Die Fürsten von Awrosch (7/20)

Posted on Dezember 29, 2012

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Die Straße, welche direkt hinter der Stadtmauer weiter führte, war nur spärlich beleuchtet. Direkt hinter der Mauer standen zwei große steinerne Statuen wie Wächter und etwas neben ihnen zwei Männer, wie sie Teese bereits in Thorhafen gesehen hatte.
Es waren Soldaten des Grafen von Awrosch. Ihre rote Kleidung war Teese noch in guter Erinnerung. Anscheinend handelte es sich bei ihr um eine Art Uniform, denn die Kleidung war identisch mit jener, welche die Soldaten in Thorhafen getragen hatten. Die Hosen waren enganliegend und steckten von den Knien abwärts in dunklen Lederstiefeln. Die Uniformoberteile waren Jacken mit einer auffälligen Knopfleiste, die ebenfalls eng saßen.
Anders als in Thorhafen trugen die beiden Soldaten, welche hier anscheinend den Eingang in die Stadt bewachten, zudem rote Umhänge, deren Stoff Teese auf den ersten Blick nicht wirklich einordnen konnte. Ein wenig sah er nach Filz aus, ein wenig nach Pelz.
Als die beiden Männer Magister Recken aus der Stadtmauer treten sahen kreuzten sie ihre Piken, um ihm damit den Weg zu verstellen. Kaum hatten sie ihn jedoch erkannt, zogen sie die Waffen eilig wieder zurück und wichen einen Schritt nach hinten. Niemand sprach ein Wort, doch Teese konnte sehen, wie die Männer sie betrachteten, verholen aber neugierig.
Magister Recken ignorierte sie und lief ebenfalls wortlos an ihnen vorbei. Teese folgte ihm, auch wenn es ihr unhöflich vorkam, jemanden zu passieren, ohne einen guten Abend zu wünschen. So etwas gehörte sich einfach nicht. Allerdings hätte es vermutlich komisch ausgesehen, hätte sie jetzt etwas gesagt, denn auch die Magier, welche ihr folgten, schwiegen allesamt.
Teese folgte Magister Recken die Straße entlang zu einem größeren Platz. Vor ihnen und somit wohl im Zentrum von Schastel Awrosch konnte man eine Burg aufragen sehen. Teese konnte sie verhältnismäßig gut erkennen, denn um sie herum war die Stadt hell erleuchtet. Dort schien es eine Straßenbeleuchtung zu geben und Licht brannte in den Häusern, welche Teese von hier aus sehen konnte. Die Burg war auf einem erhöhten Punkt der Stadt errichtet worden. Hätte es die Türme des Colligats nicht gegeben, hätte die Burg die gesamte Stadt sicherlich stolz überragt. So aber stand sie im Schatten der Türme, welche links von ihr aufragten.
Dorthin wandte sich Magister Recken, um den Stadtteil der Magier zu betreten. Die Grenze zwischen ihm und dem Rest von Schastel Awrosch war einfach zu erkennen. Die Straße, die bis jetzt aus Kopfsteinpflaster bestanden hatte, wurde auf einmal zu einer mit Platten sorgfältig ausgelegten Allee, die von hübschen runden Laternen ausgeleuchtet wurde.
Teese schauderte kurz, als sie diese unsichtbare Grenze überschritt und der Allee durch eine schmale Parkanlage folgte. Die Magier hinter ihr schlossen nun zu ihnen auf, so dass sie wieder eine Gruppe bildeten. Magister Nivien kam zu Teese und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
„Willkommen in unserem Colligat, Dekananwärterin Teese“, sagte sie.
Teese wusste nicht so Recht, was sie dazu sagen sollte und entschied sich für ein schlichtes. „Danke.“
„Ich hoffe, es wird Dir bei uns gefallen“, fuhr Magister Nivien fort. „Wir haben für Dich das Dekan-Appartement hergerichtet. Es liegt direkt oberhalb der Loge, mit einem schönen Blick auf das ganze Colligat.“
