplatten entlang. Weit hatten sie nicht zu gehen. Dann erreichten sie etwas, das Teese als erstes ein dritter Turm zu sein schien.
Das Gebäude war rund wie die anderen beiden Türme. Die Mauern waren ebenso aus schwarzem Stein, wie bei den beiden Wächtern. Aber bei diesem Gebäude hörte der Turm nach knapp drei oder vier Stockwerken auf. Teese konnte ein gusseisernes Geländer sehen, das oben anscheinend rings um diesen Turmstumpf verlief. Vielleicht war es eine Art sehr schmaler Balkon, denn Teese konnte drei große verglaste Türen sehen, die dort oben die Reihe der Fenster unterbrach.
Es waren im Übrigen die einzigen Fenster in diesem Turmstumpf. Die unteren Stockwerke bestanden nur aus dunklem Mauerwerk. Es gab weiter unten keine Fenster oder gar eine Tür. Vielleicht war der Eingang auf der Rückseite des Gebäudes.
„Das ist das Dekan-Appartement“, sagte Magister Nivien.
„Oh.“ Teese wusste nicht genau, was sie erwartet hatte, aber sicher nicht einen halb abgebrochenen Turm. Er sah zwar sehr interessant und ungewöhnlich aus, aber nicht sehr… repräsentativ. Außerdem war ein Turm in ihrem Verständnis kein Appartement.
‚Fühl mal‘, mischte sich Fleck ein. ‚Das ist eine magische Bastion.‘
Teese drehte ihren Arm, so dass ihre Handfläche dem Turm entgegen zeigte. Sie musste sich nicht sonderlich konzentrieren, um die Magie zu spüren. Allerdings prickelte ihre Handfläche nicht wie sonst der Fall, sondern fühlte sich warm an. So als hätte sie ihre Hand einem eingeschalteten Backofen entgegen gehalten.
‚Warme Magie‘, stellte Teese fest.
‚Schutzmagie‘, sagte Fleck. ‚Da kommt niemand hinein, der nicht hinein soll. Egal wie starkmagisch er ist. Nicht einmal Nanu könnte durch diesen Turm brechen.‘
Und das wollte etwas heißen, schließlich waren Drachen die Wesen auf dieser Welt mit dem größten Magiespeicher.
„Teese?“ Magister Nivien sah das Mädchen prüfend von der Seite an.
Teese senkte ihren Arm. „Was für eine Magie ist das?“, wollte sie wissen.
„Du kannst sie wahrnehmen?“ Magister Nivien wirkte weniger überrascht von dieser Tatsache als vielmehr zufrieden. So wie ein Lehrer, der einen Schüler abprüfte, von welchem er ein gutes Ergebnis erwartete hatte.
Teese nickte. „Es ist ein Schutzzauber.“
„Das kannst Du auch spüren.“ Jetzt war die Magister doch beeindruckt.
„Also eigentlich…“
„Nein, Nein, Du hast vollkommen Recht“, unterbrach die Magister sie, bevor Teese erklären konnte, dass es eigentlich Fleck gewesen war, der die Schutzmagie als solche erkannt hatte. „Es ist ein Schutzzauber. Ein sehr starker. Er wird von allen Magiern in Schastel Awrosch aufrecht erhalten.“
Das erklärte, warum sich diese Magie anders anfühlte als sonst. Es war nicht die Magie, die ein Magier gewirkt hatte, sondern eine Mischung aus verschiedenen Magiearten von verschiedenen Magiern.
„In die Dekan-Appartements gelangt nur, wer in friedlichen Absichten gekommen ist“, fuhr die Magister fort. „Gehen wir hinein.“
Teese folgte der Magister, die direkt auf den Turmstumpf zuhielt. Sie hätte erwartet, dass sie das Gebäude nun umrunden würden. Aber Magister Nivien ging so zielsicher auf den Turmstumpf zu als würde es eine Tür geben. Die gab es allerdings nicht. Der Stein war vielmehr durchlässig.
Die Magister lief einfach durch die Mauer hindurch. Als würde sie überhaupt nicht existieren. Einen Augenblick überlegte Teese, ob die massive Mauer nur eine Illusion war, doch als sie der Magister folgte, fühlte sich die Mauer durchaus massiv an. Nicht wie eine Mauer, aber es war eindeutig ein Hindernis zu spüren. So als würde man durch einen Wasserstrahl laufen.
Das Gefühl, gerade durch etwas Massives und doch Durchlässiges zu laufen, ließ Teese kurz schaudern. Dann war sie im Inneren des Turms und hatte nur noch Augen für das Gebäude selbst. Hätte sie raten müssen, welcher Dekan hier für die Innenausstattung verantwortlich gewesen war, hätte sie auf Dekan Roath getippt.
Sein Werk waren der goldene Engel auf der Spitze des Turms von Weltenei und die wunderschönen Wandmalereien im Dekanat. Dies hier war eine Mischung aus beidem. Der Turmstumpf war ein großer Raum ohne Wände, Treppen oder auch nur Tragesäulen, welche die Decke stützten.
Es war ein großer, runder Raum, dessen rundumlaufende Wand über und über mit goldenem Stuckwerk bedeckt war. Dargestellt waren Drachen in allen ihren verschiedenen Formen, Flügelpferde und bis ins Detail gestaltete Tiere. Vor ihnen standen goldene Statuen in Lebensgröße, die allesamt Magier darstellten. Teese entdeckte schnell bekannte Gesichter.
Ihr gegenüber stand Magister Gaban ganz in Gold und neben ihm seine Frau, Magister Nivien. Auf der anderen Seite stand eine Statue von Magister Recken. Seine dunkle Hautfarbe war natürlich bei einer goldenen Statue nicht zu erkennen, aber seine Frisur mit den dicken langen Haarsträhnen war unverkennbar, selbst wenn Teese seine Gesichtszüge noch nicht so vertraut waren.
‚Das müssen die Magier sein, welche den Schutz aufrecht erhalten‘, stellte Fleck fest.
Teese nickte gedankenverloren. Das war naheliegend.

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