Die Fürsten von Awrosch (6/20)

Posted on Dezember 21, 2012

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Schweigend sah Teese zu dem Licht des mittleren Turms, dem höchsten der drei Wächter. Vielleicht konnte sie einmal einen Blick auf diesen Kristallspiegel ergattern. Vermutlich müsste sie nur Magister Gaban fragen, der dem Coligat vorstand. Sicher würde er ihr den Spiegel zeigen.
Das goldene Licht verlosch, als sich Teese und die anderen der Stadtmauer soweit genähert hatten, dass sie beim Blick nach oben auch den Turm verdeckte. Zwei Fackeln, die eng nebeneinander an der Mauer befestigt waren, waren nun die einzige Lichtquelle in der Dunkelheit. Sie markierten eine Tür in der Stadtmauer.
Teese blickte irritiert nach vorne, aber sie hatte sich nicht geirrt. In dieser Stadtmauer gab es kein großes Tor, wie man vielleicht erwartet hätte, sondern eine einfache Tür. Sie war nicht größer als eine Haustür. Vielleicht wirkte sie etwas massiver und war mit zwei langen Eisenbeschlägen versehen. Dennoch war es eine normale Tür, sogar mit einer Klinke daran.
Magister Recken, welcher der Gruppe vorangegangen war, öffnete die Tür recht unzeremoniell und trat ein. Lizenziat Noan machte zu Teese eine einladende Handbewegung, dass sie vor ihm durch die Tür gehen sollte.
Neugierig betrat Teese Schastel Awrosch oder genauer gesagt die Stadtmauer, welche die Stadt schützte und nicht nur unglaublich hoch war, sondern auch sehr dick. In den beiden Erinnerungsschiffen, mit welchen Teese Schastel Awrosch bereits gesehen hatte, hatte sie auf der Stadtmauer gestanden. Sie wusste, dass man die gesamte Stadt auf einem Wehrgang umrunden konnte. Der Gang war so breit, dass man sogar mit zwei Autos bequem hätte nebeneinander fahren können.
Allerdings würden man in einem solchen Fall aufpassen müssen, nicht vom Wehrgang abzukommen, denn vor dem Sturz nach unten würde man nur durch eine kniehohe Einfassung aus Zinnen bewahrt werden. Ro war in der Erinnerung, die Teese gesehen hatte, von der Mauer gesprungen, ohne vorher über ein Geländer oder eine sonstige Einfassung klettern zu müssen. Die Mauer schützte die Stadt vermutlich nicht über eine besondere Schutzvorrichtung auf der Mauer, sondern alleine durch ihre imposante Größe und Breite.
Hinter der Tür, die Teese gerade durchschritten hatte, erstreckte sich jedenfalls die gewaltige Basis der Mauer. Magister Recken folgend lief Teese durch einen dunklen Gang, der nicht breiter war als es die Tür gewesen war und auch nicht höher. Wenn sich hier zwei Menschen begegneten, würde es schon recht eng werden. Es war eine merkwürdige Art, eine Stadt zu betreten und eine recht unpraktische. Wie brachte man Waren nach Schastel Awrosch, wenn nicht einmal ein Handkarren durch diesen Gang passte?
Und Teeses folgende Entdeckung machte die Sache nicht einfacher, sondern noch komplizierter. Denn als sie ins Freie kam, stellte sie fest, dass sie der Weg direkt auf eine schmale aber sehr lange Holzbrücke führte, der über einen Wassergraben führte, nur um direkt dahinter wieder in einem Gang in einer zweiten Mauer zu verschwinden.
‚Das ist der Wassergraben, den Dekanin Iva angelegt hat‘, erkannte Teese überrascht.
‚Und die Mauer, die vor uns liegt‘, fügte Fleck hinzu, ‚ist dann die Stadtmauer, die sie errichtet hat.‘
‚Ja.‘ Teese war verwirrt. ‚Aber sie haben anscheinend nochmal eine Mauer davor gebaut.‘
War dies schon zu Ros Zeiten so gewesen? Sie hatte mit seinen Augen zwar einmal zurück zur Stadt geschaut, aber für die Mauer hatte er keinen Blick übrig gehabt. Sie hatte ihn nicht interessiert, so wie ihn die gesamte Stadt nicht interessiert hatte. Sein Interesse hatte vor allem Magister Nabi gegolten und dem bevorstehenden Kampf gegen die Truppen von Argentanien und auch das nur, weil ihm dies die Möglichkeit gab, gegen Riesen zu kämpfen und sich ihre Magie einzuverleiben.
Teese ließ die Brücke hinter sich und trat in den Gang, der unter der zweiten Stadtmauer hindurch führte. Er war wesentlich kürzer als der erste und die Mauer anscheinend niedriger als die neuere vor ihr.
Schastel Awrosch versprach eine interessante Stadt zu sein und Teese bedauerte es sehr, dass sie die Stadt in der Dunkelheit der Nacht betreten musste, so dass sich das meiste ihren neugierigen Blicken entzog.

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