Teese nickte nur. „Lizentiat Noan hat mir schon davon erzählt.“ Wobei er nichts von einer Loge erzählt hatte. Ob es hier ein Theater oder etwas in der Art gab?
„Dann würde ich vorschlagen, dass ich Dich jetzt dorthin bringe“, sagte die blonde Magister. „Sicher bist Du müde und hungrig von Deiner langen Reise. Man hat uns recht Abenteuerliches über die letzten Stunden erzählt.“
Abenteuerlich. Ja, das war passend. Erzählungen von den Ereignissen der letzten Stunden ihrer Reise mit Ro klangen sicher wie aus einem Abenteuerroman. Die unheimliche Begegnung mit Efraim am dunklen Waldrand. Ihr überstürzter Aufbruch mit Ro, der Hinterhalt auf der Brücke. Ihre Flucht durch den magischen Nebel und hinein in die alte Welt.
Müde und hungrig war sie allerdings nicht. Dafür umso neugieriger auf das Dekan-Appartement. Davon abgesehen würden die Magister jetzt zum Rat zusammen kommen und es gab nichts, was sie verpassen konnte, denn zu einem Magisterrat war Teese mit Sicherheit nicht eingeladen, in Weltenei war es so und in Schastel Awrosch würde es kaum anders sein. Sie mochte eine Dekananwärterin sein, aber sie war auch immer noch eine Studentin, zudem eine Studentin, die noch ihre weiße Schärpe trug.
„Dann trennen sich unsere Wege hier für heute.“ Noan hatte sich ebenfalls zu ihnen gesellt. „Falls wir uns nicht mehr sehen sollten, bevor ich in die alte Welt zurückkehre, verabschiede ich mich dann jetzt von Dir.“
Die Gruppe hatte die schmale Parkanlage inzwischen durchquert, von welcher Teese nicht mehr als die Umrisse von Bäumen und Büschen hatte ausmachen können, und war im eigentlichen Colligat angekommen. Hier war es so hell beleuchtet wie ein einer modernen Stadt, wenngleich die Lichtquelle eine ganz andere war.
Die Platten der Allee leuchteten in einem matten Licht, so dass man seinen Weg nicht verfehlen konnte und auch die Häuser strahlten in einem goldenen Orange als wären die Hausfassaden mit Licht bestrichen worden. Nicht grellem und blendendem Licht, sondern einem sanften und angenehmen.
Teese musste sofort an die Halle des Lichts denken, welche der Taberna Akademika auf Weltenei vorgelagert war. Die Steine dort waren magischer Natur, geschaffen von einem Objektmagier und dasselbe musste auf die Bausubstanz des Colligats zutreffen.
Teese riss sich nur schwer von dem wunderschönen Anblick der matt leuchtenden Häuser los. „Dann auf Wiedersehen“, sagte sie zu Noan. „Und vielen Dank für Ihre Hilfe.“
Dafür war Teese wirklich dankbar. Was hätte sie tun sollen, wenn sie mitten in Frankreich gestrandet wäre, ohne Geld und ohne einen Ort, an den sie hätte gehen können. Nun, sie hätte natürlich einfach irgendwo auf einer Bank sitzen und die Zeit verstreichen lassen können, um dann bei Tageslicht zu versuchen, wieder in die neue Welt zu gelangen. Aber es wären Stunden voller Ungewissheit gewesen. Ungewissheit, ob sie auf der anderen Seite nicht von den Schärgen erwartet werden würde. Ungewissheit, was mit Ro geschehen war, was mit Nanu und was mit ihrem Seelentier.
„Keine Ursache“, erwidere der Direktor. Und trotz seiner Magierrobe, sah Teese in ihm in diesem Augenblick mehr den alten freundlichen Herren im Anzug als einen Magier. „Genieße Deinen Aufenthalt in Schastel Awrosch. Ich bin mir sicher, es gibt für Dich hier viel zu entdecken.“

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